Neues Leben auf Bambergs Straßen – Verkehrswende geht alle an

Verkehrsclub Deutschland, Kreisverband Bamberg

Die Verkehrswende hat Bamberg erreicht, weite Teile der Bevölkerung haben aus unterschiedlichen Blickwinkeln ihre Notwendigkeit erkannt. Befremdlich ist jedoch die Sichtweise einiger Akteure, dass oftmals die jeweils Anderen sich ändern sollen und eigene Interessen erst mal nicht eingeschränkt werden dürfen. So kann Verkehrswende in Bamberg nicht gelingen, ein Paradigmenwechsel muss her!

Eine gelungene Verkehrswende hat die Bedürfnisse der Menschen als Ausgangspunkt. Dies vermissen wir in der aktuellen Diskussion, die sich allzu oft nur um den Verkehr als solchen dreht. Bedürfnisse wie Wohnen und die Nutzung der öffentlichen Flächen für soziales Leben werden zu selten berücksichtigt. Selbstverständlich gehören auch Gewerbe und Handel dazu, ebenso wie Ausbildung und Kultur. Und ja, wir brauchen Mobilität, um all dies verbinden zu können. Bei begrenzten Mitteln heißt es dabei, Kompromisse zu schließen und diejenigen Lösungen zu wählen, die die Bedürfnisse insgesamt am besten befriedigen.

Was unternehmen wir als Stadtgesellschaft aber, wenn die bestehenden Lösungen insgesamt nicht mehr befriedigen, insbesondere die Verkehrssituation immer wieder zu Kontroversen führt? Der Stadtrat beschloss 2017 einstimmig das Leitbild und die Ziele für den nächsten Verkehrsentwicklungsplan. Darin sind deutliche Veränderungen enthalten. Die Zahl der Wege, die zu Fuß, Rad oder Bus zurückgelegt werden, soll um etwa 50 % steigen, die Zahl der Wege mit dem KFZ soll um etwa 30 % sinken. Als VCD begrü.en wir, dass DER STADTRAT diesen Beschluss gefasst hat und fordern die Verantwortlichen auf, nun, über zwei Jahre später, endlich gemeinsam mit der Bürgerschaft die Umsetzung anzugehen.

Wir würden begrüßen, wenn die Stadt als einfachste Maßnahme endlich die Vorteile für die Bewohner* innen klar herausstellen und kommunizieren würde:

  • Höhere Wohn- und Aufenthaltsqualität in den Straßen für lebenswertere Quartiere
  • Höhere Verkehrs- und soziale Sicherheit
  • Sozial gerechtere Mobilität
  • Gesundheitsvorsorge durch bessere Luftqualität weniger Lärm und mehr Bewegung
  • Klimaschutz durch CO2-Einsparung
  • Und besonders in den aktuellen Zeiten knapper privater und öffentlicher Mittel: Niedrigere Mobilitätskosten für die Bürger*innen – und auch für die Stadt!

Die Erfahrung anderer Städte zeigt, dass solch eine Verkehrswende auch für das lokale Gewerbe und insbesondere den Handel vorteilhaft ist. Auch für die Belieferung von Geschäften oder den Transport von Einkäufen gibt es viel bessere Ideen, als dies mit großen Fahrzeugen durchzuführen. Maßnahmen zur Verkehrsberuhigung wurden dort oftmals auch zuerst als geschäftsschädigend bekämpft, um anschließend festzustellen, dass das Gegenteil der Fall ist. Es gibt unzählige Beispiele, wie vermeintlich negative Effekte ins Positive umgekehrt werden konnten. In Bamberg zählen sicher die Fußgängerzone, die Sandstraße und die Gestaltung der Kettenbrücke dazu. Doch in Bamberg ist noch viel zu wenig Fortschritt zu spüren. „Die Ziele der Stadt können mit der bisherigen Verteilung von Flächen und Finanzen im Verkehrsbereich nicht erreicht werden. Jede Veränderung wird als Angriff auf vermeintliche Besitzstände gewertet und zurückgewiesen. So kann eine Verkehrswende mit ihren positiven Wirkungen nicht erreicht werden“, so Andreas Irmisch vom Verkehrsclub Deutschland, der sich für umwelt- und sozial verträgliche Mobilität einsetzt. „Die Verkehrswende bewegt alle – und für ihr Gelingen müssen sich alle bewegen!“

Erfolgreiche Städte planen ihre Flächen daher so, dass zuerst Fußverkehr und Aufenthaltsqualität bedient werden, danach Rad- und öffentlicher Nahverkehr. Erst dann kommen die Flächen für KFZ-Verkehr. So können die Bedürfnisse insgesamt wesentlich besser befriedigt werden als aktuell. In der aktuellen Pandemiezeit könnte hinzukommen, dass Gastronomie und Gewerbe mehr offene Flächen beanspruchen, um ihre Waren und Leistungen anzubieten. Dies macht deutlich, dass die Flächenverteilung grundlegend überdacht werden muss.

