In Screens we trust / Marc Goodman: Global Hack

Werner Schwarzanger

Marc Goodman, einst Sergeant in Los Angeles, heute Futurist beim FBI und Mitglied in Ray Kurzweils Singularity University, bleibt unerschütterlich optimistisch: Leute, das Netz ist gut! Doch leider hat sich in die menschheitbeglückende Utopie vom Silicon Valley ein „Tsumani des Bösen“ eingenistet, den es mit vereinten Kräften zu bekämpfen gilt. Von diesem Tsunami – und wie wir seiner Herr werden können – handelt Global Hack.

Auch wenn im Googleverse der um den Globus schwirrenden Bits und Bytes selbstverständlich der freie Datenverkehr dem Schutz der Privatsphäre vorzugehen hat – ist Überwachung doch das „Geschäftsmodell“ all der netten Internetgiganten – so bleibt das Internet doch die „treibende Kraft des Guten“ der expotentiell entstehenden schönen neuen Datenwelt, die allein „eine Antwort auf die drängendsten Fragen der Menschheit liefern“ kann. Alles andere ist für Goodman Schnee von gestern. Nicht dass die Privatsphäre laut Mark Zuckerberg „nicht mehr die soziale Norm“, vielmehr der „echten Authentizität“ der tabulos öffentlichen digitalen Selbstinszenierung zu opfern ist, beunruhigt den futuristischen FBI-Mann. Aber dass auch Schurkenstaaten, Terrororganisationen und Kriminelle mit ihren Zigmillionen Malwareprogrammen das gute Netz zu einer Täuschungsmaschine pervertierten, in der es von fiktiven Blendpersonen, sogenannten „Sockenpuppen“ nur so wimmelt, das bereitet ihm schlaflose Nächte. Die allgegenwärtigen Bildschirme, auf deren Anzeigen wir uns vertrauensselig verlassen, drohen zum Nabel einer jederzeit manipulierbaren Scheinrealität zu werden, die sich zu einer niemand weiß von wem programmierten und gesteuerten Black-Box voller Filter Bubbles verspukt. Und so werden alle Nutzer je vernetzter umso angreifbarer dem „verdeckten Krieg um eine virtuelle Realität“ ausgeliefert. Während Technologien wie Robotik, KI, 3-D-Produktion, synthetische Biologie „ein Schlachtfeld der Zukunft“ bereitet, eine fünfte Kriegssphäre neben Land, See, Luft und All, dressieren die Internetgiganten ihre Nutzer zu flotten Äffchen, die willig die Bigdatahoardmaschine füttern, ohne die einseitigen Geschäftsbedingungen auch nur zu lesen. Datenabsaugunternehmen wie Google und Facebook speichern und verkaufen Menschen als profilierbare Produkte an Werbekunden. Und vor dem allgegenwärtigen Hacking sicher ist im Netz überhaupt nichts. So machte ein 14-jähriger Tüftler in Lodz das Straßenbahnnetz „zu seiner persönlichen Spielzeugeisenbahn“, indem er die Transport-Infrastruktur der Stadt hackte, was zur Entgleisung von mehreren Zügen führte. Im australischen Maroochy Shire in Queensland hackte man die Kontrollmechanismen der Kläranlage und ließ nur mal so zum Spaß Millionen Liter ungeklärter Abwässer sich in die Stadt ergießen. Über die elektronischen Wahlsysteme kann man aber auch die Demokratie hacken. Und „Terrror-Universität“ ist das Internet sowieso.

Da die Kurve der exponentiell wachsenden Rechenleistung der Computer – laut Ray Kurzweil „werden wir im 21. Jahrhundert keine 100 Jahre Fortschritt erleben, sondern eher 20.000 Jahre“ – fast senkrecht in die Höhe schießt, nähern wir uns dem Knickpunkt der Explosion in die technologische Singularität der dann schier allmächtig werdende Maschinenintelligenz hinein. Dieser Aufbruch seiner Einzigartigkeit des Maschinengottes markiert einen beispiellosen „Bruch in der Menschheitsgeschichte“. Aber „das heißt natürlich nicht, dass die Technik an sich böse wäre“. „In den richtigen Händen“ kann der Maschinengott „ein Füllhorn für die Welt“ werden! Wir müssen dafür nur „den Staat neu erfinden“. Die Regierung muss zum Betriebssystem der Gesellschaft werden, durch das sich alles, ob Bildungswesen, Gesundheitswesen oder Strafverfolgung, automatisch mit der Innovationsexplosion mitverändert. In perfekter Partnerschaft „zwischen Silicon Valley und Washington“ werden die vorbildlichen USA zum geheimdienstlichen Verwaltungsorgan seiner Einzigartigkeit. Freilich schluckt diese mit ihrem „neuen Paradigma öffentlicher Sicherheit“ nebenbei die Demokratie. Aber ist diese denn nicht ebenso wie die Privatsphäre „nicht mehr die soziale Norm“? Dafür „wird der Sieg in der Schlacht zwischen Gut und Böse der Seite gehören, der es gelingt, die meisten Menschen zu mobilisieren“. Die zum „Cyberabwehrkops“ verpolizeilichte Öffentlichkeit wird gegen all die „Mafiosi, Terroristen, Hacker und Schurkenstaaten“ dann zur unschlagbaren Schwarmintelligenz. Also: das Netz ist gut. Leute, glaubt es einem aufrechten Kopf vom FBI: das Netz ist gut, ehrlich.

Global HackGlobal Hack
von Marc Goodman

Hacker, die Banken ausspähen. Cyber-Terroristen, die Atomkraftwerke kapern. Geheimdienste, die unsere Handys knacken.

ISBN: 978-3-446-44463-8
600 Seiten
Format: 23,6 x 16,1 cm
Hardcover/Gebunden
Carl Hanser Verlag, 24,90 €

 

 

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