Otto Licht schreibt ein Gedicht. Außerdem wächst der Spargel, und wie man hört, soll der Frühling, zumindest im Lied, tatsächlich da sein. Das ist ja prima, Vera!

Veronika, der Lenz ist da

Veronika, der Lenz ist da,
die Mädchen singen Tralala,
die ganze Welt ist wie verhext,
Veronika, der Spargel wächst,
ach Du Veronika, die Welt ist grün,
drum laß uns in die Wälder ziehn.
Sogar der Großpapa, sagt zu der Großmama:
Veronika, der Lenz ist da.

Mädchen lacht, Jüngling spricht,
Fräulein wolln sie oder nicht,
draußen ist Frühling,
der Poet Otto Licht
hält es jetzt für seine Pflicht,
er schreibt dieses Gedicht:

Veronika, der Lenz ist da,
die Mädchen singen Tralala,
die ganze Welt ist wie verhext,
Veronika, der Spargel wächst,
Veronika, die Welt ist grün,
drum laß uns in die Wälder ziehn.
Der liebe alte Großpapa sagt zu der guten Großmama:
Veronika, der Lenz ist da.

Sie sollen frohlocken, der Lenz ist da, Veronika
die ganze Welt ist wie verhext,
Veronika, der Spargel wächst,
o Veronika, Veronika, die Welt ist grün,
drum laß uns in die Wälder ziehn.
Sogar der liebe, gute, alte Großpapa,
sagt zu der lieben, guten, alten Großmama:
Veronika, der Lenz ist da.

Veronika, der Lenz ist da,
die Mädchen singen Tralala,
die ganze Welt ist wie verhext,
Veronika, der Spargel wächst,
Veronika, der Lenz ist da.

Fritz Rotter

Von Chrysostomos

Zu den fraglos bekanntesten Klassikern im an Klassikern nicht armen Repertoire der Comedian Harmonists zählt „Veronika, der Lenz ist da“. Aufgenommen wurde „Veronika“ am 22. August 1930 als eine von insgesamt neunundsechzig Gramophonplatten, die bei der Electrola erschienen. Es war ein denkwürdiger Freitag, denn auch „Ein Freund, ein guter Freund“ und die sehnsuchtsvolle Ballade „Liebling, mein Herz läßt Dich grüßen“ wurden damals eingespielt, sowie, wie treffend, „Wochenend’ und Sonnenschein“ (eine Coverversion von „Happy Days Are Here Again“, das Franklin D. Roosevelt 1932 zu seinem Wahlkampfschlager machte und das noch immer als halboffizielle Hymne der Democratic Party gilt, obwohl sie längst auch mit „Beautiful Day“ von U2 Wahlkampf betreibt; zum Auftakt der Parteitage der Democrats wird, um diese kleine Abschweifung abzurunden, sei’s gesagt, die blech- und schlagzeugsatte „Fanfare for the Common Man“, komponiert 1942 von Aaron Copland, gespielt).

In der Stubenrauchstraße 47 in Berlin-Friedenau erinnert heute eine Gedenktafel an die Gründung des Ensembles. „In einer Mansarde dieses Hauses“, ist darauf zu lesen, „wurden zur Jahreswende 1927/28 auf Initiative von Harry Frommermann mit Robert Biberti, Erwin Bootz, Erich Collin, Roman Cycowski und Ari Leschnikoff die Comedian Harmonists begründet.“ Der Nachsatz macht auf das unsägliche Leid(en) der Juden in einer bitterbösen braunen Zeit aufmerksam: „Das weltberühmte Vocalensemble wurde 1935 durch die erzwungene Emigration der drei jüdischen Mitglieder getrennt.“

Frommermann (1906 bis 1975), der dritte Tenor und Arrangeur der Gruppe, hatte im Dezember 1927 im Berliner Lokal-Anzeiger folgende Annonce geschaltet: „Achtung. Selten. Tenor, Baß (Berufssänger, nicht über 25), sehr musikalisch, schön klingende Stimmen, für einzig dastehendes Ensemble, unter Angabe der täglich verfügbaren Zeit gesucht.“ Zum Vorsingen traten über sechs Dutzend Kandidaten an; einzig der Baß Robert Biberti (1902 bis 1985) – er war Mitglied im Chor des Großen Schauspielhauses zu Berlin, dessen erster Leiter bei der Neugründung 1919 Max Reinhardt war – fand Frommermanns Placet.

Zur Vervollständigung holte Biberti bald zwei Kollegen aus dem Chor herbei, den Bulgaren Ari Leschnikoff (1897 bis 1978) als Ersten Tenor und den aus Łódź gebürtigen Bartion Roman Cycowski (1901 bis 1998). Zweiter Tenor war zunächst Walter Nußbaum, der aber wurde im März 1929 durch Erich Collin (1899 bis 1961) ersetzt, der so gut mit Albert Einstein befreundet war, daß dieser ihm, nachdem Collin im kalifornischen Exil als Weinhändler gescheitert war, eine Dozentenstelle am musikwissenschaftlichen Institut der New York University besorgte. Der Mann am Klavier bei den Comedian Harmonists hieß Erwin Bootz, geboren 1907 in Stettin, in Hamburg zum Jahresausklang 1982 verstorben.

Erwin Bootz war es, der „Veronika, der Lenz ist da“, das ursprünglich aus der Feder des Wiener Komponisten Walter Jurmann stammt, für das a-cappella-Ensemble bearbeitete. Zunächst brachten Frohmann & Co. „Veronika“ als Eröffnungsstück ihrer Konzerte: „Die erste Nummer muß gleich knallen, und wenn wir dann ,Veronika, der Lenz ist da‘ oder ,Wochenend und Sonnenschein‘ sangen, – da hatten wir das Publikum und konnten nachher singen, was wir wollten“, erzählte Robert Biberti (Eberhard Fechner, Die Comedian Harmonists. Sechs Lebensläufe. Weinheim: Quadriga, 1988:201), bald aber mutierte „Veronika“ zur Zugabe. In Joseph Vilsmaiers Verfilmung der Geschichte der Comedian Harmonists, 1998 ausgezeichnet mit dem Deutschen Filmpreis, spielt der muntere, lebensfrohe, auch frivole (es ist ja nicht nur der Spargel, der da wächst, und auch das „Fräulein wolln sie oder nicht“ ist recht eindeutig zu dechiffrieren) Foxtrott eine tragende Rolle.

Von dem Klassiker existieren eine französische („Véronique, le printemps est la“), eine niederländische („Veronika, tis lentetijd“), eine englische („Oo! La! La!“) Version. Viele Formationen haben ihn heute im Repertoire, Max Rabe bringt ihn immer wieder, und natürlich hat sich auch der ubiquitäre niederländische Stehgeiger André Rieu an „Veronika“ versucht. Den Comedian Harmonists ist das nicht anzukreiden.

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