Krieg ist leise

Projekt »Abseits der Schlachtfelder« des Bamberger Kriegsfotografen Till Mayer an Schulen und Universität
von Anne-Nikolin Hagemann

Truong Thie Thuy, Bäuerin aus Vietnam mit vier behinderten Kindern – mutmaßliche Agent-Orange-Opfer. Foto: Till Mayer

Krieg ist laut. Schüsse, Schreie, Fernsehnachrichten. Die Welt horcht auf. Irgendwann sind alle Patronen verschossen, die Schreie verstummt, die Kamerateams abgezogen. Doch der Krieg geht weiter. Leise. In den Köpfen, in den Träumen, in den Herzen. Abseits der Schlachtfelder.

»Abseits der Schlachtfelder« – so heißt die Rotkreuz-Ausstellung des Fotografen und Journalisten Till Mayer, die ab Januar bis Ende März durch die Domstadt wandert. Elf Schicksale aus elf Ländern sind auf mannshohen Stand-up-Bannern in Fotos und Texten dargestellt. Elf Menschenleben, die der Krieg für immer verändert hat. Elf Menschen, die den Krieg überlebt haben und nun trotzdem mit ihm weiterleben müssen. Denn Krieg kann man beenden, aber nicht besiegen. Den Bayernauftakt für das Projekt setzte die Eröffnung der Ausstellung mit Buchpräsentation im Bayerischen Landtag. Seit dem wandert die Ausstellung durch Süddeutschland. Veranstaltet wird sie in Bamberg vom heimischen BRK-Kreisverband, gefördert wird das Schulprojekt durch die Sparkasse Bamberg.

Betrachtet man die schlichten Schwarzweißfotos der Porträtierten, sieht man: Der Krieg ist in ihnen. In ihren Augen, in ihrem Lächeln.

Von 1996 bis 2010 war der Bamberger Till Mayer (www.tillmayer.de) als Journalist oder als Delegierter des Roten Kreuzes in den Kriegs- und Krisengebieten dieser Welt unterwegs. Er hat Menschen getroffen, die eines verbindet: Der Krieg hat ihnen etwas genommen. Gliedmaßen, geliebte Menschen, Hab und Gut.

Palästina. Foto: Till Mayer

Sichtbar und unsichtbar sind die Wunden, die die Zeit nicht heilen kann: Sichtbar, wie bei Mau Sauy aus Kambodscha, der eine Mine das rechte Bein abgerissen hat. Oder wie bei Onufriy Dudok aus der Ukraine, den eine verblassende Tätowierung auf dem linken Unterarm an seine Jugend erinnert. Seine Jugend in den Konzentrationslagern der Nazis.

Unsichtbar, wie bei Barry Romo aus den USA, der im Vietnamkrieg sechs Menschen tötete, deren Schreie ihn bis heute nicht schlafen lassen. Wie bei Andreas Kerner aus Bad Staffelstein, der nach über 60 Jahren des Friedens immer noch Tränen in den Augen hat, wenn er über seinen 1946 in Kriegsgefangenschaft gestorbenen Vater spricht. 60 Jahre hat er nach dessen Grab gesucht, nach 60 Jahren hat er nun endlich einen Platz zum Trauern.

Irak. Foto: Till Mayer

Doch nicht nur von Tränen und Tod berichten die elf Porträtierten. Truong Thie Thuy, Bäuerin aus Vietnam, spricht über das Glück, das sie spürt, wenn ihre vier behinderten Kinder – mutmaßliche Agent-Orange-Opfer – zumindest eine Zeit lang nicht erkranken. Der 13-jährige Ibrahim Hamdan aus Palästina, der seinen Rollstuhl täglich durch das Trümmerfeld rund um sein Flüchtlingslager manövrieren muss, erzählt, warum Lächeln für ihn »ein bisschen Frieden ist«.

Doch selbst, wenn die Überlebenden vom Glück und vom Lächeln sprechen, bleibt beim Leser ein bitterer Nachgeschmack zurück. Bitter, als spüre man Metall von Granatensplittern oder Patronenhülsen auf der Zunge. Denn wer ihre Bilder betrachtet und von ihrem Schicksal liest, weiß, dass die elf Menschen zwar weiterleben können. Aber nicht vergessen.

Till Mayers Reportagen und Bilder sind nicht auf Sensationen aus. Keine lauten und reißerischen Kriegsberichte, keine Bombendetonationen, kein Artillerielärm. Die elf Lebensgeschichten erzählt er vorsichtig und persönlich. Leise. Denn das ist es, was der laute Krieg zurückgelassen hat: Stille. Wenn das Lachen des eigenen Kindes für immer verstummt, wie bei Mohamed Barkadle aus Äthiopien und Ammar Yusef aus dem Irak. Wenn man über das eigene Leben nur noch leise und mit Tränen in den Augen sprechen kann, wie Sadae Kasaoka, deren ganzes Leben von einem einzigen Tag geprägt wurde: Vom 6. August 1945, dem Tag des Atombombenabwurfs über Hiroshima.

An dem Projekt »Abseits der Schlachtfelder« nehmen fünf Bamberger Gymnasien, und die Otto-Friedrich-Universität teil. Weiter wird die Ausstellung im Bistumshaus St. Otto gezeigt. Das Projekt wird von Vorträgen der Zeitzeugin Elisabeth Müller-Klein und des Autors flankiert.

Ausstellung: »Abseits der Schlachtfelder« in Bamberg:

9.1. bis 13.1. Clavius Gymnasium, Kapuzinerstr. 29
16.1. bis 20.1. Maria-Ward-Gymnasium, Edelstr. 1
23.1. bis 27.1. Kaiser-Heinrich-Gymnasium, Altenburger Str. 16
6.2. bis 10.2. Eichendorff-Gymnasium, Kloster-Langheim-Str. 10
13.2. bis 2.3. Universitätsbibliothek 4, Heumarkt 2
5.3. bis 25.3. Bistumshaus St. Otto, Heinrichsdamm 32

Öffentliche Vernissage mit Vortrag des Autors:

14.2. 19 Uhr Universitätsbibliothek 4, Heumarkt 2

»Die Geschichten hinter den Bildern« – Abendvortrag des Autors:

25.1. 20 Uhr Kaiser Heinrich-Gymnasium, Altenburger Str. 16

»Abseits der Schlachtfelder«

von Till Mayer
68 S., 46 Abb., 21 x 26 cm, geb., ISBN: 978-3-940821-07-2
Preis: 10,- Euro
Erich Weiß Verlag
im Buchhandel erhältlich

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht.