Urbane Plaudereien – Thomas Mann und andere im Café

Peter von Liebenau

Café in Bamberg, am Abend, 18 Uhr. Im hinteren Raum sitzen: zwei aparte Frauen, ca. 40, schick gekleidet, Einkaufstüten, Bücher, Glühwein trinkend. Eine davon hat ihre Haare zu einer interessanten Frisur gesteckt. Ein weiteres Paar, Mann und Frau, ebenfalls schick, ebenfalls Einkaufstüten. Sie sind, dem Gespräch nach, das sie führen, vom Land. Aber sie benehmen sich doch recht städtisch. Sie trinken immerhin kein Bier, sondern Cappuccino.

Eine Dame, vielleicht fünfzig, sehr apart, diverse Accessoires, telefoniert kurz auf dem Handy. Danach entschuldigt sie sich bei mir! Sie sagt, sie habe mit ihrer Tochter telefonieren müssen. Die sie morgen in London besuchen wolle. Wir sind urban, denke ich mir, die Entschuldigung überfreundlich annehmend. Während ihr Begleiter die Toilette aufsucht, unterhalten wir uns angeregt über den Reiz von London, dass meine Nichte früher in London, jetzt in Istanbul lebe, dass man als Bamberger – zu denen sie sich zähle – einmal außerhalb gelebt haben müsse, über Virginia Woolf und vieles andere. Leider kehrt der Herr Begleiter bald zurück. Sie unterhält sich mit ihm darüber, dass sie morgen in Heathrow abgeholt werde.

Kurz danach, und das ist nicht erfunden!, ruft doch tatsächlich meine Nichte aus Istanbul auf meinem Handy an, um mit mir über ein Weihnachtsgeschenk für ihre Eltern zu sprechen. Auch ich bin urban! Nachdem ich aufgelegt habe, entschuldige ich mich wiederum bei der Tischnachbarin, und wir alle lachen herzlich. Die Dame fragt, wie das Wetter in Istanbul sei, und ich muss zugeben: genauso kalt und regnerisch wie in Bamberg.

Ein paar Meter weiter sitzt ein älterer Herr. Ja, ein wahrer Herr ist das, nicht einfach nur ein „Mann“. Er trägt einen sicher teuren, hellgrauen, leicht silbrig glänzenden Anzug mit Weste, Seidenkrawatte und Einstecktuch. An einem Finger zeigt sich ein wertvoller Ring, der ihn als Angehöriger einer Alten Familie ausweist. Sein dürftiges Haar ist weiß, nach hinten gekämmt – ein letzter Rest einer Künstlermähne vielleicht, immer noch beeindruckend. Seine blauen Augen blitzen hell, intelligent, ja intellektuell. Das Entscheidende ist aber: Er liest ein Buch, ein etwas älteres, aber noch ganz gut erhaltenes Manesse-Bändchen – durch seine wohlgeformte, goldene Lesebrille hindurch, die auf einer charakteristischen Adlernase steckt. Ab und zu führt er eine Tasse Earl-Grey-Tee an seine scharf geschnittenen Lippen.

Ein Traum. Thomas Mann was here in unserer Alten, urbanen Stadt.

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