GOLDEN DAWN ON GOOGLEGLOBE

Werner Schwarzanger

Christoph Keese: SILICON VALLEY. Was aus dem mächtigsten Tal der Welt auf uns zukommt

Ein halbes Jahr lang hat Christoph Keese, Executive Vice President der Axel Springer SE, im Palo Alto einen Crashkurs in disruptivem Unternehmertum absolviert und sich mit Konzernen und Institutionen vor Ort vernetzt. In seinem 2014 erschienenen Buch über das, „was aus dem mächtigsten Tal der Welt auf uns zukommt“, spielt er die Disruption, die Kardinaltugend der Internetwirtschaft, schon einmal probeweise durch in einem irritierenden Pingpong zwischen missionarischem Eifer und klarsichtiger Kritik.

Einst militärische Außenstelle des Pentagon, hat sich die kalifornische Antipodenzelle zu Europa zum disruptiven Innovationszentrum gemausert, wo der uramerikanische Traum: erst mit Kredit finanziertes Bootstrapping, dann Shooting for the Moon – alle jungunternehmerischen Stanford-Absolventen zur Start-ups beflügelt. Coole Fantastillionäre in Kapuzenpullis und Muskelshirts bauen von hier aus die lahme Erdwelt zum informatisch nonplusultrakapitalistischen Googleglobe um, der alles auf Erden frisst. Und wie Wegwerfschuhfabrikanten ihren Schrott vermutlich eher nicht auch selber tragen, so lehnt diese Innovatorenkolonie die virtuelle Kommunikation für sich selber weitgehend ab und pflegt den extremen Kult der Nähe. Dass die Weltvergooglung die Menschen zu immer schamloser veröffentlichungssüchtigen, gehetzteren, leichtsinnigeren, oberflächlicheren, geschwätzigeren, achtloseren, verrohteren, gewissenloseren, unkontrollierteren, opportunistischeren, denkfauleren, ablenkungsüchtigeren pawlowschen Cyberdogs konditioniert, die zwischen Wesentlichem und Unwesentlichem immer weniger unterscheiden können, scheint man gerade dort zu wissen. In diesem Auge des digitalen Taifuns kreist die größte Quasselstrippenfete aller Zeiten immer um das neueste Projekt. Wer hier, wo jeder mit jedem wie in der Küche einer Gartenparty analog kommuniziert, nicht leibhaftig dabei ist, findet für diese neokolonialistischen Weltverbesserer gar nicht erst statt, sondern fällt unter die Milliardenmasse von „Kunden“, die es zu kirren Abscannern zu verdaddeln und zu vermarkten gilt.

Während der herkömmliche Wettbewerb allmählich abstirbt, hierarchisiert sich das Internet durch den Netzwerkeffekt auf ein paar Monopole einiger Cloudbetreiber und schließlich auf das singuläre Monopol Googles hin. Dadurch verkehrt sich das scheinbar grenzenlos freie Internet radikal hierarchisch von dem „Reich ohne Mitte und ohne Herrscher“, für das die Meisten naiv es noch immer halten, zur Googlekratie eines unsichtbaren virtuellen Überstaates, der unter dem Motto „Don’t be evil“ sein Neues Gesetz diktiert, mit dem es Moral und Recht neu zu erfinden gilt.

Wie gut aber ist Google selbst? Seine eigenen Rechte und Patente rigoros schützend ignoriert Google das für den demokratischen Rechtsstaat konstitutive Recht seiner Kunden auf persönliche Geheimnisse und leuchtet ihre Privatsphären tabulos aus. Systematisch seine eigenen Angebote bevorzugend überfrachtet Google seine Suchergebnislisten mit Eigenwerbung. Googles Geschäftsbedingungen laufen auf die Enteignung seiner Kunden hinaus. Seine erdumkreisende Drohnenflotte und „Streetview“ ergänzend will Google per „Nest“ die Häuser zu Smartphones automatisierend aufbrechen, um immer dichter an seine Produkte – pardon: seine Kunden heranzukommen. Per „Glass“ will Google seinen Informationsoverflow direkt auf die Netzhaut projizieren, um als nächstes Kommunikationsmodule direkt ins Gehirn zu pflanzen. Und Google arbeitet selbstverständlich mit den Geheimdiensten zusammen. Und das alles ist im Sinn des neuen Gesetzes – gut. Und dieses Gesetz der neuen Moral der grenzen- und tabulosen Machenschaft lautet in etwa so:

