Das Euter, das schwellt, der Rüde, der bellt. Der im mainfränkischen Kitzingen hundert Jahre vor Mozarts Geburt verstorbene Johann Klaj besingt die Vorzüge des Frühjahrs.

Vorzug deß Frülings.

Im Lentzen da gläntzen die blümigen Auen/
die Auen/die bauen die perlenen Tauen/
die Nympfen in Sümpfen ihr Antlitz beschauen/
Es schmiltzet der Schnee/
man segelt zur See/
bricht güldenen Klee.
Die Erlen den Schmerlen den Schatten versüssen/
sie streichen/sie leichen in blaulichten Flüssen/
die Angel auß Mangel und Reissen beküssen/
Die Lerche die singt/
das Haberrohr klingt/
die Schäferin springt.
Die Hirten in Hürden begehen den Majen/
man zieret und führet den singenden Reien/
die Reien die schreien üm neues Gedeien/
die Herde die schellt/
der Rüde der bellt/
das Eiter das schwellt.

Johann Klaj

Von Chrysostomos

Er hat zwar noch, dieser um 1616 herum in Meißen geborene, vierzig Jahre später Mitte Februar in Kitzingen verstorbene Johann Klaj, den „Vorzug des Winters“ bedichtet („am Ofen ohn Frost / da schmecket der Most / zu Federwildskost“), doch wollen wir es, angesichts des heute endlich mit viel Sonne bedachten Wonnemonats Mai, bei Klajs Huldigung an den Frühling belassen. Sollte sich jemand über die Schreibung wundern: der Text ist, Wulf Segebrechts Anthologie Das deutsche Gedicht (Frankfurt am Main: S. Fischer, 2005) folgend, entnommen der in Nürnberg bei Endtner 1650 erschienenen Schrift Geburtstag Deß Friedens/ Oder rein Reimteutsche Vorbildung/ Wie der großmächtigste Kriegs- und Siegs-Fürst MARS auß dem längstbedrängten und höchstbezwängten Teutschland/ seinen Abzug genommen/ mit Trummeln/ Pfeiffen/ Trompeten/ Heerpaucken/ Musqueten- und Stücken-Salven begleitet/ hingegen die mit vielmalhunderttausend feurigen Seuftzen gewünschte und nunmehrerbetene goldgüldene IRENE mit Zincken/ Anziehungen der Glocken/ Feyertägen/ Freudenmalen/ Feuerwercken/ Geldaußtheilungen und andern Danckschuldigkeiten begierigste eingeholet und angenommen worden: entworfen von Johann Klaj […], um, die aus den eckigen Klammern hervorgeht, nur einen Teil des Titels anzuführen. Damit feierte Klaj das Ende des Dreißigjährigen Krieges.

Der Sohn eines Meißener Tuchbereiters war Pfarrer und Dichter des Barock. Er studierte protestantische Theologie in Wittenberg und ging dann ohne Studienabschluß, was, wie Heinrich Detering (sicher nicht mit Blick auf seine Göttinger Studenten) schreibt, „damals nicht unüblich war“, nach Nürnberg. Dort fand Klaj im Dichterkreis um Georg Philipp Harsdörffer Fürsprecher, erhielt 1647 das Bürgerrecht und heiratete im Jahr darauf. Zusammen mit Harsdörffer gründete er den „Pegnesischen Blumenorden“. Er war, so Detering weiter, der „eigentliche Sprachschöpfer, der Meister einer lautmalenden Poesie, die manchmal (vielleicht nicht absichtslos) den Nonsens streift und über die er auch in philosophischen Reflexionen zu Sprache und Natur nachgedacht hat“ (beispielsweise in der 1645 herausgekommenen Lobrede der Teutschen Poeterey).

Das Lautmalerische von Klajs Lyrik, und ein wenig auch deren Nonsens, läßt sich schön am „Vorzug deß Frülings“ studieren. In Kitzingen wurde Klaj zum Jahresausklang 1650 mit einer Pfarrstelle betraut. Allerdings heißt es, das Verhältnis zwischen der Gemeinde und ihrem Hirten, dem man mehr Anteilnahme am guten fränkischen Rebensaft, den später ja auch Goethe schätzen sollte, als an seinen Aufgaben nachsagte, sei sehr gespannt gewesen. Wie auch immer. Klajs Gedichte (laut) zu lesen, bereitet auch mehr als dreieinhalb Jahrhunderte nach ihrer Entstehung nicht wenig Vergnügen.

NB: Die aus dem althochdeutschen „utar“ sich herleitende Milchdrüse des weiblichen Säugetiers, das Euter, hat bereits die Grundbedeutung „das Schwellende“.

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