Haltbar bis weit ins dritte Jahrtausend hinein, mindestens. Über das Überleben von Gedichten und ihnen geltenden Zeitschriften. Und über das Bier.

Die Dichter

Sie steigen eifrig in die Buchen
nach gutem Versestoff zu suchen

Sie hocken sinnlos in den Tannen
um in die Welt hinauszuspannen

Sie warten endlos in den Kiefern
die nie, nie, nie Ideen liefern

Doch sitzen sie dann in den Fichten
können sie plötzlich richtig dichten

Stan Lafleur

Von Chrysostomos

All die Dichtung, die Dichter, die Dichterinnen, die in Das Gedicht im Laufe von inzwischen zwei Jahrzehnten Berücksichtigung gefunden haben, auch nur in Auswahl anzuführen, verbietet sich hier. Ein Blick in den Index der Jubiläumsausgabe – sie ist derart gefragt, daß in diesen Tagen ein erster Nachdruck erscheint – macht wahrlich staunen. Mit dem Ziel, via „lesbarer Lyrik [und Besprechungen aktueller Gedichtbände sowie Einlassungen der Dichter oder Herausgeber zum Stand der poetischen Dinge] ein breit gefächertes Publikum anzusprechen“, ist Anton G. Leitner vor zwei Dekaden auf den Plan getreten. Mit seiner Zeitschrift, die er zumeist allein, bisweilen mit Mitherausgebern betreut, ist Leitner, dem, wie wohl auch den Leserinnen und Lesern seines immer umfangreichen, immer anregenden Magazins, „Poesie ein unverzichtbares Lebens-Mittel“ ist, genau das gelungen: für Lyrik zu begeistern. Und zwar seit 1993. Das beweist schon die für eine Literaturzeitschrift alles andere als kurze Lebensdauer von zwei Jahrzehnten.

Um nun doch, wenigstens vor Ort oder nahe bei Fuß, einige Namen zu nennen, die in Leitners Poesie-Postille zu lesen sind und waren: Paul Maar ist in der Jubiläumsnummer vertreten. „Ländliche Frau Nacht“ zählt zu den hundert besten Gedichten „für die nächsten 20 Jahre“, die hier versammelt sind, genauso wie „Vegetarisches Massaker“ von Fitzgerald Kusz. In alten Nummern waren bereits Tochter und Vater Gomringer vertreten, Nora, die Direktorin des Internationalen Künstlerhauses Villa Concordia, gleich in zwei Ausgaben. Michael Wildenhain steht für die ehemaligen, der aus dem niederbayerischen Hengersberg gebürtige Harald Grill für die derzeitigen Stipendiaten der Bamberger Concordia.

Kuszs „Massaker“ kommt naturgemäß im Dialekt daher („di domoodn könnä nu su schreiä / däi kummä undäs messä“). Auch Christopher Ecker, lange schon in Kiel zuhause, bedient sich seiner Heimatsprache, des Saarpfälzischen („von de drei käschdschjer“), während die alten saarländischen Hasen Ludwig Harig und Johannes Kühn auf den Dialekt verzichten. Erwin Messmer hingegen stellt sein „Rääzel“ im St. Galler Dialekt, Matthias Koeppel dichtet auf Berlinerisch. Schön im übrigen, sehr schön, daß auch Luxemburg vertreten ist (Jean Krier), Österreich und die Schweiz ohnehin, und mit Michael Donhauser in zwei frühen Heften, den Nummern 3 und 5, auch ein Liechtensteiner. Weiters sind ab und an Übersetzungen in Das Gedicht zu lesen, etwa die Marsmenschen-Lyrik Craig Raines schon in der allerersten Ausgabe. Last not least hat sich das Periodikum für die Lyrik von Kindern – Amrei, Fritzi, Jonas, Lisa – und für Kinder (Hans Manz, Paul Maar) stark gemacht.

