Dieter Wieland zum 75. Geburtstag

Dieter Wieland. Foto: Hermann Reichmann

Dies ist sicher eine sehr persönliche Gratulation zum 75. Geburtstag des „Großvaters“ der Unbequemen. Seit den 70er Jahren arbeitet sich Dieter Wieland als Fernseh-journalist und Buchautor an Themen ab, die damals brisant waren, es immer noch sind und heute nicht besser dargestellt werden könnten. Aus Anlass des Geburtstags hat das Bayerische Fernsehen einige seiner Filme wieder ins Programm aufgenommen. Wir legen sie unsern Lesern als Fernsehtipp ans Herz. Allein die Titel sprechen Bände:

Grün kaputt, Die große Kunst ein kleines Haus zu bauen, Unser Dorf soll hässlich werden.

Dieter Wieland, 1937 in Berlin-Dahlem geboren, wird im Krieg nach Landshut verpflanzt und ist seither in Bayern verwurzelt. Er studiert Geschichte und Kunstgeschichte in München, ein wenig Architektur und Jura. Von 1964 an ist er freier Autor, Regisseur und Dokumentarfilmer beim Bayerischen Rundfunk (BR). 1978 erschien von ihm die Informationsbroschüre Bauen und Bewahren auf dem Lande für das Deutsche Nationalkomitee für Denkmalschutz. Hier die Mitschrift vom Alpha-Forum des BR aus dem Jahr 2000. Wieland hielt bei der Gründungsveranstaltung der landesweit tätigen Arbeitsgemeinschaft Denkmalnetz Bayern am 13. Januar 2012 in der Evangelischen Akademie Tutzing den Festvortrag zum Thema Baukultur braucht Tatkraft und Courage. Zu seinen zahlreichen Auszeichnungen gehört der Schinkel-Ring, Oberbayerische Kulturpreis und der Bayerische Verdienstorden.

Markenzeichen seiner Filme sind lange Einstellungen, die zum genauen Hinsehen und Mitdenken zwingen, seine aus dem Off zu hörende, melancholisch klingende Stimme und die beißenden Kommentare, die dem Zuhörer und Zuschauer durch Mark und Bein gehen. Wieland ist ein kompromissloser Kulturkämpfer. Waschkörbeweise sind damals in den 70er Jahren die Proteste beim BR aufgelaufen, doch die Sendung wurde weiter ausgestrahlt. Er ist der wortmächtigste Sprachkünstler mit unvergleichbar hymnischen Sprachkaskaden, die untermauert werden von einem kongenialen Bildkünstler als optischer Spurensucher.

Ein Kahlschlag geht durchs Land: Die staatlich verordnete Flurbereinigung ist eines seiner Themen aus der Reihe Topographie des Bayerischen Rundfunks. Immer wieder prangert er die „Serienlandschaft“ des ländlichen Raums an, die am Reißbrett konstruiert ihre Identität zu verlieren droht. Er erreichte eine Änderung der Philosophie der Flurbereinigung. Seine Meinungsbildung führte letztendlich zum Umdenken der staatlichen Behörde.

Erst vergangenes Jahr meldete er sich zu Wort, als die Bayerische Landesregierung die „Lex Edeka“ erlassen hat, worin sie größeren Supermärkten am Ortsrand den Weg öffnet, damit lebendige Zentren bedroht und eine weitere Versiegelung des Bodens fördert. Der Einzelhandel und die Heimatpflege befürchten eine Gleichmacherei, nicht nur der Architektur. Als seinen größten Misserfolg bezeichnet er den titanischen Kanal durchs Altmühltag. Die Frankfurter Allgemeine Zeitung attestierte ihm in einem Interview 2011: Mehr Wirkung als Sie kann man als Fernsehjournalist kaum entfalten! 

Sein Plädoyer für Nachhaltigkeit, für einen sorgsamen Umgang mit Natur und der Umgebung des Menschen sind legendär. Unerbittlich weist er auf Fehlentwicklungen hin und ist dabei kein Gestriger, sondern zeigt gelungene Beispiele der Moderne, er liebt Qualität in jeder Form – beim Bauernhaus und bei der Oper. Einige seiner Zitate mögen als Appetitanreger für die unten aufgeführten Fernsehbeiträge im BR dienen:

Die Politik hat alles dem Markt überlassen – und der ist brutal.
Ein Kahlschlag geht durchs Land.
Wir haben keinen Städtebau, keine Städteplanung, keine Siedlungspolitik.
Der Preisdruck der Innenstädte jagt die Bewohner aus den Städten, das Land ist voller Pendler, das ganze Land ist einfach dem Auto überlassen worden.
Wenige haben verdient, alle haben den Schaden zu tragen.
Verschacherung der idyllischen Landschaft zur Gewinnmaximierung.
Wie viel Würde hat ein altes Haus noch neben einem protzigen Neubau?
Die meisten scheinen die Natur für eine Schlamperei zu halten.

Die Verfasserin hat in der eigenen Jugend die Beiträge im Bayerischen Fernsehen verfolgt, wohl ist die Leidenschaft für die Kunst- und Kulturgeschichte und das Engagement für den Erhalt der Denkmäler daraus erwachsen. Danke, Dieter Wieland, und herzlichen Glückwunsch zum Geburtstag!

Christiane Hartleitner

Grün kaputt
Ein Film von Dieter Wieland aus dem Jahr 1983
Montag, 5. März 2012, 23.00 Uhr
Dienstag, 6. März 2012, 14.15 Uhr

Der Garten
Ein Film von Dieter Wieland aus dem Jahr 1981
Mittwoch, 7. März 2012, 14.15 Uhr

Das Wirtshaus
Ein Film von Dieter Wieland aus dem Jahr 1999
Mittwoch, 7. März 2012, 23.00 Uhr
Donnerstag, 8. März 2012, 14.15 Uhr

Dorferneuerung
Ein Film von Dieter Wieland aus dem Jahr 1990
Donnerstag, 8. März 2012, 23.00 Uhr
Freitag, 9. März 2012, 14.15 Uhr

Unser Dorf soll hässlich werden
Ein Film von Dieter Wieland aus dem Jahr 1975
Freitag, 9. März 2012, 23.00 Uhr

4 Gedanken zu „Dieter Wieland zum 75. Geburtstag

  1. Zum Glück kann man die Filme von Dieter Wieland nun auf youtube nachsehen. Sehr empfehlenswerkt auch sein Film „“Bayerische Hauslandschaften: Mittelfranken“. Ein sehr eindringlicher Film über die Fachwerkbauernhäuser in Franken, von denen es viele so schon gar nicht mehr gibt…
    Dieter Wieland ist immer noch hochaktuell!

  2. Das Engagement von Dieter Wieland ist auch für die Zuschauer schon seit langer Zeit eine Herzensangelegenheit. Wir leben in Nordhessen und haben uns fast alle Wiederholungen angesehen. Vor 25 Jahren konnten wir einen Bezirks Baukonservator (damals zuständig für Dorferneuerung) erfolgreich auf die Arbeit von Dieter Wieland aufmerksam machen.
    Mit etwas Verspätung gratulieren meine Ehefrau und ich noch zum 75. Geburtstag und wünschen Dieter Wieland viel Gesundheit, Glück und Zufriedenheit (die er in seiner Stimme sogar bei Berichten über Bausünden noch anklingen lassen konnte).

  3. Schon seit den 80igern verfolge ich das Wirken von Dieter Wieland. Es ist heute noch genauso aktuell wie damals. Leider hat man keine Lehren daraus gezogen.
    Der schnöde Mammon hat immer noch das Sagen, mehr denn je.

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