Neuer Armutsbericht des Paritätischen Wohlfahrtsverbands: Auch in Bayern steigt die Armutsgefährdung

Paritätischer Wohlfahrtsverband

Bayern hat im bundesweiten Vergleich zwar die niedrigste Armutsgefährdungsquote. Aber auch in Bayern steigt die Zahl der von Armut bedrohten Menschen kontinuierlich. Das ist das Ergebnis des aktuellen Armutsberichts, den der Paritätische Wohlfahrtsverband heute in Berlin vorgestellt hat.

„Auch im reichen Bayern gibt es Armut! Das positive Ranking und die gute wirtschaftliche Lage sollte Arbeitsauftrag sein, mehr für diejenigen zu tun, die von Armut betroffen sind“, erklärt Margit Berndl, Vorstand für Verbands- und Sozialpolitik des Paritätischen in Bayern.

Der gute Durchschnittswert dürfe nicht darüber hinwegtäuschen, dass es in Bayern Regionen gibt, die deutlich über dem bundesweiten Durchschnitt liegen. So sei beispielsweise die Armutsgefährdung in Nürnberg im Vergleich zum Vorjahr um 1,5 Prozentpunkte auf 22,3 Prozent im Jahr 2015 gestiegen. Im Jahr 2010 lag sie noch bei 18,4 Prozent. Zum Vergleich: bundesweit lag die Armutsgefährdung bei 15,7 Prozent, in Bayern bei 11,6 Prozent.

Arbeit schützt nicht vor Armut

Die Armutsgefährdung steige trotz wirtschaftlich guter Daten. So lag die Arbeitslosenquote im Jahr 2015 in Bayern bei 3,6 Prozent. „Das zeigt, dass in Bayern viele Menschen nicht vom Wirtschaftswachstum profitieren und vor allem, dass Arbeit nicht vor Armut schützt“, so Berndl.

Es gibt in Bayern viele Menschen, die den Anforderungen der Wissensgesellschaft, der fortschreitenden Digitalisierung und der vom Einzelnen immer mehr fordernden Arbeitswelt nicht gerecht werden können. „Sozial ist nicht nur, was Arbeit schafft. Sozial ist auch, was Menschen ein Leben in Würde, was ihnen die Teilhabe am gesellschaftlichen Leben ermöglicht“, so Berndl.

Erwerbslose, Alleinerziehende und Familien mit mehreren Kindern besonders von Armut betroffen

Als armutsgefährdet gilt, wer weniger als 60 Prozent des mittleren Einkommens zur Verfügung hat. Das heißt, dass ein Single weniger als 1.025 Euro pro Monat zur Verfügung hat oder eine Familie mit zwei Kindern unter 14 Jahren weniger als 2.153 Euro. „Bedenkt man, wieviel Geld davon in vielen Städten Bayerns allein für die Miete gezahlt werden muss oder wie viel Geld Eltern zu Beginn eines Schuljahres für Schulbücher und Schulmaterial ausgeben müssen, wird klar, dass es viel mehr Menschen in Bayern gibt, bei denen es gerade für das Nötigste reicht“, so Berndl.

Die von Armut am stärksten betroffenen Menschen sind Erwerbslose mit 59 Prozent und Alleinerziehende mit 43,8 Prozent, gefolgt von Menschen mit niedrigem Qualifikationsniveau, Menschen mit Migrationshintergrund, Familien mit drei und mehr Kindern. Die Armutsgefährdungsquote von Kindern lag im vergangenen Jahr bei 19,7 Prozent – also fast jedes fünfte Kind ist von Armut bedroht. Das ist seit Jahren bekannt.

Um Armut wirkungsvoll zu bekämpfen, braucht es politischen Willen

„Offensichtlich fehlt es in Deutschland an politischem Willen, endlich Armut wirkungsvoll zu bekämpfen“, kritisiert Berndl. Dabei sind Bund, Länder und Kommunen in der Verantwortung. Nur wenn alle gemeinsam an einem Strang ziehen, kann das gelingen.