  1. Sei so gut und gib das alte analoge Denken auf, das doch immer bloß ungefähr aus dem Vergangenen auf das Künftige schließen konnte.
  2. Sei so gut und frag nie wieder, ob etwas auch „wahr“ sei, wenn es doch funktioniert.
  3. Sei so gut und ziehe unsere Informationen aller Energie und Materie vor.
  4. Sei so gut und erfinde dich von uns informiert immer wieder über deine Physis hinaus neu.
  5. Sei so gut und beschleunige deine Datenverarbeitung immer mehr, um so viel wie möglich mitzubekommen und konkurrenzfähig zu bleiben.
  6. Sei so gut und veröffentliche dich über alle „Grundrechte“ genannten Hemmnisse hinaus.
  7. Sei so gut und nimm alles Vorhandene als auch schon wieder überholt.
  8. Sei so gut und riskiere alles, um alles zu gewinnen.
  9. Sei so gut und denke und handle stets disruptiv.
  10. Sei so gut und attackiere Marktführer und knacke skrupellos schwächelnde Monopole und Konzerne.
  11. Sei so gut und geh alles bloß nie wieder in dich „selbst“, als ob du hinter deiner Datenverarbeitung noch irgendwas sonst wärst.
  12. Sei so gut und verweigere dich deiner Vermarktung nie. Vermarkte dich mit.
  13. Sei so gut und liebe deine Filterbubble.
  14. Sei so gut und hebe dir deine lahmärschige Zeit aus den Angeln.
  15. Sei so gut und unternimm nie etwas gegen dein Google: Don’t be evil!

Mit diesem neuen Gesetz, das freilich ungeschrieben in Kraft treten will, will die Weltvergooglung auf die absolutistische Alleinherrschaft jenes „elektronischen Weltgeistes“ hinaus, den der futurologische Google-Guru Ray Kurzweil, der als „einer der 16 Revolutionäre, die Amerika gebaut haben“, gilt, die technologische Singularität nennt. In dieser Singularität wäre alle Hardware zu EINEM Supercomputer verschmolzen und Alles zum Pantopos EINES allgegenwärtigen Bestandes durchdigitalisiert immer überall sofort zur Stelle, einschließlich des Rohmaterials „Mensch“. Dieser aber wäre menschmaschinenverschmolzen zum Webandroiden mutiert, der immer genau das als Nächstes tun würde, was die GRÖSUMAZ: die größte Suchmaschine aller Zeiten ihm vorschreibt. Und DER Supercomputer könnte die als unsterbliche Datensummen in DIE Cloud hoch geladenen Bewusstseine seiner „Kunden“ „umprogrammieren, auslöschen, multiplizieren oder mit anderen fusionieren“ – wie es ihm beliebt.

Das kann auch Keese nicht wollen. Doch dank der – so er selbst – „Gehirnwäsche“ der kalifornischen Umerziehung zur neuerfinderisch zerbrecherischen Abschaffe alles Bisherigen schafft er den Salto aus der Kritik an der singulären Weltvergooglung in die Mission dafür mühelos. Europa, so mahnte er, verschläft den „Schlachtruf“ der kalifornischen Innovationsavantgarde: „Disrumpiert euch!“ Zur Provinz versinkend hinkt das altersschwache Abendland der Disruptionsrevolution bloß noch impulsempfängerisch hinterher. Also müssen wir Deutschen, statt noch länger mit dem Netz zu fremdeln, endlich unsere „große Liebe dazu“ entdecken. Liebe deine GRÖSUMAZ! Sonst verpassen wir unsere „Chance im größten Markt der Zukunft“.

Jede deutsche Firma, empfiehlt er, die jetzt nicht untergehen will, sollte zu Workshops ins Silicon Valley aufbrechen, um sich als Plattform zu etablieren und voll auf disruptive Innovation umzuschalten. Das disruptive Va-banque-Spiel darf auch hierzulande nicht länger als „suizidaler Wahnsinn“ verpönt sein. Angesichts der Morgenröte des Googleglobe gibt es für den frischgebackenen Disruptor Keese „keine Alternative zur internen Kannibalisierung“: Wir müssen die, für die wir uns herkömmlich halten, fressen und immer wieder neuerfinden lernen. Im „Urvertrauen in die Vorteile des mutwilligen Widerspruchs“ müssen wir zuallererst „uns selbst disruptiv angreifen“ lernen. Und wenn wir endlich über die herkömmliche Welt der vor sich hin erhälterischen linearen Erneuerung erhaben die digitale Infrastruktur für die GRÖSUMAZ zügigst flächendeckend in Schuss bringen und dazu unsere Kids für die New Poetry der Programmiersprachen begeistern, haben wir die Chance, „das bessere Silicon Valley“ und damit „das innovativste Land der Welt“ zu werden. Wow!


Christoph Keese SILICON VALLEYChristoph Keese:
Silicon Valley. Was aus dem mächtigsten Tal der Welt auf uns zukommt

Gebundenes Buch mit Schutzumschlag, 320 Seiten, 13,5 x 21,5 cm
ISBN: 978-3-8135-0556-6
€ 19,99
Verlag: Knaus
Erschienen: 22.09.2014

 

 

 

Ein Gedanke zu „GOLDEN DAWN ON GOOGLEGLOBE

  1. … und wo bleibt der Frieden bei all der Gier, nur Häuptlinge und geknechtete Indianer ging doch noch nie…auch wenn s jetzt edeldesignt wird…, wer sind die weltweit 100 Leute die unser Steuergeld horten…? Siehe auch Doku „´Schöne neue Welt“ ZDF 260716
    Mal sehen ob ich das ganze Buch vertrage…..

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