www.vcd.org/bamberg

12 Gedanken zu „Neues Leben auf Bambergs Straßen – Verkehrswende geht alle an

  1. Geschmeidig geschrieben – allerdings an entscheidenden Stellen konträr zum täglichen Erleben:
    Befremdlich ist doch wohl eher die Haltung: Wer nicht für uns ist, ist gegen uns. Es sind gerade eben die Treiber des Fahrradwandels, die andere Interessen unterdrücken. Haben sie nicht selbst eingesehen, die Fußgänger zu wenig berücksichtigt zu haben? Wer hat es angestoßen? Genau: Diejenigen, die egoistischer Interessen bezichtigt werden. Was Not tut ist nicht Furor, sondern überlegte organische Entwicklung. Am Ende geht das sogar schneller, als jetzt mit der Brechstange massive Widerstände durch Übervorteilung zu erzeugen.
    Die Stadt gehört den Menschen. Richtig, wem denn sonst. Wem gehören die Autos? Den Menschen. Da ist kein Widerspruch, sondern ein Mangel an Alternativen. Das Stichwort heißt hier: Multimodale Mobilität, nicht Verengung.
    Der Hinweis auf die Ewig Gestrigen, die seinerzeit die Fußgängerzonen abgelehnt haben, springt zu kurz: Die Kritik hat sich nicht auf die unzweifelhaften Vorteile bezogen, sondern auf die absehbaren Nachteile. Heute müssen Innenstadtbewohner zum Transportmittel greifen, wenn sie ihren täglichen Bedarf decken wollen. Das Absterben des innerstädtischen Handels ist nicht monokausal dem online-Handel zuzuschreiben. Wie sonst würde das Einkaufsareal im Hafengebiet / Hallstadt florieren können? Der Schlüssel ist die Erreichbarkeit. Dann klappt es auch trotz online-Handels. Wenn man nun aber behauptet, der Einzelhandel habe doch bis heute überlebt, ist das in etwa so, wie wenn man jemanden würgt und alleine aus der Tatsache, dass er es schon einige Minuten überlebt hat, auf die Unschädlichkeit solcher Taten schließt.
    Selbstverständlich gehören auch Gewerbe und Handel dazu: Die Taten sehen aber so aus, dass wegen der aktuell geänderten StVO z.B. in der beabsichtigen Umgestaltung der Langen Straße Parkplätze selbst für Lieferanten und Handwerker komplett entfallen. Ein Schelm …
    Die Lösungen sollen gewählt werden, die die Bedürfnisse insgesamt am besten befriedigen: Das ist grundrichtig, verträgt sich aber nicht mit der Ausgrenzung von Menschen, die weiterführende Ideen haben, durchaus auch mit der Absicht, unnötigen Verkehr zu reduzieren.
    Sozial gerecht ist nur dann gerecht, wenn kein berechtigtes Bedürfnis unerfüllbar bleibt. Was ist an der massiven Begünstigen von Lastenfahrrädern sozial gerecht? Sie sind teuer, sind die kommenden SUVs der Fahrradwelt mit immensem Platzbedarf während und außerhalb des Betriebes. Intelligenter, ehrlich sozial gerechter und wirklich frei von Lobbyismus als nun deren Kauf zu bezuschussen wäre der Aufbau eines Leihrings gewesen und das gesparte Geld dafür zu verwenden, weniger gut gestellten Familien eine „Vollausstattung“ an Fahrrädern für den Alltag zu ermöglichen.
    Der Stadtrat hat entschieden … ja. Sich auf ein gemeinsames Ziel zu einigen bedeutet aber noch lange nicht, dass dann alle Mittel zu dessen Erreichung automatisch abgesegnet sind. Oder wäre es etwa gut, wenn wir uns alle darauf einigten, die Wirtschaftskraft zu steigern und die Bundesregierung daraufhin „selbstverständlich“ sämtlichen Urlaub striche und die 60h-Woche einführte?
    Ja, es müssen sich alle bewegen. Nein, es geht nicht im Kern um Besitzstände, sondern um den Erhalt der Funktionsfähigkeit einer Stadt. Ja, es müssen sich alle bewegen. Diese Worthülse könnte gar zum Leitfaden werden, wenn das politische Handeln auch tatsächlich so funktionierte: Es gibt intelligentere Lösungen des Miteinanders als hilflose Verbote und Vernichtung des anderen. Denken wir doch die Flächennutzung modern: Warum müssen wir in Beton gießen, was nur zu bestimmten Zeiten gebraucht wird? Warum teilen wir Flächen nicht dynamisch nach Bedarf auf? Da werden auf einmal viele Brachen frei. Dazu muss man halt auch einmal zuhören statt sich gleich befremdet abwenden.