Das Beispiel Nürnberg zeigt, dass auch Kommunen viel tun können und tun, um die Folgen von Armut abzumildern. So gibt es in Nürnberg das „Netz gegen Armut“, in dem die Akteure, die sich für Menschen mit niedrigem Einkommen einsetzen, gemeinsam mit der Stadt ihre Angebote abstimmen. Der NürnbergPass bietet viele Vergünstigungen für Menschen mit niedrigem Einkommen. Die Stadt versucht, mit verschiedenen Maßnahmen günstigen Wohnraum zu schaffen. Nürnberg zeigt aber auch, dass die Kommunen allein Armut nicht bekämpfen können, wenn die entsprechenden Rahmenbedingungen ungünstig sind.

Neben dem politischen Willen, braucht es:

  • eine Politik gegen Niedriglöhne, damit Menschen von ihrem Einkommen leben können und ihr Risiko der späteren Altersarmut sinkt,
  • höhere Regelsätze insbesondere für Kinder und Jugendliche,
  • langfristige öffentliche Beschäftigungsmöglichkeiten für diejenigen, die am ersten Arbeitsmarkt keine Chance haben, um ihnen ein Leben in Würde zu ermöglichen,
  • mehr bezahlbaren, bedarfsgerechten Wohnraum, insbesondere für Familien mit Kindern,
  • eine bessere finanzielle Ausstattung der Kommunen, in denen besonders viele von Armut betroffene Menschen leben, damit sie eine soziale Infrastruktur bereitstellen können, die Teilhabe ermöglicht sowie
  • Verbesserungen in der Bildungspolitik, die einen größeren Schwerpunkt auf die Förderung benachteiligter Kinder legt. Gute Bildung ist die beste Armutsvorsorge. Benachteiligte Kinder und Jugendliche brauchen verbesserte Teilhabechancen.

Den gesamten Armutsbericht können Sie unter www.der-paritaetische.de/armutsbericht herunterladen.

Wer ist armutsgefährdet?

Als armutsgefährdet gilt, wer mit weniger als 60 Prozent des mittleren Einkommens (Median) der Gesamtbevölkerung auskommen muss. Datengrundlage zur Ermittlung der Armutsgefährdungsquote ist der Mikrozensus, eine jährlich groß angelegten Befragung von Haushalten durch das Statistische Bundesamt.

Auch das Statistische Bundesamt berichtet jedes Jahr über die Armutsgefährdung in Deutschland. Zuletzt am 22. September 2016: „Armutsgefährdung in Westdeutschland im Zehn-Jahres-Vergleich gestiegen“. Demnach lag die Armutsgefährdungsquote im Jahr 2015 in allen westdeutschen Bundesländern außer Hamburg über dem Niveau des Jahres 2005. Die Datenbasis, die der Paritätische Gesamtverband verwendet, ist die gleiche wie die des Statistischen Bundesamtes.

Im Gegensatz zum absoluten Armutsbegriff, der Armut an existentiellen Notlagen wie Obdachlosigkeit oder Hunger festmacht, ist die Armutsgefährdungsquote ein relativer Armutsbegriff. Das Konzept relativer Einkommensarmut geht davon aus, dass Armut in unterschiedlich wohlhabenden Gesellschaften unterschiedlich aussieht und durch gesellschaftlichen Ausschluss und mangelnde Teilhabe gekennzeichnet ist – nicht erst durch Elend.

Um die Bundesländer miteinander vergleichen zu können, legt der Armutsbericht des Paritätischen Gesamtverbands das mittlere Einkommen ganz Deutschlands zugrunde. Demnach liegt die Armutsgefährdung in Bayern bei 11,6 Prozent. (Datenbasis Mikrozensus 2015)

 

Über den Paritätischen in Bayern

Der Paritätische in Bayern ist einer der sechs Spitzenverbände der Freien Wohlfahrtspflege. Er tritt in Politik und Gesellschaft für Vielfalt, Toleranz und Offenheit ein. Ihm haben sich rund 800 Organisationen angeschlossen, die in allen Bereichen der Sozialen Arbeit tätig sind. Der Paritätische ist parteipolitisch und konfessionell unabhängig und an keine Weltanschauung gebunden.

 

Es tut uns leid aber Ihr Land wurde wegen der großen Menge an Spam auf die schwarze Liste gesetzt!
Sie dürfen keine Kommentare hinterlassen!