Rosa Brunner: Meisterhafte Bildhauerkunst in Bamberg

Gabriele Wiesemann
Skulptur „Kim“ (von Rosa Brunner, Savonnière Muschelkalk, 2018) im Schaufenster der Buchhandlung Collibri (Foto: Stefan Brunner)

1. Skulpturen in Stein

Das Buch, das wir Ihnen heute vorstellen, zeigt Rosa Brunners steinerne Skulpturen. Stein ist das bevorzugte Material der Bildhauerin. Warum ausgerechnet Stein?

Stein ist reich an Farben und Strukturen. Mit Stein steht der Künstlerin eine unendliche Palette an Farben zur Verfügung, aus denen sie für jede neue Skulptur die passende auswählen kann. Es gibt weiße, graue, schwarze Steine, es gibt sie in unterschiedlichsten Rot-, Blau-, Gelb-, Grün- und Brauntönen. Auch in der Struktur sind Steine sehr unterschiedlich: körnig-rauher Sandstein ist völlig unterschiedlich zu kristallinem Marmor. Rosa Brunner bearbeitet alle Arten von Stein.

Stein bringt seine eigene Geschichte mit. Wenn man Stein als Ausgangsmaterial für eine Skulptur nimmt, fängt man nicht bei Null an. Stein ist nicht wie ein weißes Blatt Papier, das Farbe erwartet, damit ein Bild entsteht. Jeder Stein bringt schon eine Erzählung mit, er trägt eine Aussage in sich. Welche Aussage könnte er selbst machen wollen? Welche Form könnte er erwarten? Viele von Rosa Brunners Arbeiten lassen ahnen, dass es am Beginn der Arbeit einen Dialog gab.

Stein erzählt uns von Zeit. Stein, wie wir ihn sehen, ist das Ergebnis von Prozessen, die Jahrmillionen dauerten. Ursprünglich waren es nur lockere Sedimente, Mineralien und Metalle. Es brauchte große Hitze, gewaltigen Druck und extreme Zeiträume, bis das unterschiedliche Material zu Stein verpresst und verschmolzen war. Wenn wir den festen Stein anschauen, bekommen wir eine Ahnung von diesen Prozessen. Stein setzt uns ins Verhältnis zu erdgeschichtlichen Dimensionen von Zeit.

Für die Bildhauerin Rosa Brunner ist Stein das Paradies auf Erden, als hoch ästhetisches und extrem vielfältiges Material. Sie kann sich sicher sein, dass, wenn sie Stein nimmt, ihr die Themen für Skulpturen niemals ausgehen werden. Wenn Rosa Brunner, die Grafikerin Elke Doer und ich eines mit diesem Katalog erreichen wollten, dann das: dass die steinernen Skulpturen so präsentiert sind, dass Sie die große Begeisterung und Ehrfurcht der Künstlerin gegenüber der Formenvielfalt und Schönheit der Natur nachempfinden können.

2. Rosa Brunner – Vita und Werk

Muss man Rosa Brunner in Bamberg vorstellen? Obwohl sie hier aufgewachsen ist, obwohl sie sich lange aktiv an kulturpolitischen Diskussionen beteiligt hat, obwohl sie ihren Ausstellungsraum in der Siechenstraße regelmäßig für Kunstausstellungen öffnet und man dort ihre Arbeiten erleben kann? Ich glaube, ja. Denn jeder von uns kennt immer nur Ausschnitte ihres Werdegangs und ihres Werks.

Dass sie Bildhauerin werden wollte, entschied Rosa Brunner bereits im Alter von siebzehn Jahren. Sie absolvierte eine Ausbildung zur Steinmetzin an der Bamberger Dombauhütte. Mit Abschluß der Ausbildung waren technische Fragen der Steinbearbeitung für Rosa Brunner kein Thema mehr. Sie konnte jeden Stein in jede von ihr gewünschte Gestalt formen und sich deswegen zukünftig auf das konzentrieren, was Skulptur zur Kunst macht: die inhaltliche Aussage eines Werks und seine formale Spannung.

Sie bewarb sich erfolgreich an der Staatliche Akademie der Bildenden Künste in Stuttgart und studierte Bildhauerei bei den Professoren Herbert Baumann und Micha Ullman. Anschließend studierte sie Szenographie an der Hochschule für Film und Fernsehen in Potsdam-Babelsberg.

Rosa Brunner arbeitet im eigenen Atelier die kleineren Objekte, die sie in ihrem eigenen Kunstlabor in der Siechenstraße oder auswärts immer wieder ausstellt. Größere Arbeiten konnte sie nach gewonnenen Wettbewerben im öffentlichen Raum realisieren. So entstand die Installation „Wolken“ für die Bundesgartenschau in Magdeburg.

Besonders wichtig ist Rosa Brunner die Teilnahme an internationalen Bildhauersymposien, zu denen sie seit 1995 fast jährlich eingeladen wird. Oft finden die Symposien direkt im Steinbruch statt. Dort hat sie die Gelegenheit, auch sehr große Werke zu schaffen. Rosa Brunner war in mehrfach in Deutschland, Italien und Österreich eingeladen, außerdem in Indien, Finnland, Israel, Dänemark, Belgien, Tschechien und Slowenien. Inzwischen findet man Rosa Brunners Großskulpturen weltweit: im indischen Hampi liegt ihr „Sleeping Stone“, im slowenischen Godnje steht ein großer Kopf, im österreichischen Krastal liegt eine riesige weiße Wolke. Wer ihre Großskulpturen in der näheren Umgebung besuchen will, findet im fränkischen Kronach ein Paar von Köpfen und am Badesee von Breitengüßbach, ihre „Archaika“, eine gewaltige Flußmuschel.

