Wiedergeburt und Reinkarnationsparanoia

Von Werner Schwarzanger

Der Gedanke der Wiedergeburt ist so gefährlich wie wahr. Entsteht der Mensch aus Blut und Boden? Oder, immer wieder erneut, aus seines ureigenen Seelenkeim? Laut Gotthold Ephraim Lesssing hat uns „die Sophisterei der Schule“ längst den Verstand so weit „zerstreut und geschwächt“, dass uns die Ahnung der Menschwerdnotwendigkeit, „so oft wieder [zu] kommen, als ich neue Kenntnisse, neue Fertigkeiten zu erlangen geschickt bin“, nur noch wie ein dünnster Ammendunst umweht.

Der bodenständige Peter Rosegger wusste es noch: „Der Mensch sinkt als Vater zu Grabe und steht als Kind wieder auf.“ Daher rät er uns allen, „dass wir das Spiel nicht auf eine einzige Karte setzen sollen“, „vielmehr froh sein mögen, diesen Körper, wenn er unbrauchbar geworden, ablegen zu können, um einen neuen, frischen anzuziehen“. Und David Hume und Voltaire, die unbestechlichen großen Skeptiker, pflichten ihm bei. Auferstehung ist für Voltaire „das ein und alles der Natur“. Und für Hume ist die Lehre von der Wiederverköperung „weder widersinnig noch unnütz“, sondern die einzig philosophisch ernst zu nehmende Deutung des Todes. Und da angesichts der von den Cyborgisten ersehnten „technologischen Singularität“, durch die sich an der Mensch-Maschine-Schnittstelle das Machtverhältnis radikal umkehren wird, die zerstreute und geschwächte Menschlichkeit radikaler auf dem Spiel steht denn je, ist es höchste Zeit, dass wir uns daran erinnern, was wir eigentlich sind: ihre Schicksale ewig selbst wählende freie individuelle Entelechien! Und die transmortale allmähliche Selbstwerdung ist der alle Spezialisierung tragende Grundberuf der menschlichen Entelechie.

Einerseits ging keiner von uns  d u r c h  den Tod wundesamen Selbstverwandlern „je so reich davon“, sagt Jean Paul, „dem nicht bei jeder Rückkehr das Leben der Erde frische Reichtümer entgegenbringen könnte“. Dies ist die generell zu entdeckende Lebensmutquelle, um die „die verschwisterte Menschengemeinde“ so lange körperhemdwechselnd kreisen wird, bis sie sich im freiesten Geist als solche erkannt und den Füreinanderbund  a l l e r  Menschen auf Erden gestiftet hat.

Andererseits droht die Ahnung der eigenen Selbstverwandlungsgeschichte in unselbstkritischen Gemütern sich zum Selbstverwechslungswahn zu entfachen, dem sich das eigene Leben zum „großen Kino“ virtualisiert. Hat man sich selbst erst einmal als die Hauptrolle schlechthin entdeckt, ist es nur noch ein Schritt dahin, so ziemlich alles, was auf Erden je Rang und Namen hatte, im eigenen Bekanntenkreis wiederzufinden. Der ferne Rest der Welt versinkt damit zur öden anonymen Ottonormalverbraucherei, die man am besten sich selbst überlässt. „Wohl mir“, ruft Lessing daher aus, dass ich „vergesse, dass ich schon dagewesen“: „Die Erinnerung meiner vorigen Zustände würde mir nur einen schlechten Gebrauch des gegenwärtigen zu machen erlauben. Und was ich auf jetzt vergessen  m u s s, habe ich denn das auf ewig vergessen?“ Mitnichten, versichert der Karlsruher Prälat Johann Peter Hebel, der einmal sogar eine Predigt darüber entwarf, „ob wir schon einmal gelebt“, die er dann aber doch nicht zu halten wagte. Die wir „aus einer süßen Schale der Lethe getrunken“, verkündet er da, werden dereinst aus der „süßeren der Mneme“ trinken und uns „so vieler Wanderungen“ durch „so viele Gestalten und Verhältnisse“ erinnern. Und dann? „Welche Genüsse, welcher Gewinn!“ Diese nicht in lethebewusster Bescheidung geduldig abzuwarten hat einen katastrophalen Preis.

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