Das Glück von Göttingen. Eine Einladung, Heinrich Detering zu lesen, vielleicht in einer schlaflosen Nacht.

im finstern Tal

weil sie neben mir jetzt gleichmäßig atmet
weil die Kinder schief lächeln im Traum
weil mein Herz wieder so ruhig schlägt
wie der Wecker auf dem Nachttisch
weil der Herr mein Hirte ist auf dieser

grünen Aue
liege ich schlaflos
vor Glück

Heinrich Detering

Von Chrysostomos

Dieser Mann, 1959 im holsteinischen Neumünster geboren, ist ein Poeta doctus, wie er, Wortspiel beabsichtigt, im Buche steht. Das darf allerdings bei einem, der des großen Germanisten Albrecht Schöne (letzter) Assistent war, der nach dem Studium – in Göttingen, Heidelberg und Odense – der Deutschen und der Skandinavischen Philologie, der Evangelischen Theologie, der Philosophie seit 1995 in Kiel lehrte, bis er 2005 einem Ruf an die Georg-August-Universität folgte, seiner Alma mater, nicht verwundern. Ein Poeta doctus freilich ist Heinrich Detering, der mit so leichter Hand sein Wissen in die Lyrik einstreut, daß es, so oder so, ein Vergnügen ist, sich deren Lektüre auszusetzen. Man wird Deterings Gedichte immer mit Gewinn lesen, auch dann, wenn man die Anspielungen und Zitate nicht (alle) ausmachen kann.

Ohnehin kommt hinzu, daß Detering nicht nur an Größen wie Thomas Mann, über dessen Zeit im kalifornischen Exil er jüngst bei S. Fischer einen Band vorlegte (Thomas Manns amerikanische Religion, 2012), wie T. S. Eliot, wie Tomas Tranströmer erinnert, sondern sich nicht weniger, übrigens auch als Literatur- und Kulturwissenschaftler, mit den Strömungen und Helden der Popkultur auseinandersetzt. Beispielsweise mit Buffalo Bill und Dolly Parton. Eines von Deterings Seminaren in diesem Wintersemester gilt „Elvis Presley“, dem er in Old Glory (Göttingen: Wallstein, 2012) folgendes Memento mori hinterherschickt:

*

Graceland

Elvis lag auf den Knien als er starb
im Gnadenland die Zunge zerbissen
im Badezimmer halb nackt vorm WC
zu lange schlaflos von den Tabletten

seine Geliebte nebenan schlief schon
erschöpft zu lange schlaflos sie hatte
ihn nicht mehr gehört als er fiel als er
die Zunge zerbiss auf den Knien lag

im Gnadenland vorm WC als er starb

Das Motiv des Schlafes, des Todes Bruder – und das der Schlaflosigkeit – wird aufgenommen in „im finstern Tal“. Auch wer nicht das Buch der Bücher, wer nicht, wie Detering, und wie Bert Brecht, die Bibel als das ihm liebste Buch anführt (Detering: es „gibt kein Buch, mit dem ich seit so langer Zeit so regelmäßig umgehe, das in demselben Maße zum Teil meines Lebens geworden ist wie dies“), wird wohl sofort das im Titel angeführte, in der fünften und sechsten Verszeile wieder aufgenommene Zitat benennen können. Es ist den Psalmen entnommen, dem dreiundzwanzigsten (aus dem, nebenbei, mein Konfirmationsspruch stammte): „Der Herr ist mein Hirte“.

John Rutter, Leonard Bernstein, Paul Creston, Alexander von Zemlinsky, Anton Bruckner, auch Franz Schubert, Johann Walter, Heinrich Schütz haben diesen, Bach gleich mehrfach, vertont. Ebenso wie Duke Ellington, wie Pink Floyd, Bobby McFerrin, die Patti Smith Group und U2 (Bono und Bob Dylan, zu dem gleich mehr, zeichnen für den Text von „Love Rescue Me“ verantwortlich). Musik liegt bei Detering, der selbst singt, Keyboard spielt und über Bob Dylan – dessen Songbook er auch gern als Lieblingsbuch genannt hätte – publiziert hat.

Das lyrische Ich, dem das (gewiß grüne) Bettlaken zur „grünen Aue“ gerät, liegt „schlaflos / vor Glück“ auf dem-, auf derselben. Es weiß sich von Gott beschützt, mangeln wird ihm nichts. Damit aber nicht Glückes genug. Die Frau atmet gleichmäßig, so gleichmäßig, wie die erste Strophe aufgebaut ist, schläft also ruhig und fest; die Kinder, womöglich deren drei, lächeln, wenn auch schief, im Traum. Und, was für ein schönes Bild, „weil mein Herz wieder so ruhig schlägt / wie der Wecker auf dem Nachttisch“, sechzig Schläge in der Minute, ein guter Ruhepuls, kann das lyrische Ich, kann vielleicht der Dichter – alles ruht, einer wacht – nicht schlafen. Wohlgemerkt: vor Glück!

NB: Heinrich Detering, Old Glory. Gedichte. Göttingen: Wallstein, 2012. 74 Seiten, 16,90 Euro. Deterings Bob Dylan – in der Neuen Luzerner Zeitung als eine der „klügsten, originellsten und erhellendsten Untersuchungen von Dylans Werk“ gefeiert – ist, in dritter, durchgesehener und erweiterter Auflage, 2009 bei Reclam erschienen (248 Seiten, 5, 80 Euro). In Stuttgart herausgekommen ist auch Reclams großes Buch der deutschen Gedichte, 2007, knapp zwei Kilogramm schwer, das der Herausgeber Detering um kundige und präzise Kommentare erweitert hat. Solche Kurzbiographien läse man gern öfter. Deterings Gedichte sowieso. Diese sind, wie auch manche seiner wissenschaftlichen Arbeiten, im Göttinger Wallstein Verlag erschienen. Übrigens in wunderbar gestalteten Ausgaben, Wrist 2009, Schwebstoffe fünf Jahre zuvor. Und im letzten August Old Glory.

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