Wohl bestelltes Einkaufsmeilen-Ranking: Passant ist nicht gleich Kunde

Redaktion
Touristen vor dem Gabelmann. Foto: Erich Weiß

Touristengruppe vor dem Gabelmann mit einer einzigen Einkaufstüte. Foto: Erich Weiß

Bamberg auf Platz 3? Nein, Platz 77

Via Facebook freut sich Klaus Stieringer: „Klasse – Im bundesweiten Vergleich der wichtigsten Einkaufsstraßen belegt unser Bamberg wieder einen sensationellen Platz 3! Vielleicht ein Zeichen an die Dauernörgler, Schlechtredner und Verhinderer … ganz sicher aber eine Bestätigung für alle Menschen die sich das ganze Jahr über für unsere wunderbare Stadt engagieren. Ich möchte mich insbesondere bei meinem ganzen Stadtmarketing Team bedanken die einen sensationellen Job machen. Jeden Tag. Das ganze Jahr. Der ausführliche Bericht heute im FT“

Platz 3 (von den Städten unter 100.000 Einwohnern) klingt natürlich allemal besser als Platz 77 (von allen teilnehmenden Städten). Ferner darf hinzugefügt werden, dass Jones Lang LaSalle Incorporated (JJL) ein Dienstleistungs-, Beratungs- und Investment-Management-Unternehmen im Immobilienbereich ist. Und kein unabhängiges Institut. Nach eigener Angabe bietet es „spezialisierte Dienstleistungen für Eigentümer, Nutzer und Investoren, die im Immobilienbereich Wertzuwächse realisieren wollen. LaSalle Investment Management, der Investment-Management Geschäftszweig des Unternehmens, verwaltet ein Vermögen von $ 55,3 Milliarden“. Inwieweit die Stadt Bamberg die Zählung beauftragte (PM Stadt Bamberg), ist unklar, aber denkbar. Schließlich tauchen im Ranking stets dieselben Städte auf, offensichtlich erfolgt eine Zählung nur auf Bestellung.

Eigentümlich: Bamberg seit 2010 auf Platz 3 in der 100.000-Einwohner-Kategorie

Heuer also zählte das JJL-Personal in Bamberg am Grünen Markt von 13 bis 14 Uhr am 21. März 3.500 Passanten, im letzten Jahr 2014 waren es am 29. März noch 4.005 Menschen (auch Platz 3), die am Affenfelsen rumlagen oder lustwandelten, einkauften oder hinter Viking-Schildchen hinterherliefen (und eher weniger konsumierten, was sie ja auch nicht müssen. Rumlaufen und genießen ist Balsam auf die Seele) PM hier. Bamberg belegt in der Kategorie der eher kleinen Städte unter 100.000 Einwohner demnach Platz 3. Zur Komplettierung: 2013 waren es 3.210 (Platz 86 der Gesamtwertung, Platz 3 in Kategorie der eher kleinen Städte), 2012 mit 3.790 noch mehr Passanten (Platz 75 gesamt, Platz 3 in Kategorie der eher kleinen Städte). In 2011 veröffentlichte JJL die Entwicklung der Mieten, wo Bamberg in der 100.000 Einwohner-Kategorie Platz 5 einnahm. Auch in 2010 nahm Bamberg in der Frequenz-Zählung den 3. Platz ein.

Wie kommt’s? Diesjähriger Spitzenreiter der 100.000-Einwohner-Städte Lüneburg im letzten Jahr gar nicht dabei

Im etwa gleichgroßen Lüneburg wandelten im selben Zeitraum 4.730, Lüneburg ist hiermit Spitzenreiter in der 100.000 Einwohner-Stadt-Kategorie und darf Platz 54 im Gesamtranking einnehmen, wo sich Bamberg auf Platz 77 einreiht. Lüneburgs Altstadt ist aufgrund der Denkmalpflege-Restaurierungen nach den Zweiten Weltkriegszerstörungen bei Touristen überaus beliebt, 1300 Backsteinhäuser sind denkmalgeschützt; wichtige Teile der Wirtschaft sind auf den Tourismus ausgerichtet. Mitunter wird die historische Altstadt als Freilichtmuseum bezeichnet („Rothenburg des Nordens“). Lüneburg hat sich in den vergangenen Jahren mehr und mehr zu einem Anlaufpunkt für Touristen aus aller Welt hin entwickelt. Offensiv betreibt die Stadt Tourismus-Werbung, nicht zuletzt durch den Zusammenschluss 9_Städte. Und hat sich natürlich auch zählen lassen, denn offensichtlich hat JJL Investoren im Gefolge, die man in Lüneburg gern hätte – wie in Bamberg.

