Rote Lippen soll man küssen, denn zum küssen sind sie da, tandaradei! Eine Deutschstunde mit Ludwig Harig, der den Minnesang in den Blick nimmt. Dazu schlägt die Nachtigall.

Under der linden

Under der linden
an der heide
dâ unser zweier bette was,
dâ mugent ir vinden
schône beide
gebrochen bluomen unde gras.
Vor dem walde in einem tal,
tandaradei,
schône sanc diu nahtegal.

Ich kam gegangen
zuo der ouwe:
dô was mîn friedel komen ê.
dâ wart ich empfangen,
hêre frouwe
daz ich bin sælic iemer mê.
er kuste mich wol tûsent stunt,
tandaradei
seht, wie rôt mir ist der munt.

Dô aet er gemachet
alsô rîche
von bluomen eine bettestat.
des wirt noch gelachet
inneclîche,
kumt iemen an daz selbe pfat.
bî den rôsen er wol mac,
tandaradei,
merken, wâ mirz houbet lac.

Daz er bî mir læge,
wessez iemen,
(nû enwelle got!), sô schamt ich mich.
wes er mit mir pflæge,
niemer niemen
bevinde daz, wan er und ich,
und ein kleinez vogellîn
tandaradei,
daz mac wol getriuwe sîn.

Walther von der Vogelweide

Von Chrysostomos

Diesen, wenn man so will, Schlager des Minnesangs in einer für Kinder gedachten Reihe (Die Bücher mit dem blauen Band, bei S. Fischer, betreut von Tilman Spreckelsen) vorzustellen, scheut Ludwig Harig sich nicht. Wie die Wörter tanzen lernten nennt sich Harigs „erlebte Poetik“ von 2009. Auch wenn es dem früheren Grundschullehrer, im Sommer 1927 im saarländischen Sulzbach geboren und seither dort lebend, an pädagogischem Geschick keinesfalls mangelt, und auch wenn ein Glossar – von Alexandriner bis Vers – die gängigsten Termini erläutert, scheint uns der sehr schön aufgemachte Band eher für größere, ältere Leser geeignet. Ein Zehnjähriger dürfte damit über weite Strecken überfordert sein.

Harig stellt Sonette vor, von Gerhard Rühm, von Paul Fleming, von Louise Labé (in der Übertragung von Rainer Maria Rilke), nennt jene von Shakespare „gar unzählbar“, was nicht stimmt, denn es sind hundertvierundfünfzig (darum hat George eben nicht mehr übersetzt, übersetzen können), und bekennt als einer, der selbst der strengen Form verfallen ist: „Wer einmal mit dem Dichten von Sonetten angefangen hat, kann nicht mehr damit aufhören.“ Im Kapitel über den Versfuß geht Harig auf Martin Opitz‘ Buch von der Deutschen Poeterey (1624) ein, berücksichtigt Rilke, Uhland und, immerhin, Ernst Moritz Arndts Schlafliedchen: „Schlafe, Kindlein, hold und weiß, / das noch nichts von Sorgen weiß“

Wenn er „Mittelhochdeutsche Dichtung und ihre Welt“ behandelt, lädt Harig, fasziniert vom „sinnlich Greifbare[n] der Sprache“, die Leserschaft zu „Reisen in alte Mären“ ein. Nach Reinmar von Hagenau kommt er auf dessen Schüler Walther von der Vogelweide zu sprechen, unterschlägt aber die zwei letzten der insgesamt vier Strophen von dessen bekanntestem Lied, „Under der linden“. Die „Zeitreise durch die Poesie des Mittelalters“ gerät zugleich zu einer „Reise durch die Geschichte der deutschen Sprache“ Dankbar ist Harig den Übersetzern, die eine „nicht hoch genug einzuschätzende Sisyphosarbeit“ leisteten, welche sie „zu Helden werden“ lasse.

Aber auch so erschließt sich doch, gerade beim lauten Lesen, die Bedeutung der (meisten) Wörter, die aus fernen Zeiten grüßen. Darum, und weil sie ohnehin in so gut wie allen gängigen Anthologien (beispielsweise in Das deutsche Gedicht. Vom Mittelalter bis zur Gegenwart, herausgegeben von Wulf Segebrecht, S. Fischer, 2005) zu finden ist, verzichten wir hier auf die Übertragung und halten es mit der Nachtigall. Tandaradei!

NB: Im Würzburger Lusamgärtlein soll Walther, über dessen Leben wenig Gesichertes bekannt ist, um 1230 begraben worden sein. Auch in Passau mag er gewesen sein, kannte wohl den dortigen Bischof Wolfger, der dem „cantori de Vogelweide“ hundertfünfzig Silberlinge zusprach, auf daß er sich einen Pelzrock kaufen könne. Weh mir, wo nehm’ ich, wenn es Winter ist, die Blumen, und wo den Sonnenschein,und Schatten der Erde? Die Mauern stehn sprachlos und kalt, im Winde klirren die Fahnen.

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