  2. Menschen betreiben auch Geschäfte in der Innenstadt, d.h. sie müssen auch erreichbar sein um Gewinne zu erwirtschaften. Von diesem Gewinnen profitiert dann, über Steuern und Abgaben, die Stadt Bamberg, die Eure „Verkehrswende“ finanzieren soll.
    Also darf nicht alles der Rot-Rot-Grünen Fahrrad – Ideologie untergeordnet werden. Es müssen auch Autos fahren dürfen und jeweils geschäftsnah Parkplätze vorhanden sein!
    P.S.: Ich warte schon gespannt auf den Kommentar unseres Hügelpedalisten!

    • Absolut Ihrer Meinung, da wird an einem neuen Einkaufszentrum am Bahnhof geplant, obwohl das schon einmal in die Hose ging. Dann planen sie ein weiteres Industriegebiet, obwohl in den anderen drei schon Leerstand herrscht!
      Da muss man schon einmal Fragen ob gar nur die Zuschüsse aus dem Geldtopf der EU die Triebfeder ist, weil wirtschaftlich ist so ein Handeln nicht!
      Jedes Einkaufszentrum, jedes neue Industriegebiet und jede weitere Immobilienspekulation, oft gekonnt maskiert im „grünen Umwelt und Fahrradwahn“, killt den Einzelhandel in unserer Stadt und schafft im Widerspruch weitere Wege und nur wieder eine Umverteilung nach ganz oben an die sogenannten Investoren dieser Projekte.

      Dem Bürger verkauft wird dass dann als ökologischer Fortschritt, gemäss der Agenda!

    • Die Erfahrung anderer Städte zeigt, dass solch eine Verkehrswende auch für das lokale Gewerbe und insbesondere den Handel vorteilhaft ist. Auch für die Belieferung von Geschäften oder den Transport von Einkäufen gibt es viel bessere Ideen, als dies mit großen Fahrzeugen durchzuführen. Maßnahmen zur Verkehrsberuhigung wurden dort oftmals auch zuerst als geschäftsschädigend bekämpft, um anschließend festzustellen, dass das Gegenteil der Fall ist. Es gibt unzählige Beispiele, wie vermeintlich negative Effekte ins Positive umgekehrt werden konnten. In Bamberg zählen sicher die Fußgängerzone, die Sandstraße und die Gestaltung der Kettenbrücke dazu.
      Dem ist nichts hinzuzufügen.

      • Weil sich genau dass ja schon so hinlänglich in Bamberg bewiesen hat?!

        Seit Jahren geht es mit einem „Hirnblitz“ zum nächsten, getrieben von überzogenem Umwelt und Klimaschutz bis Verkehrswende.

        Die Läden der Innenstadt aber werden immer leerer und die Wege der Menschen weiter, die Mieten immer teuerer und die Randalen immer grösser.

        Nur die vermeintlichen Investoren profitieren immer mehr!

  3. „Was unternehmen die Stadtgesellschaften, wenn die bestehenden Lösungen insgesamt nicht mehr befriedigen?“

    Ja vielleicht war es dann früher doch besser, bevor alles neu gewurstelt werden musste im überkandidelten Umwelt- Aktionismus!

    • Der Mensch macht den Straßenverkehr. Wer denn sonst? Weshalb sollte der Verkehr dann nicht (auch) im Mittelpunkt stehen? Viele Menschen benötigen ihr Fahrzeug – weil sie es gar nicht mehr zum/in den Bus schaffen (aber zum/ins Auto), weil sie ihre Einkäufe unterwegs im Auto zwischenlagern können (und nicht alles schleppen müssen) usw. Es sollte tatsächlich an ALLE gedacht werden. Nicht nur an die jungen und fitten Radfahrenden. Man kann und sollte Städte verkehrsmäßig beruhigen, aber nicht völlig. Vor allem darf man nicht diejenigen ausschließen, die es ohne Auto nicht mehr schaffen zum Arzt, zur Apotheke, zum Geschäft usw. Oder sollen die dann nur noch auf die sog. grüne Wiese? Und Bamberg Mitte ist dann tot beruhigt, weil kein Geschäft mehr überlebt. OP gelungen, Patient tot ?!
      Aufenthaltsqualität führt im Übrigen nicht zwangsweise zu mehr Wohnqualität. Das lässt sich sehr gut auf und an den Brücken beobachten! Ich empfehle Rundgänge im Sommer so zwischen 0 und 5 Uhr! Da sind die Begleitumstände der Aufenthaltsqualität zu sehen und zu hören.

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