Touristen vor dem Gabelmann. Foto: Erich Weiß

Touristen vor dem Gabelmann. Foto: Erich Weiß

In Bamberg werden Touristenströme gezielt an den Grünen Markt geleitet

Die jährlich anstehende JJL-Zählung zählt alle Flanierenden. Vermehrt werden seit Jahren  Touristenströme in Bamberg gezielt durch die Lange Straße an den Affenfelsen am Gabelmann geführt – genau dort, wo die Zählung stattfindet. Sicherlich sind der Grüne Markt, die barocke Martinskirche und der Gabelmann with his fork äußerst attraktiv. Die Stadt jedenfalls tut sich seit Jahren schwer, die für Flusstouristenbusse eingeführte und immer wieder kritisierte Haltestelle an der südlichen Promenade zugunsten der geschädigten Denkmäler zu verlagern.

Tourist ist nicht gleich Kunde

Die drei Schritte vom Zählen von Passanten über das Umdeuten in Kunden bis hin zum Aufwerten einer Immobilen-Attraktivität müssen die Touristenströme herhalten – auch wenn die eher weniger konsumieren. Einer solchen vermeintlichen Schlussfolgerung aufzusitzen, ist gefährlich, denn es gibt sie quasi nicht, weil unlogisch. Ein Dienstleistungs-, Beratungs- und Investment-Management-Unternehmen im Immobilienbereich erhöht mit einem von ihm selbst initiierten Ranking den eigenen Einfluss (kluges Geschäftsmodell!), beeinflusst aber politisches Handeln. Umsomehr, wenn städtische Vertreter ein positives Ranking als eigene positive Leistung verbuchen können. Eine vermeintliche win-win-Situation wird konstruiert, wobei allerdings der stationäre Handel aus dem Blickfeld fällt.

Busparkplätze an der Südl. Promenade. Foto: Christiane Hartleitner

Busparkplätze an der Südl. Promenade. Foto: Christiane Hartleitner

Diese Zusammenhänge sollten klar kommuniziert werden. Besonders in Zeiten, wo Preisverhandlungen im Quartier an der Stadtmauer im Hintergrund laufen, zumal JJL ein Shopping-Center-Management betreibt. Schönreden ist keine kluge oder gar nachhaltige Geschäftsbasis. Und das Drumrum eher ein Ärgernis. darüber hinaus ist der Bamberger viel zu eng mit seiner Stadt verknüpft, als dass er die Verhältnisse nicht durchschaut, demnach leidet – neben dem Handel – vor allem die Glaubwürdigkeit der Akteure.

Eine wirklich relevante Frage wäre die nach der Qualität. Die Qualität des Handels, die Qualität des Tourismus, die Qualität der Veranstaltungen.

 

3 Gedanken zu „Wohl bestelltes Einkaufsmeilen-Ranking: Passant ist nicht gleich Kunde

  1. Legt euch nur nicht mit dem zukünftigen Oberbürgermeister an!!! Bamberg konnte Lange nicht verhindern und wird auch Stieringer nicht verhindern können. Die Strippenzieher bleiben da schön im Hintergrund, sind aber schon fast sizilianisch vernetzt und organisiert. Die wenigen Stadträte und Parteienvertreter mit Rückgrat haben doch schon längst resigniert. Wer es über diese dubiosen Netzwerke in die städtische Verwaltung schafft, ist der Meinung er braucht nichts mehr zu arbeiten. Dementsprechend auch die Leistungsfähigkeit und der Leistungswille dieser Truppe.

  2. So baut sich Stieringer sein eigenes realitätsfernes Wolkenkukuksheim, in dem ausser heißer Luft (siehe „Heiße Luft en masse“), Lärmevents und Boatpeaples nichts mehr zählt.
    Es wird Zeit das dieser endlich, mitsammt seinem ganzen Stadtmarketing, Bamberg verläßt. Soll er doch andere Stadte damit beglücken und uns in Ruhe lassen!

    • Bravo CRFA2 und Clavius 1970!
      Allerdings muß diese Botschaft auch endlich in einer klaren und verständlichen Sprache bei den versammelten Wählern unserer Stadt ankommen.
      Es sind doch immer die gleichen, die sich Gedanken machen (dito an die Redaktion: super Artikel – zeigt die ganze Traurigkeit der Vetternwirtschaft auf dem Rücken der Zukunft der Stadt in traurigster Weise) und vesuchen, auf die brisanten Zustände hinzuweisen.
      Wo sind in Bamberg die Leute mit einem A… in der Hose, um sich den zersetzenden Entwicklungen entgegenzustellen?

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