Im Jahr 2017 war sie selbst als Kuratorin des internationalen Bildhauersymposiums „Kunstbegegnungen am Kanal“ des Flußparadies Franken. Sie hatte Lehraufträge für Steinbildhauerei an der Uni Bamberg und ist seit mehreren Jahren Dozentin für Bildhauerei an der Fachoberschule für Gestaltung in Eggolsheim. Diesen Sommer dürfen erstmals auch Laien bei ihr in die Materie des Steinbildhauens eintauchen: bei einem einwöchigen Schnupperkurs, der direkt in einem unterfränkischen Steinbruch stattfindet. Im kommenden Jahr wird Rosa Brunner im Schweizer Tessin Dozentin an einer ganz außergewöhnlichen Kunstschule sein, der Scuola di Scultura in Peccia, an der ausschließlich Bildhauerei gelehrt wird.

3. Skulpturen von Rosa Brunner – Die perfekte Form

Skulpturen haben ihren Platz in der zeitgenössischen bildenden Kunst. Es gibt sie in allen nur denkbaren Materialien, selbst Soziale Plastik, in der wir als Gesellschaft und unsere Gedanken selbst das Material sind, gibt es schon länger. Skulpturen aus Stein kommen weniger häufig vor – warum eigentlich? Rosa Brunners Skulpturen zeigen, welch hohe Relevanz die Steinskulptur in der aktuellen Bildenden Kunst beanspruchen kann.

In ihrer Suche nach der perfekten Form führt Rosa Brunner das Vermächtnis von Hans Arp (1886 – 1966) und Henry Moore (1898 – 1986) fort. Diese Künstler sind dafür berühmt geworden, dass sie im 20. Jahrhundert die skulpturale Form von der Gegenständlichkeit befreit haben. Wenn Rosa Brunner eine Steinskulptur arbeitet, dann hat sie das gleiche Ziel wie vor ihr Arp und Moore: eine Form zu erreichen, deren Umriss und Oberfläche maximale Spannung haben. Die Suche nach der perfekten Form gelingt ihr immer. Alle ihre Skulpturen sind so ausgewogen, dass sie in jede beliebige Dimension vergrößert werden könnten, ohne auch nur einen Bruchteil ihrer ästhetischen Wirkung zu verlieren. Dass man sich das kleine „O“ auch mehrere Meter hoch vorstellen kann, zeigt die Installation mit zwei davor stehenden kleinen Figürchen.

Wenn man dem hohen Witz nachspüren will, den Rosa Brunner ihren Skulpturen verleiht, muss man ihn vor allem dort suchen, wo die Skulpturen ein Gegenbild in der Wirklichkeit haben. Zum Beispiel die Gummihandschuhe: sie sind in rötlich-fleischfarben marmorierten Caumes-Minrvois-Marmor gehauen und so realistisch daliegend, dass man fast leichten Ekel empfindet, obwohl es doch nur Stein ist, aber sie erinnern einfach zu sehr an leicht verwesendes Fleisch, an Hände ohne Haut, und das, obwohl man doch Handschuhe sieht, mit denen man lieber den Schutz von Händen assoziieren möchte. Hier hinterfragt Rosa Brunner die Wirklichkeit auf eine Art und Weise, wie man es von dem Maler René Magritte (1898-1967) kennt, einem der wichtigsten Vertreter des Surrealismus. Wie wirklich ist die Wirklichkeit, fragte schon Magritte? Wir wirklich ist eine von Rosa Brunner geschaffene tonnenschwere, aber fluffig leicht wirkende Wolke aus hellem Krastaler Marmor, die aussieht als könne sie wirklich hinweg schweben? Wie wirklich sind gestrickte Strümpfe aus weißem Carrara Marmor, die in Schrittstellung stehen, als hätte eine unsichtbare Person sie an den Füßen und würde im nächsten Moment mit ihnen losgehen – oder laufen sie gar alleine los?

In Rosa Brunners Werk fusioniert die Bildhauerei mit der Performance. Es wäre viel zu kurz gedacht, würde man ihre Skulpturen nur als ‘in Stein gemeißelte’ dauerhafte Aussagen wahrnehmen, die für sich stehen, egal was um sie herum passiert. Ganz im Gegenteil. Die Skulpturen warten auf das Gegenüber, das sie wahrnimmt. Es geht um den Moment, in dem wir vor der Skulptur innehalten, um den Moment der besonderen Präsenz von Sonnenlicht und Schatten. Es geht bei Rosa Brunners Skulpturen also nicht nur darum, dass der Stein irgendwie aussieht. Es geht darum, dass wir ihn ansehen. Es geht um die Spur, die er in uns hinterlässt.

Warum Kunstwerke aus Stein in der aktuellen Bildenden Kunst unverzichtbar sind? Darum. Die Skulpturen Rosa Brunners zeigen es uns.

Das Buch „Gabriele Wiesemann: Rosa Brunner. Skulpturen. Bamberg 2020“ (ISBN 978-3-00-065301-8) kann bei der Bamberger Buchhandlung Collibri oder im allgemeinen Buchhandel für 10 € erworben werden.

Informationen zu den Schnupperkursen für Steinbildhauerei im Sommer 2020 und 2021 gerne per Nachfrage an rosa_brunner@gmx.de.

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