Napoleon in Bamberg

Von You Xie
Gedenktafel an der Neuen Residenz Bamberg. Foto: You Xie

Gedenktafel an der Neuen Residenz Bamberg. Foto: You Xie

Bei dem Gebäude der Neuen Residenz, die sich gegenüber der Alten Hofhaltung befindet, gibt es zwei Bauabschnitte, die zwei westlichen Flügel ließ Fürstbischof von Gebsattel in den Jahren 1605 bis 1611 im Stil der Renaissance errichten, die beiden Barockflügel am Domplatz erbaute Leonhard Dientzenhofer in den Jahren 1697 bis 1703 im Auftrag des Fürstbischofs Lothar Franz von Schönborn.

Im Gesellschaftszimmer der Neuen Residenz steht der Schreibtisch, an dem Napoleon am 6. Oktober 1806, acht Tage vor der Schlacht bei Jena, die Kriegserklärung an Preußen unterschrieb.

Es sollte nicht vergessen werden, dass Napoleon auf seinen Feldzügen auch und gerade Nordbayern heimsuchte. Und befand sich das große Hauptquartier der französischen Armee in Bamberg.

Mit 160.000 Soldaten zog Napoleon über Bamberg nach Kronach, wo er im Pfarrhaus am Marienplatz sein Hauptquartier aufschlug. Von dort ging es weiter durch das Tal der Rodach nach Nordhalben. Eine andere Kolonne von Napoleons Streitmacht stieß über Lichtenfels, Lobenstein, Ebersdorf nach Thüringen vor.

Auch seinen Russlandfeldzug begann Napoleon 1812 in Franken: Von Würzburg kommend marschierte er mit einem Truppenteil via Bamberg über Bayreuth Richtung Dresden. Schon im vorangegangenen Winter war das 2. bayerische Korps unter Generalfeldmarschall Carl Philipp von Wrede im Raum Bamberg, Erlangen, Nürnberg zusammengezogen worden. In fünf Kolonnen begann im März 1812 der Vormarsch. Die 3. Kolonne, um ein Beispiel anzuführen, erreichte von ihrem Quartier in Forchheim kommend erst Bamberg, dann Staffelstein, Kronach, Steinwiesen, Lobenstein und Schleiz.

Die Ostseite der Neuen Residenz hat eine bittere Geschichte: Aus einem Fenster stürzte Marschall Berthier zu Tode. Marschall Berthier, der als Schwiegersohn des Herzogs Wilhelm in Bayern nicht zu Napoleon zurückgekehrt war, stürzte sich am 1.Juni 1815 beim Einzug russischer Truppen aus dem Fenster.

Louis Alexandre Berthier (20.11.1753 – 1. 6.1815) war Fürst, Herzog und Marschall von Frankreich. Aus dem preußischen Feldzug 1806 kam er mit der Würde eines souveränen Fürsten von Neuchâtel und Valengin nach Hause. Im Jahre 1808 wurde ihm befohlen, die Prinzessin Marie Elisabeth von Bayern-Birkenfeld zu heiraten, eine Nichte des Königs Maximilian I. Joseph von Bayern. Im Jahre 1809 stellte ihn Napoleon als Oberbefehlshaber an die Spitze der Grande Armée, die von Bayern aus gegen Österreich operieren sollte. Am 6. April begann Berthier mit den Kriegshandlungen, aber bereits am 15. April hatte er es fertiggebracht, den ganzen Feldzug zu gefährden. Er teilte die Armee in drei Teile. Davout setzte er mit der Hälfte der französischen Armee bei Regensburg, Masséna mit der anderen Hälfte bei Augsburg und zwischen beiden die Bayern bei Abensberg ein, so dass Erzherzog Karl bei schnellem Vormarsch alle drei Korps einzeln hätte besiegen können. Die Langsamkeit der Österreicher und die Ankunft Napoleons retteten die französische Armee. Berthier leistete dann aber als Generalstabschef im gleichen Feldzug ausgezeichnete Dienste, und zu seiner langen Liste von Titeln kam noch der des Fürsten von Wagram hinzu.

Während des Feldzuges in Russland von 1812 versagte er auch als Chef des Generalstabs. Nach dem Brand von Moskau erwies er sich sogar als unfähig, die Befehle Napoleons richtig zu erläutern. Aber er blieb weiterhin Chef des Generalstabs.

Als er jedoch wegen der Geheimhaltung eines von Napoleon erhaltenen Briefes beim König in Ungnade fiel, zog er sich nach Bamberg zurück, wo er am 1. Juni 1815 aus einem Fenster im 2. Stock der Kaiserappartements der ehemaligen fürstbischöflichen Residenz rund 20 Meter tief auf die Residenzstraße stürzte und starb. Dort befindet sich ihm zu Gedenken eine Tafel. Berthiers Ende kann ebenso gut ein Unfall wie ein Freitod gewesen sein. Gerüchten zufolge soll Berthier von sechs maskierten Männern getötet worden sein, die ihn hinauswarfen.

Was geschah am 1. Juni 1815 in Bamberg?

Am 31. Mai 1815 gab Herzog Wilhelm in Bayern, der Schwiegervater Berthiers ein Dinner zu Ehren der russischen Gäste, an der auch Berthier teilnahm. Der General Osten von Sacken machte Berthier das Kompliment, dass er einige der wenigen Generäle sei, die dem französischen König die Treue halten, was Berthier sehr verlegen erschienen ließ.

Polizeidirektor Schauer meldete am 1. Juni 1815 dem Appellationsgericht:

Soeben um 1 Uhr Nachmittag stürzte der Prinz von Wagram aus einem Fenster des dritten Stockwerkes in dem Kgl. Schloss dahier gegen die Ludwigstraße (heutige Residenzstraße) herab und zerschmetterte sich das Gehirn. Den Leichnam ließ ich in die Kapelle des Pfarramts Distrikt IV absetzen.[1]

Ein Bericht vom 18. Dezember 1938 im Bamberger Volksblatt:

„U.a. machte uns zu der Sache die Witwe des verstorbenen Geheimrats Peter Fleischmann die Mitteilung, dass der Vater ihres vor 10 Jahren hochbetagt verstorbenen Mannes, der Lehrer Fleischmann zufällig Augenzeuge des Unglücks war, als er in seiner Dienststelle in der Fränkischen Schweiz in Bamberg zu tun hatte. Vor den Augen Fleischmanns stürzte Berthier nieder. Aus seiner Erzählung blieb noch gut in Erinnerung, dass er ein Stück Hirnschale Berthiers, das weitab gesprungen war, aufgehoben hat (…)“

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[1]Jakubaß, Franz. H: Der Marschall und der Polizeidirektor – Der Fenstersturz zu Bamberg, Manuskript zu einen Hörspiel, Sendezeit, 22. Juni 2003, Seite 16

 

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