‚Stadtmarketing 2.0 – Die Kommunikationsrevolution’

Redaktion

Ende Juli hat das Bamberger Stadtmarketing für den Slogan ‚Stadtmarketing 2.0 – Die Kommunikationsrevolution’ einen (undotierten) Preis erhalten, wir berichteten. Was dahinter steckt, war bislang nicht klar – wir fragten nach, doch erhielten in Bamberg keine Antwort (siehe hier). Die Sprecherin des bayerischen Wirtschaftsministeriums in München teilte uns umgehend mit, dass das Projekt darin bestünde, alle elektronischen Kommunikationskanäle über die neue Bamberg App/mobile Website zu bündeln, dabei die wichtigsten Partner wie Kommunalpolitik und Wirtschaft einzubinden und eine Eigenfinanzierung anzustreben.

App ist die Kurzform für Applikation, meist eine Software für Smartphones und Tablet-Computer, seit 2010 existieren insgesamt hunderttausende Apps.

City-Apps gibt es natürlich einige (siehe hier). Neben Bamberg gibt es bereits die Apps von Aichach-Friedberg, Buttenwiesen, Calw, Herne, Königsbrunn, Meitingen, Neubrandenburg, Ostfildern, Samtgem.-Oberharz, Sande, Schrobenhausen, Sonneberg (Landkreis), Waiblingen, Wolfratshausen und Zirndorf. Alle von der mediaprint infoverlag gmbh. Die Gesellschaft verspricht eine Win-Win-Situation für Kommunen, Unternehmen und User: „Die mediaprint cityapp stellt Informationen der Kommune und des örtlichen Gewerbes in einer benutzerfreundlichen Struktur dar und bietet so Besuchern, Gästen und Touristen eine optimale Orientierungshilfe.“ Informationen im Hosentaschenformat Aktuell – lokal – handlich Gestaltet im jeweiligen Design ist die mediaprint cityapp das moderne Marketing-Instrument jeder Kommune. Kommunaler Support Sie liefern die Inhalte – wir managen den Rest. Refinanziert durch Unternehmenseinträge, ist die mediaprint cityapp für die Kommunen kostenlos erhältlich. Der „kommunale“ Beitrag besteht in der Lieferung der regionalen Informationen und der Unterstützung bei der Vermarktung.

Die 15 anderen Städte hätten mit ihrer jeweiligen App den Stadtmarketing-Preis ebenso verdient, sind diese in Darstellung und Inhalt mit der Bamberg-App vergleichbar.

Die Kommune liefert, die Firma vermarktet

Tatsächlich hat die Kommune geliefert und der Vermarkter die Daten eingepflegt – und nicht mehr. Bei einem Test der Bamberg App (http://www.total-lokal.de/city/bamberg/mobile/Home.html) fällt zuerst die 08/15-Kategorisierung auf, eine Systematik, die handelsüblich ist und nicht Bamberg spezifisch aufbereitet wurde. Das ist nicht sensationell, sondern erbärmlich. Da verwundert es wenig, wenn die „Schwarze Katz“ und die „Weinstube Zeis“ unter der Kategorie „Getränkemärkte“ abrufbar ist und der Bioladen Pamina unter „Drogeriemärkten/Parfümerien“. Solche Standard-Kategorien werden inhabergeführten Läden kaum gerecht. Vielleicht ist es auch als Glücksfall zu bezeichnen, wenn die drei beliebtesten Bierkeller Bambergs gänzlich fehlen, die Lieblingskneipe mit dem Vogelnamen ebenso. Nacharbeiten empfehlen sich bei der Listung der Fahrradverleiher, den Gärtnern, Biokost und bei den Stadtrundgängen, wo bislang nur die Bierstadt eingepflegt ist.

Insgesamt sind die Informationen sehr ausgedünnt und selektiv.

Kritik an Apps bzgl. des Datenschutzes sind grundsätzlich und hochaktuell (siehe hier). Da zahlreiche Apps nur einen besonderen, auf die Anwendung beschränkten, jedoch im Komfort optimierten Web-Zugriff darstellen, haben sie die Eigenschaft, einen Web-Browser zu umgehen. Apps laufen als Programm und haben einen erweiterten Zugriff auf Ressourcen des Gerätes, wie u.a. Netzwerke, Datenträger, Dateien, Dokumente, Datenbanken, GPS, Gyrosensoren, Audio, CMOS-Sensoren und 3G-Modem. Der Datenschutz bleibt oft auf der Strecke. Die Entwickler bauen häufig kleine Routinen ein, die persönliche Informationen ungefragt nach draußen funken … Das Eigenleben von Apps ist ein Thema von großer gesellschaftlicher Tragweite. In den Richtlinien, die Apple und Google ihren Entwicklern geben, ist keine Rede von Datenschutz. Ganz im Gegenteil. Sie fordern den Programmierer offensiv dazu auf, die Schnittstellen innerhalb des Betriebssystems zu nutzen, also reichen Gebrauch von Kalender- und Adresseinträgen und vor allem Geopositionsdaten zu machen.

„Kommunikationsrevolution“ – ein gruseliger Begriff

Klaus Stieringer, der Geschäftsführer des Bamberger Stadtmarketing-Vereins hat der Bamberg App den Slogan ‚Stadtmarketing 2.0 – Die Kommunikationsrevolution’ gegeben. Eine „Revolution“ bezeichnet in der Soziologie sowie umgangssprachlich einen radikalen sozialen Wandel (Umsturz) der bestehenden politischen und gesellschaftlichen Verhältnisse. Gegebenenfalls kommt es dabei zu einer Umwälzung des kulturellen „Normensystems einer Gesellschaft“. Eine Revolution wird entweder von einer organisierten, möglicherweise geheimen, Gruppierung von Neuerern (Avantgarde, Elite) getragen und findet die Unterstützung größerer Bevölkerungsteile, oder sie ist von vornherein eine Massenbewegung. Das Gelingen einer Revolution ist meist von einer breiten Zustimmung der Bevölkerung abhängig. Soweit die Theorie und ein kritischer Aspekt zu den Wortschöpfungen des Stadtmarketings.

Ob der Zauber einer Stadt mittels einer App vermittelbar ist, sei dahin gestellt. Die im Hintergrund der App laufende Datenbank ist ebenso gut im aktuellen Telefonbuch abrufbar, selbständiges Erkunden und Erforschen besonderer Ecken bleibt jedenfalls spannender. Handreichungen geben gute Reiseführer auch.

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