Franz Josef Czernin hat im Jahr 2000 ein Sonett William Shakespeares ins Deutsche gebracht, ein Dutzend Jahre später begeistern sich Gabriele Trinkler („pornosonett“), Lothar Thiel („die darmstädter symphoniker spielen auf“), Alfons Schweiggert („So-Nett“), der Ratinger Weinrich Weine aka Jürgen Preuss („Diagnose nach der Gesundheitsreform“), Altmeister Karl Riha („ich bin ein wilder sonettist“) und Dieter Höss („Zeitgenössich“) für diese strenge Gedichtform. An die berühmte Villanelle von Dylan Thomas – „Do not go gentle into that good night“ – erinnert Richard Dove („Du gingst so sanft in jene Gute Nacht“), Michael Augustin in seiner „Betriebsanleitung für das Gedicht“ an den Liverpool Poet Adrian Mitchell. „Gehen Sie in Deckung“, warnt Augustin. „Schützen Sie sich vor Ansteckung. / Benutzen Sie Kondome.“ Auch gilt es, „blasenfrei“ zu zapfen, zu beachten, „dass es zu farblichen Abweichungen kommen kann“. Völlig konträr zu den Gepflogenheiten im Lyrikbetrieb empfiehlt Augustin: „Legen Sie kein Rückporto bei.“ Stattdessen heißt es: „Schlagen Sie es sich aus dem Kopf.“ Und doch solle man, schließt die „Betriebsanleitung“, nachdem man sich die Hände gewaschen hat, „Papier und Bleistift bereit“ halten. Ergänzend dazu liefert Axel Kutsch eine „Anleitung“ für die Leser von Gedichten, in der es völlig korrekt heißt: „Verbindliche Regeln gibt es nicht.“

*

Blue Moon

Das Sternenmeer
Schwappt

Durchs Fenster.
Mein kleines

Zimmer sticht
In See.

Babette Werth

Die Jubelnummer von Das Gedicht – sie kommt aus Weßling bei München – eröffnet mit einem Blick zurück auf die schwierigen Anfangsjahre in finanzieller Not, einer Erinnerung an Karl Krolow, der von Beginn an, bis zu seinem Tod 1999, Zeichen setzte, an Werner Dürrson (dem der Elster Verlag, inzwischen in Zürich zuhause, eine schöne Werkausgabe gewidmet hat), an Erika Burkhart und Robert Gernhardt, allesamt „herausragende Beiträger der Zeitschrift“, allesamt verstorben.

Längst nutzt Leitner das Netz, ist seit 1995 online präsent und hat dieses mediale Da-Sein kontinuierlich ausgebaut, bis hin zu einem Blog und einem Videokanal. Ohne dabei das Miteinander und den „direkten Dialog mit unserer Leser-Familie“, denn der liegt ihm „besonders am Herzen“, über Bord zu werfen. Man trifft sich bei Lesungen und Seminaren, man kämpft um Lorbeer beim „Hochstadter Stier“, einem Dichterwettbewerb im Gasthof Schuster, der Ende Januar zum fünften Male ausgefochten wird.

Mentor des Wettstreits ist Matthias Politycki (wie der eingangs angeführte Stan Lafleur aus Karlsruhe gebürtig, nach Jahren in München in Hamburg lebend), der auch als Mitherausgeber des 2012er Jahresbandes verantwortlich zeichnet. Politycki hat aus den vorausgehenden Nummern zwanzig Gedichte ausgewählt, als eine „lyrisch unkorrekte Geschichte der deutschsprachigen Realpoesie innerhalb der letzten beiden Jahrzehnte“. Für den Hoffmann-und-Campe-Autor, der auch im Internetzeitalter seine Briefe noch handschriftlich in grüner Tusche zu Papier bringt, gilt: „Zweck eines Gedichtes ist für mich der Austausch von Lebenserfahrung mit den Mitteln von Sprache – nicht umgekehrt.“ Seine Auswahl, neben anderen Krolow, Maiwald, Walter Helmut Fritz, Robert Schindel, der Usinger Franz Hodjak, Steffen Jacobs, Bas Böttcher, mutet in der Tat „auch heute noch erfreulich frisch an“. Sie macht Lust auf mehr. Und darauf, bekräftigt Politycki, komme es doch wohl an. Genau! Im Meer der Das Gedicht-Gedichte tummeln sich 1592 Texte. Hinzu kommt die aktuelle Auslese des Jubiläumsjahrgangs. Sie mundet, sie mundet so gut, daß Walle Sayer bereits „Die leeren Weinflaschen“ zu besingen hat: „Nach der zweiten Bouteille schon / stehen sie mit der Erhobenheit / von Zeigefingern da.“

