Spanien schaut gegen Portugal schon in den Abgrund, rettet sich aber über das Elfmeterschießen ins Finale

Winnie Wenzel

Im gestrigen EM-Halbfinale zeigte Portugal gegen den großen Bruder von der iberischen Halbinsel seine beste Turnierleistung, zumindest über die ersten 90 Minuten. Mit großer Einsatzfreude, mannschaftlicher Geschlossenheit, intelligenter Taktik und individueller Klasse störte man über die normale Spielzeit hinweg erfolgreich das spanische Kombinationsspiel, so dass der Titelverteidiger nur wenige Großchancen bekam. Diese häuften sich allerdings in der Verlängerung, als die Portugiesen ihr aufwändiges Laufspiel nicht mehr durchhalten konnten und von ihrer Bank kein adäquater Ersatz mehr zu rekrutieren war. Ich erinnere nur an eine Situation in der 104. Minute, als Andres Iniesta, wunderbar freigespielt, aus kurzer Distanz am glänzend reagierenden portugiesischen Torhüter Rui Patricio scheiterte. Allerdings hatte auf der anderen Seite in der letzten Minute der regulären Minute noch Ronaldo höchstpersönlich das Schicksal des Spiels auf seinem Fuß gehabt; aber wie so oft während dieser EM vergab er aus aussichtsreicher Position.

In gewisser Weise führten die Portugiesen vor, wie man Spanien ,spielen kann’: Mit sieben defensiven Leuten, vier davon in der Abwehr, drei im Mittelfeld, blockte man das gegnerische Angriffsspiel, das sich nur auf fünf Mittelfeldspieler und einen Stürmer (Alvaro Negredo, eher unglücklich agierend) stützen konnte. Die portugiesische Überzahl nervte Spaniens Rasenkünstler durch geschicktes Verschieben und – wie bereits erwähnt – eine unglaubliche Laufarbeit. Als symptomatisch kann hier der Fall Xavi betrachtet werden. Spaniens Relaisstation im Mittelfeld hatte höchstens zwei Drittel seiner üblichen Ballkontakte und wurde in der 87. Minute zerschlissen ausgewechselt. Ob Trainer Busquets Einfall, Fábregas nicht in der Startelf zu bringen, ein glücklicher war, mögen andere diskutieren, ich setze da mal ein Fragezeichen. Durch das gefährliche Konterpotential der Portugiesen, blieb der kreative Part im zentralen Mittelfeld weitgehend an Xabi Alonso hängen, wodurch er tendenziell überfordert war, die Außenspieler Andrés Iniesta und David Silva weniger angespielt wurden und die Abwehr sich auch weniger als gewohnt in die Angriffe einschalten konnte. Das Schiedsrichtergespann leitete die zunächst sehr fair, mit abnehmenden Kräften dann aber ziemlich rustikal geführte Partie mit viel Fingerspitzengefühl.

Bemerkung zur Tendenz der Presse-Berichterstattung: Wenn Portugal tatsächlich so super gespielt hat, wie alle schreiben, kann Spanien, das die Verlängerung eindeutig dominierte, nicht ganz schlecht gewesen sein.

PS. Glück im Unglück hatte Portugal noch insofern, als das Spiel erst eine gute halbe Stunde (Ortszeit) nach dem Siebenschläfertag zu Ende ging. Sonst hätte man sich ernsthaft Sorgen machen müssen, bei den nächsten sieben EMs jedes Elfmeterschießen zu verlieren – oder so ähnlich.

 

Portugal – Spanien 2:4 (0:0, 0:0, 0:0) n.E.
Elfmeterschießen:
Xabi Alonso verschießt
Moutinho verschießt
0:1 Iniesta
1:1 Pepe
1:2 Piqué
2:2 Nani
2:3 Sergio Ramos
Bruno Alves verschießt
2:4 Fàbregas
Portugal: Rui Patricio – João Pereira, Pepe, Bruno Alves, Fábio Coentrão – Veloso (106. Custodio) – Meireles (113. Varela), Moutinho – Nani, Cristiano Ronaldo – Hugo Almeida (81. N. Oliveira)
Spanien: Casillas – Arbeloa, Piqué, Sergio Ramos, Alba – Busquets – Xavi (87. Pedro), Xabi Alonso – Dav. Silva (60. Jesus Navas), Iniesta – Negredo (54. Fàbregas)
Schiedsrichter: Cakir (Türkei)
Zuschauer: 48.000
Gelbe Karten: João Pereira, Pepe, Bruno Alves, Fábio Coentrão, Veloso – Arbeloa, Sergio Ramos, Busquets, Xabi Alonso

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