Die Rakete ist zurück. Gewinnt Ronnie O’Sullivan zum fünften Male die Snooker-Weltmeisterschaft?

Von Speedy Gonzales

Im Crucible Theatre zu Sheffield im Süden Yorkshires wird normalerweise, wie der Name schon sagt, Theater gespielt. Es ist Teil eines drei Bühnen umfassenden Gebäudekomplexes, des größten Theaterblockes außerhalb Londons. Demnächst wird im Crucible The History Boys aufgeführt, das preisgekrönte, auch verfilmte, Stück von Alan Bennett, der immer wieder auch im Bamberger E.T.A.-Hoffmann-Theater inszeniert wird. Doch seit 1977 sind dort auch ganz andere Dramen zu erleben: Das Crucible Theatre firmiert als unbestrittene Kathedrale des Snooker-Sports, wenn jedes Frühjahr die Weltmeisterschaften im faszinierenden Spiel mit den fünfzehn roten und je einer gelben, einer grünen, braunen, blauen, pinkfarbener und einer schwarzen Kugel (deren Einlochen in eine der Taschen mit sieben Punkten belohnt wird) ausgetragen wird.

Seit gestern stehen sich im Finale der Snooker-WM in Sheffield die beiden Engländer Barry Hawkins und Ronnie O’Sullivan gegenüber. O’Sullivan hat seit 2001 den Titel bereits viermal eingefahren, zuletzt im vergangenen Jahr. Danach nahm er sich eine Auszeit, nun steht er, den man wegen seines kometenhaften Aufstiegs und auch aufgrund seines unheimlich schnellen Spiels mit dem Beinamen „The Rocket“ bedacht hat, in alter Frische am Tisch. Mark Selby und Neil Robertson, die die Weltrangliste anführen, sind in Sheffield frühzeitig ausgeschieden, Robertson bereits in der Auftaktrunde, Selby im Achtelfinale, und Judd Trump, den O’Sullivan 2012 im Finale niederrang, hatte auch heuer im Halbfinale gegen die Rakete keine Chance, die mit 17:11 gewann.

Nach der zweiten Finale-Session liegt Ronnie, der für sein unstetes Temperament berüchtigt ist, der mit Alkohol und Cannabis nicht umzugehen wußte, der noch immer und immer wieder an Depressionen leidet, der dennoch von vielen als der begabteste Snooker-Spieler aller Zeiten gehandelt wird, mit 10:7 Frames (so werden die einzelnen Sätze, oder Spiele, genannt) in Führung. Dem Siebenunddreißigjährigen gelangen dabei vier Centuries: Spielzüge, in denen hundert und mehr Punkte (maximal 147) erzielt werden, ohne daß der Gegner zum Zuge kommt. O’Sullivan hat nun – allein im Crucible Theatre – 129 Century-Breaks geschafft und somit den Rekord des Schotten Stephen Hendry, der im vergangenen Jahr nach seiner Viertelfinalniederlage bei der Weltmeisterschaft zurücktrat, um zwei Centuries überboten.

Es bleibt spannend in Sheffield. Verfolgen kann man den weiteren Fortgang der WM bei Eurosport (15:30 Uhr bis 18:30 und 20 Uhr bis 23 Uhr) oder, weit besser noch, bei der BBC, wo die Snookerlegenden Dennis Taylor und Steve Davies moderieren. Diese beiden schrieben im Crucible Theatre 1985 Geschichte. Erst mit der letzten Schwarzen wurde das Finale weit nach Mitternacht im fünfunddreißigsten von fünfunddreißig möglichen Frames entschieden. Auf der Insel waren 18 Millionen Fernsehzuschauer live dabei. Eine wunderbare Erzählung von Markus Orths, in Bamberg nicht ganz unbekannt auch er, hat unter anderem dieses Finale zum Thema, „Shot to Nothing“.

NB: Erschienen sind die Erzählungen Markus Orths’ bei Schöffling & Co. in Frankfurt am Main. Irgendwann ist Schluss (2013) heißt der Band.

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