Ehe Leitner zwanzig Novitäten in Kurzbesprechungen vorstellt, darf sich ein halbes Hundert Autoren zum Ist und künftigen Sein der Lyrik äußern. Wie so mancher, konstatiert Günter Kunert, daß Gedichte immer geschrieben würden, beklagt aber die schwindenden Leser und deren schwindende Aufnahmefähigkeit: „Die Leser […] hingegen werden mehr und mehr des Lesens und der dafür notwendigen Muße entlohnt.“ Ulla Hahn ist da weit optimistischer, Axel Kutsch erinnert an das „absurde Theater“ der Lyrikpreisflut, die oft ein- und dieselbe überschwemmt, Barbara Maria Kloos ist der „gefällige Tochtersound“ zuwider, Leander Beil, Jahrgang 1992, mahnt an, daß es an der Zeit sei, die „vor Kitsch triefende Internet-Poesie-Welt mit ernsthaften Texten aufzupeppen“.

Wie auch immer: „Blumen für alle“ (Brigitte Fuchs)! Und einen besonders schönen Strauß an Anton G. Leitner, seine Helferinnen und Helfer!! Und für die Dichter? Warum nicht ein Bier, warum nicht eines aus Bamberg – man achte auf die vorletzte Zeile dieser Petitesse, die der Innsbrucker Ludwig Wolfgang Müller zum Jubiläum kredenzt:

*

liebesbrief des einsamen biertrinkers

wie gärt es dir
wo lagerst du
du sonnenschein in meinem märzen
habe jedes bräuhaus schon nach dir durchstüberlt

brau doch vorbei
und malz mich fest
ich gerste gleich vor bock
dass ich es mit dir trübe

gar manche sagen dass du fremdgärst
was pilsen sich die leute ein
dass solchen sud sie zapfen

ich hopf du weizt
dass ich stehts lieb dich halbe
schnitt
dein urtyp

Ludwig Wolfgang Müller

NB: Ach ja – das Jubiläum feiert BR-alpha am kommenden Samstag, den zwölften Jänner, von halb elf am Abend bis kurz nach eins in der Nacht. Eingeladen wird zu einem „Internationalen Gipfeltreffen der Poesie“. Cheers, abermals!!! Und jetzt: Schnitt!

NBB: Nein, noch nicht ganz. Wie man soeben hört, wird das „Denkzeit“-Gipfeltreffen über neun Tage nach der Erstausstrahlung hinweg in der Mediathek des BR abrufbar und einsehbar sein.

Ein Gedanke zu „Haltbar bis weit ins dritte Jahrtausend hinein, mindestens. Über das Überleben von Gedichten und ihnen geltenden Zeitschriften. Und über das Bier.

  1. Vielen Dank, Bamberger Onlinezeitung,

    für diesen schönen Artikel und dieses Honorierungsmodell: „Und für die Dichter? Warum nicht ein Bier, warum nicht eines aus Bamberg?“ In meinem Öwre nimmt die Bierthematik ja breiten Raum ein. Ein Beispiel:

    symposion über trinkgewohnheiten

    nie mehr sauf ich billigsekt
    weil der echt zum kotzen schmeckt.
    und wie ist’s bei dich?

    ich trinke manchmal birnensaft,
    weil der gibt meiner birne kraft.
    doch am liebsten schluck’ ich bier,
    und dann – denke ich an dir.

    Weiteres Entnüchterndes gerne auf Anfrage.

    Herzlichste Grüße aus Bilbao

    Lothar Thiel

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