Ich bin ein Kulturflüchtling

Von You Xie (Vizepräsident der Association of Chinese Language Writers in Europe)

You Xie PräsidentIch heiße You Xie, bin im Jahre 1958 in Hainan/China geboren. Als ich geboren wurde, herrschte Hungersnot in China. Ich bin während der Kulturrevolution aufgewachsen und konnte deshalb nicht die Schule besuchen, sondern musste auf dem Land arbeiten. In meiner Schulzeit wurden die Lehrer und Professoren aufs Land geschickt, und die Fabrikarbeiter, Bauern und Soldaten in der Schule als „Lehrer“. Damals gab es keinen normalen Schulbetrieb in China.

In der Stadtmitte Peking befindet sich ein Tor, das Chéngtiānmén heißt (Chéngtiānmén auf Deutsch: das Tor, das den Himmel trägt). Das Tor öffnete sich seit 1978 in China und im Jahre 1988 für mich, ich ging durch das Tor heraus und dann bin ich mit einem Zug über Peking, die Mongolei, die ehemalige Sowjetunion, Polen und die ehemalige DDR nach Bamberg zum Studium gekommen.

Ab 5. April 1989 war in China eine Demokratiebewegung entstanden, die hauptsächlich von Studenten getragen wurde. In Deutschland haben wir eine Organisation gegründet, um unsere Studienkollegen in Peking zu unterstützen. Ich war Bundesvorsitzender des „Verbandes der chinesischen Studenten und Wissenschaftler in Deutschland e.V.“ Es war eine Dachorganisation von Studentengruppen. Jede Universitätsstadt hatte eine Vereinigung, damals studierten in der BRD ca. 20.000 chinesischen Studenten und Wissenschaftler.

Am 19. Mai 1989 begab sich Zhao Ziyang, Generalsekretär der KPCh und bei den Studenten als Vertreter der liberalen Fraktion beliebt, noch auf den Platz, um die Studenten zu bitten, den Hungerstreik einzustellen und den Platz zu räumen, aber die Studenten weigerten sich. Es war Zhaos letzter Auftritt in der Öffentlichkeit. Zhao wurde seiner Ämter enthoben und unter Hausarrest bis zu seinem Tod gestellt.

Alarmiert durch die Ansprache Li Pengs und die Berichte der Fliegenden Tiger, einer selbstorganisierten Meldereinheit aus Rockern und Kleinunternehmern, die Motorräder besaßen, begab sich die Pekinger Bevölkerung am Abend des 19. Mai auf die Straßen, um das Vorrücken der Armee aus den Vororten zu verhindern. Barrikaden und die versammelten Menschenmengen stoppten Einheiten der Armee, die vorerst unbewaffnet waren. Armeelastwagen wurden lahmgelegt, indem die Reifen durchstochen und Verteilerkappen herausgerissen wurden. In den kommenden Tagen wurden weitere Versuche von Truppen blockiert, zum Tian’anmen-Platz vorzudringen.

Am 20. Mai wurden der Auslandspresse die direkten Satellitenverbindungen gekappt und ihre Aufgabe mit der Abreise Gorbatschows für beendet erklärt.

Die Führung der Studentenschaft war zu diesem Zeitpunkt uneins, ob sie sich mit diesen Demütigungen der Staatsführung zufriedengeben wollten – dies auch angesichts der immer realer werdenden Gefahr staatlicher Gewaltanwendung – oder weiter auf dem Platz ausharren sollten bis zur vollständigen Anerkennung ihrer Forderungen. Für eine Räumung sprachen auch der zunehmende Wunsch vieler Studenten, zu einem normalen Leben zurückzukehren, und die zunehmend unhaltbaren hygienischen Verhältnisse auf dem Platz. Dagegen standen der Durchhaltewille erst später zugereister Studenten und die Befürchtung, ohne die Öffentlichkeit des Platzes staatlicher Repression ausgesetzt zu sein. Diese Spaltungen lähmten zu einem wichtigen Zeitpunkt die Entscheidungsfähigkeit der Studentenschaft und sollten fatale Folgen haben. Insgesamt radikalisierte sich die Stimmung unter den Protestierenden.

Am 30. Mai fand eine von der Fraktion der Abzugswilligen als Abschlusskundgebung geplante Veranstaltung statt, auf der eine Statue der Göttin der Demokratie nach dem Vorbild der Freiheitsstatue gegenüber dem Mao-Porträt über dem Eingang zur Verbotenen Stadt – dem Tor des Himmlischen Friedens – aufgestellt wurde. Das zehn Meter hohe Standbild aus Polystyrol und Gips war von Studenten der Zentralen Kunstakademie gebaut worden. Die Mehrzahl der Studenten blieb weiterhin auf dem Platz.

