Ein Steinobst als lyrisches Motiv. Bei William Carlos Williams, Fitzgerald Kusz und Hendrik Rost.

Pflaumen

                                               Verzeih.
                                    W. C. Williams

Spät wieder zu Hause, finde ich dich
schlafend, eine anziehende Wölbung
unter dem Laken. Es ist klar und
deswegen sehr kalt heute nacht.
Mit meinen blutleeren Händen und
Eisfüßen dürfte ich es nicht wagen,
mich zu dir zu legen (eine ungebetene
Pause im Traum, die nach Fusel riecht).
Das Licht aus dem Kühlschrank wirkt
warm in diesem Klima, und ich mache mich
über die Nachricht her, die du wortlos
für mich hinterlassen hast. Ein Teller mit
Pflaumen, und jede einzelne schmeckt
nach einem reifen Ersatz, sehr saftig,
süß, wie die Entschuldigung für etwas,
das man sich überraschend eingesteht.

Hendrik Rost

Von Chrysostomos

Wer beim Wort „Pflaume(n)“ (wahlweise auch Zwetschge, Zwetsche, Quetsche, in Aachen Pruum, im Hunsrück Braum oder auch Bilse, in Kärnten Pfram, im Niederdeutschen Kreike oder Spilgen, in Salzburg Spönling, in Stuttgart Tittlespflaume, in Süddeutschland Hengsthodenpflaume, in der Steiermark Ziberling, in der Mark Bülken und in Graubünden Zipärle geheißen), wer also bei „Pflaumen“ zunächst nicht an Prunus domestica und den mit ihr verbundenen kulinarischen Genuß denkt, sondern an ein Gedicht von William Carlos Williams – oder an eines von Fitzgerald Kusz, auch eines von, siehe oben, Hendrik Rost – der ist für diese Welt verloren, für die der Poesie aber, der er/sie womöglich verfallen, eindeutig gewonnen.

Freilich zählt Williams’ „This Is Just to Say“ zu den fünf, sechs für das 20. Jahrhundert maßgeblichen Gedichten schlechthin, und wer es dennoch nicht kennt, dem hilft Rost gleich eingangs auf die Sprünge, indem er den Auftakt der dritten, also der letzten, Strophe („Forgive me / they were delicious / so sweet / and so cold“) zitiert, sogar mit Namensnennung des Autors. Auf diese finale Strophe spielt Rost dann auch an, denn auch das ihm „wortlos“ (allein sein Dasein, sein Vorfinden im Kühlschrank, genügt, um Rost, oder sagen wir lieber, dessen lyrisches Ich, an Williams denken zu lassen) hinterlassene Steinobst mundet „süß“; süß „wie die Entschuldigung“ („Forgive me“, da ist es wieder, dieses „Verzeih“), wie die Abbitte „für etwas / das man sich überraschend eingesteht“. Vielleicht, daß man sich liebt? Man vergleiche nur: „eine anziehende Wölbung / unter dem Laken“ versus das auch noch behutsam, quasi mit Rücksicht auf das Gegenüber, in Klammern gesetzte „(eine ungebetene / Pause im Traum, die nach Fusel riecht)“. Apropos Fusel: Zwetschgenwasser?

Williams hat sein Pflaumen-Gedicht, das Hans Magnus Enzensberger übersetzt, aber nicht in sein Museum der modernen Poesie (1960) aufgenommen hat, 1934 geschrieben. Er ist in Wagners Todesjahr in Rutherford, New Jersey, geboren und vor einem halben Jahrhundert ebendort gestorben. Aufgewachsen in New Jersey, New York und am Genfer See, machte er 1908/1909 in Leipzig seine Famulatur als Kinderarzt und ließ sich hernach in seinem Geburtsort als praktischer Arzt nieder, um dort ungeachtet seiner Erfolge als Schriftsteller bis in die fünfziger Jahre hinein zu praktizieren. Williams’ Schreiben versucht, die Rhythmen und Einfärbungen des Neuengland-Staaten-Idioms in poetische Sprache zu fassen. Er zählt gemeinsam mit Hilda Doolittle, Ezra Pound (anders als dieser verachtete Williams den Faschismus), T. S. Eliot, Robert Frost und Wallace Stevens zu den herausragenden US-amerikanischen Lyrikern der ersten Hälfte des vergangenen Jahrhunderts, hat aber auch Essays, Romane, Memoiren (Autobiography, New York, 1951) und ein autobiographisches Epos (Paterson, 1946ff.) publiziert.

Und er hat zahlreiche Spuren bei den ihm nachfolgenden Dichtergenerationen hinterlassen, auch hierzulande. Beispielsweise bei Hendrik Rost. Rost, der Ingo Schulze zufolge „spröde Gedichte, die zu Herzen gehen“, schreibt, ist 1969 im westfälischen Burgsteinfurt geboren. In Kiel und in der Heine-Stadt Düsseldorf hat er neben Germanistik auch Philosophie studiert und ist für seine Lyrik mit zahlreichen Stipendien (etwa dem der Stuttgarter Akademie Schloß Solitude, 1998) und Preisen (Dresdner Lyrikpreis, 2002, Clemens-Brentano-Preis der Stadt Heidelberg, 2000) ausgezeichnet worden.

NB: Auf eine kleine, vierteilige (so will es ein Grundsatz der insgesamt vierundsiebzig nicht vor 1965 geborene lyrische Stimmen umfassenden Anthologie) Auswahl von Hendrik Rosts Gedichten – darunter eben auch „Pflaumen“ – trifft man in der von Jan Wagner und Björn Kuhligk in Köln bei DuMont vor einer Dekade veröffentlichten Sammlung Lyrik von Jetzt.

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