Ein sinnlicher Totalausfall

Georges Bizets „Carmen“ in Würzburg litt bei der Premiere schwer an Indispositionen. Es kann also nur besser werden.

Monika Beer
Der Opern- und Extrachor des Mainfrankentheaters lässt es an sinnlicher Wirkung nicht fehlen: Szene aus der "Carmen"-Neuinszenierung am Mainfrankentheater Würzburg. Foto: Nico Manger

Der Opern- und Extrachor des Mainfrankentheaters lässt es an sinnlicher Wirkung nicht fehlen: Szene aus der „Carmen“-Neuinszenierung am Mainfrankentheater Würzburg. Foto: Nico Manger

Eines kann und darf man Intendant Hermann Schreiber lassen: Er schafft es, dem Publikum elegant, unterhaltsam und portionsweise beizubringen, was für eine Opernpremiere schlichtweg eine Katastrophe ist, nämlich der Ausfall und/oder die Indisposition von gleich drei der vier Hauptsolisten. Die neue „Carmen“-Produktion am Mainfrankentheater war bei ihrer ersten Vorstellung am 24. Januar aber nicht nur deshalb mehr ein Kuriosum als ein Kunstgenuss. Auch szenisch läuft bei weitem nicht alles rund.

Die guten Nachrichten zuerst: Für Bryan Boyce, den indisponierten Escamillo, sprang Adam Kim schon bei der Generalprobe ein und präsentierte sich bis auf kleine Tiefenschwächen als machohaft-mitreißender Torero. Dessen Konkurrent um Carmens Gunst, Don José, trat gleich doppelt in Erscheinung. Der verschnupfte Bruno Ribeiro spielte die gut einstudierte Rolle nur, während am Bühnenrand Ricardo Tamura die Partie übernahm – sängerisch sehr überzeugend.

Dass nach der Pause noch die Bitte um Nachsicht für die Sängerin der Titelrolle anstand, klingt bei einer Erkältungswelle am Theater plausibel. Aber Gastsolistin Laura Brioli war nicht nur stimmlich hörbar beeinträchtigt, sondern schauspielerisch als Carmen ein unsinnlicher Totalausfall – was das Würzburger Publikum insofern spiegelte, als es bis zur Pause keinen Szenenapplaus für die Mezzosopranistin gab. Jede einzelne Chordame auf der Bühne bewegte sich sicherer und hatte mehr Ausstrahlung als ausgerechnet die Hauptsolistin, während die hauseigene (und garantiert überzeugendere) Zweitbesetzung Sonja Koppelhuber bei der Premiere nur als Mercédès brillieren durfte.

Von den Hauptfiguren erhob sich nur eine souverän über fast alle Misslichkeiten: Silke Evers als Micaëla, die in ihrem himmelblauen, transparenten Kapuzenmäntelchen mädchen- und märchenhaft wirkte und traumhaft sang. Daneben überzeugte einmal mehr Anja Gutgesell als spielfreudig-auftrumpfende Frasquita. Auch die weiteren Solisten, angeführt von Daniel Fiolka als Dancairo und Joshua Whitener als Remendado, waren sängerdarstellerisch prägnant. Herbert Brand als umsichtig-redseliger Leutnant Zuniga sorgte mit gezielten Brocken auf Deutsch dafür, dass das Publikum auch ohne Französischkenntnisse und ohne ständigen Blick auf die Übertitel mitbekam, was ablief.

Regisseurin Sabine Sterken, die auch die hier sparsamen Dialoge eigens für Würzburg neu eingerichtet hat, wollte die populäre Oper ganz ohne Spanienfolklore präsentieren, aktuell und abstrahierend. Sie wollte zeigen, wie Dramaturg Christoph Blitt in seiner Einführung erläuterte, was kleine Leute jeweils als ihr Glück erträumen – Leute am Rande der Gesellschaft und in Grenzsituationen, ob nun ganz real oder im übertragenen Sinn. Das ist vom Ansatz her dankenswert, gut gemeint und klingt plausibel.

Herausgekommen ist aber leider eine handwerklich nur stellenweise solide, pseudo-feministisch angehauchte Interpretation. Statt der üblichen Klischees tischen Sterken und ihr Ausstatter Martin Rupprecht oft nur andere Klischees auf und heben didaktisch die Zeigefinger. Trotz der gelegentlich kreuzenden Greisin in Schwarz dürfen die Chordamen sich hier irgendwie freier fühlen, während die männlichen Choristen, ob Soldaten oder Schmuggler, eher wie bestellt und nicht abgeholt herumstehen und sich in den seltsamen Traumsequenzen gar flachlegen müssen.

Warum die Bauten auf der spärlich genutzten Drehbühne mit dem dicken roten Grenzstrich kleiner werden, ist genauso wenig erhellend wie Plastikflaschen als Glasbausteine. Und geradezu aufdringlich wird Schrift als Inszenierungsbestandteil benutzt. Das kann zwar spielerisch leicht gelingen, wie es Frasquita und Mercedes vorführen. Aber wo hat die Regisseurin ihren selbstkritischen Blick gelassen, wenn sie ihre Micaela dazu verdonnert, singend ans Publikum gewandt gleichzeitig mit verdrehter Hand etwas auf die rückwärtige Wand zu kritzeln?

Schwamm drüber. Schließlich könnte diese „Carmen“ trotz ihrer Regieschwächen ein Ereignis sein, wenn die ohnehin auch dafür vorgesehene fulminante Sonja Koppelhuber die Titelpartie übernimmt und die einstudierten männlichen Protagonisten wieder bei Stimme sind. Die Fahrt nach Würzburg lohnt auch deshalb, weil aus dem Orchestergraben Erstaunliches kommt. Generalmusikdirektor Enrico Calesso, dem zuzusehen ohnehin ein Vergnügen ist, präsentiert mit seinen Instrumentalisten den abgenudelten französischen Opernhit so klar und frisch, dass man zu verstehen beginnt, warum der Ex-Wagnerianer Friedrich Nietzsche in Bizets „Carmen“ sein Heil suchte.

Besuchte Vorstellung am 24. Januar (Premiere), weitere Aufführungen im Mainfrankentheater jeweils um 19.30 Uhr am 10., 22. und 25. Februar, 4., 12., 15. und 20. März, 4. und 17. April sowie am 3. Mai; Nachmittagsvorstellungen am 1. März und am 24. Mai jeweils um 15 Uhr. Karten gibt es telefonisch unter 0931/3908-124 sowie online unter www.theaterwuerzburg.de

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