Ab der Nacht vom 2. auf den 3. Juni unternahmen Armee und Polizei erneute Versuche, den Platz zu besetzen. Die vorrückenden Einheiten blieben wieder in den sich versammelnden Menschenmassen stecken. Die Straßen wurden von ganz normalen Pekinger Bürgern kontrolliert. In abgefangenen Lastwagen wurden Schnellfeuerwaffen, Helme und Uniformen gefunden. Jedoch wurde seitens der Demonstranten keine dieser Waffen eingesetzt und die Konfrontation der Pekinger Bürger mit der Armee blieb friedlich. Über Lautsprecher und den Rundfunk verbreitete die Regierung dagegen zusehends schärfere Warnungen. Angesichts der Drohungen der Regierung zogen die Abzugswilligen vom Platz ab, da sie sich nicht mit Gewalt vertreiben lassen wollten.

Am Abend des 3. Juni bewegten sich Soldaten in voller Ausrüstung mit Schützenpanzern aus mehreren Richtungen auf die Innenstadt zu. Gegen 21 Uhr stießen diese Einheiten auf der dritten Ringstraße in der Nähe der U-Bahn-Station Gongzhufen auf eine Barrikade, von der aus sie mit Steinen beworfen wurden. Das Militär schoss mit scharfer Munition auf die Menge, wobei mehrere Personen getötet oder verletzt wurden. Zwei bewaffnete Soldaten, die von den Lastwagen abgesprungen waren, wurden daraufhin von der erzürnten Menge gelyncht.

Die vorrückenden Kolonnen stießen vorwiegend im Westen der Stadt auf entschiedenen Widerstand und brennende Barrikaden, und mit fortschreitender Konfrontation wurde der Schusswaffeneinsatz gegen die Menge immer verbreiteter und rücksichtsloser. Unbeteiligte wurden ebenso beschossen wie Personen, die versuchten, Verletzte zu bergen. Die zunehmende Gewalt gegen die Zivilbevölkerung führte zu einer allgemeinen Eskalation, in der auch zahlreiche Soldaten entweder mit bloßen Händen getötet wurden oder durch Molotowcocktails und andere improvisierte Waffen ums Leben kamen.

Gegen 24 Uhr trafen die ersten Soldaten am Tian’anmen-Platz ein, der jetzt nur noch von etwa 5000 Studenten besetzt war. Um 1 Uhr rollten Transportpanzer von Norden an den Platz. Panzer walzten Tausende Demonstranten einfach nieder, Soldaten erschossen Fliehende. So starb die Demokratie in China.

In Bamberg war ich bei Hans Wölfel, vor seinem Ehrengrab habe ich geweint: „Hans, gib mir Mut und Kraft, Du hast die Bamberger Bürger verteidigt, die vor dem Sondergericht Bamberg wegen angeblich staatsgefährdender Vergehen angeklagt waren. Leider gibt es in Peking kein Sondergericht, sondern nur Panzer, was soll ich tun?“

Danach veröffentlichte ich Artikel Artikel in Taiwan, in Tageszeitungen wie The China Times,United Daily News und Central Daily News; in Hong Kong, in Zeitschriften wie The Nineties,  Cheng Ming Monthly, Open Magazine, und Frontline.

Ich kämpfe für Menschenrechte, Meinungsfreiheit, Glaubensfreiheit, und bürgernahe Gesellschaft on China.

Franz Kafka stand „Vor dem Gesetz“. Es geht um das verzweifelte Bitten eines Mannes vom Lande, um den Einlass zum Gesetz, welches von einem Türhüter durch ein verbales Verbot verhindert wird.

Ich habe leider kein Gesetz gefunden, vor dem ich stehen kann. Ich sehe auch kein Tor, durch das ich ins Haus eintreten kann, sondern ein durchsichtiges Glashaus, darin voller „Gesetze“, die mir nicht zugänglich sind.

Das kommunistische Gesetz wird als ein Glashaus dargestellt, dessen Zugang nur über einen bestimmten Eingang für mich bestimmt ist. Aber jeder in China kann das Glashaus sehen. Das Suchen nach dem Gesetz im Glashaus wird logisch, denn ich kann nicht etwas suchen, was nicht vorhanden ist, werde aber von der Tatsache davon abgehalten durch die Tür zu treten.

Ich denke, ich schreibe. In der Ausstraße, in dem Gebäude U5, wo Hans Wölfel Unterricht gehabt hatte, studierte ich Germanistik mit Schwerpunkt Journalistik. 1993 diplomierte ich über die Pressepolitik der Kommunistischen Partei Chinas. Meine Diplomarbeit hatte die Zensur zum Thema, und leider werden meine Artikel in China zensiert und kontrolliert. Ich denke, ich schreibe, aber ich finde keine Leser mehr in China. Ich stehe auf einer „Schwarzen Liste“ von Menschen, denen die chinesische Regierung die Einreise verweigert. Das chinesische Tor, das den chinesischen Himmel trägt, hat sich für mich geschlossen.

Und als wäre das alles nicht genug, schreibe ich immer noch Essays, Kurzgeschichten und Reiseberichte; ein deutsches und sieben chinesische Bücher habe ich bereits veröffentlicht. Dabei weiß ich, dass es ein frommer Wunsch ist, in China zum Herausgeber oder Chefredakteur einer Tageszeitung aufzusteigen: Seit 1989 untersagt mir das Regime die Einreise.

 

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