Snooker-WM 2012 im Crucible Theatre in Sheffield

von Winnie Wenzel

Snooker. Foto: SFC9394 Creative Commons

Snooker ist eine Variante des Billards

Natürlich geht auch von jenem Spiel, bei dem sich 22 Leute um die Richtung einer elastischen Kugel streiten, sich dabei ordentlich wehtun und das Geschehen durch schauspielerische Einlagen zu beeinflussen suchen, eine gewisse Faszination aus; allerdings werden sich sportbegeisterte Menschen, die Gefallen am präzisen Umgang mit Kugeln finden, wohl eher für Snooker interessieren. Snooker ist eine Variante des Billards, bei der es im Kern darum geht, 15 rote und sechs andersfarbige ,Bälle’ nach bestimmten Regeln abwechselnd in die Taschen des Spieltisches zu versenken. Der Name ,Snooker’ bezieht sich auf eine taktische Spielsituation, bei der ein Spieler sein Ziel nicht direkt anspielen kann, sondern eine komplizierte Lösung (Spiel über Bande) wählen muss, um einen Fehler zu vermeiden; man sagt dann, er wurde ,gesnookert’.

Beim Snooker einen langen Ball zu lochen, ist ungefähr so, wie beim Basketball aus dem eigenen Feld heraus Körbe zu werfen

Derzeit (21. April bis 7. Mai) steht in Sheffield das große Finale der Saison 2011/12 an, die Weltmeisterschaft. Hier begegnen sich die großen Meister dieses Sports in ultralangen, oft genug die Nerven zerfetzenden Duellen, so dass die Rolle des Zufalls minimiert wird. Um die Leistungen dieser Genies einigermaßen einschätzen zu können, muss man sich selber einmal an einem Snookertisch versucht haben; Erfahrungen im Poolbillard, womöglich gar an einem dieser kleinen Kneipentische vermitteln da nur schiefe Vorstellungen. Das Snookerfeld ist absolut riesig, die Kugeln sind winzig, die abgerundeten Taschen klein und dazu noch tückisch abgerundet, so dass viele Bälle wieder herauslaufen, die bei normalen Pool-Taschen locker hineinpurzeln würden. Beim Snooker einen langen Ball zu lochen, ist ungefähr so, wie beim Basketball aus dem eigenen Feld heraus Körbe zu werfen. Wenn ein Snooker-Champ einen guten Tag hat, kommt er dabei auf über 70%; außerdem legt er seinen Spielball in der Regel noch so ab, dass der Gegner damit nichts Vernünftiges anfangen kann.

Snookered on two reds. Foto: Flo12 Creative Commons

Der Verlauf der aktuellen WM brachte schon viele Überraschungen, z.B. ein wahres Favoriten-Sterben in der ersten Runde (Mark Allen, Ding Junhui, Mark Selby, Shaun Murphy), die erstaunliche ,Wiedergeburt’ des Altmeisters Stephen Hendry, der den Titelverteidiger John Higgins im Achtelfinale mit 13:4 abfertigte und dem zuvor, in seiner Partie gegen Stuart Bingham, bereits das Kunststück eines Maximum Breaks gelungen war, sowie erstmals in der WM-Geschichte gleich zwei weibliche Schiedsrichter, wovon eine – Michaela Tabb – sogar das Finale leiten wird.

Öffentliche Sportsender übertragen die meisten Partien und ich kann nur sehr dazu raten, sich die eine oder andere anzuschauen. Mein persönlicher Lieblingsspieler ist übrigens der unberechenbare Engländer Ronald Antonio „Ronnie“ O’Sullivan, der schon dreimal Weltmeister war und in dieser Saison das German Masters gewonnen hat. O’Sullivan, der optisch ein wenig an Mr. Bean erinnert, zeichnet sich durch eine extrem schnelle Spielweise aus, wodurch absolut geniale Läufe gelingen, hin und wieder aber auch katastrophale Fehler unterlaufen. In beiden Fällen agiert „Ronnie“ – darin einem Boris Becker in dessen besten Tagen vergleichbar – hochemotional, in seinem Gesicht zeichnen sich Spielfreude, ,Flow’, Übermut, Galgenhumor, aber auch Enttäuschung, Frustration bis hin zu tiefster Depression 1:1 ab.

O’Sullivan hält mit 5:20 Minuten den Rekord des schnellsten Maximum Breaks bei offiziellen Turnieren, in der ewigen Rekordliste gehören ihm übrigens auch die Plätze zwei bis fünf. In seiner bisherigen Karriere gelangen ihm insgesamt elf Maximums. Bei diesen Bestleistungen im Snookersport räumt der Spieler in einer Aufnahme den gesamten Tisch ab und erzielt 147 Punkte. Um auf diese maximale Zahl zu kommen, müssen alle roten Bälle im Wechsel ausschließlich mit der schwarzen Kugel (welche die höchste Punktzahl bringt) versenkt werden. Gestern Abend schlug der Engländer im WM-Achtelfinale Mark Williams mit 13:6; dieses Ergebnis ist spektakulär, zählt der Walliser derzeit doch zu den aktuell zwei, drei besten Spielern der Welt. Im letzten Frame (so etwas wie der ,Satz’ beim Tennis) leistete sich O’Sullivan, von Williams gesnookert, supercool und zwischendurch mit dem Publikum schäkernd neun (!) Fehler in Serie, wobei er 36 Strafpunkte abgab, um danach die Partie in seiner nächsten Aufnahme zu gewinnen.

Die extrem faire Einstellung der Spieler, ein Gentlemen Sport eben

Was mir am Snooker übrigens noch gefällt, ist die extrem faire Einstellung der Spieler; sie betrachten ihr Spiel, obwohl es dabei um richtig viel Geld geht, als „Gentlemen Sports“. So gehört es zum (fast) durchweg befolgten Ehrenkodex, keine unlauteren Vorteile zu akzeptieren, sondern beispielsweise auch den Schiedsrichter zum eigenen Nachteil zu korrigieren, wenn man es besser weiß. Die kleine Einschränkung referiert auf ein Ereignis der aktuellen WM, wo Mark Allen seinem chinesischen Gegner Cao Yupeng in der Pressekonferenz vorwarf, ein Foul (einen sog. ,Durchstoß’), das der Schiedsrichter nicht erkannt hatte, nicht selbst angezeigt zu haben.

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