Gedichte aus dem Memelland. Eine Erinnerung an Johannes Bobrowski, den plötzlich – 1962 – umschwärmten „Apostel der unzerstörbaren Einheit der deutschen Literatur“.

Die Günderode

Erdhauch
aus Vorwelt, der Ahnen
Sternzeit, rollende Sonnen
über dem Tanz der Völker,
wenn Süden
rauscht, ein rötlicher Vogel,
im Berggestürz.

Dies,
ein Lied,
auf der Spitze des Stahls
trägst du, Freundin. In Lüften
über dem Ufer Stimmen
der Vögel nun.

Aber
wir sehn dich
hell, die Gestalt der männlichen
Göttin, im Gezweig
das Haupt. Deine Hände greifen
träumrisch den Schlaf.

Johannes Bobrowski

Von Chrysostomos

Es gibt schon schauerliche Visionen, Weissagungen, Prophezeiungen, die sich auf unheimliche Weise bewahrheiten. Georg Heym etwa, der im Januar 1912 beim Schlittschuhlaufen in der Havel ertrank, sagte seinen Tod voraus. Und Johannes Bobrowski, um den es heute gehen soll, erwähnte einmal in einem Interview: „Ich will 125 Gedichte schreiben, das Ganze ordentlich verteilt auf drei Bücher, das ist dann alles, und ich leg mich ins Grab.“ Fast genau so kam es dann auch. Zu Bobrowskis Beerdigung – er war anfangs September 1965 an einer Sepsis, die sich nach einem Blinddarmdurchbruch einstellte, im Köpenicker Krankenhaus verstorben – versammelten sich auf dem Friedrichshagener Friedhof unter anderen Ingeborg Bachmann, Christoph Meckel, Uwe Johnson, Günter Kunert, Hubert Fichte, Rolf Haufs, Karl Mickel, Franz Tumler.

Bobrowskis Lyrik lebt häufig von den Erinnerungen an seine Kindheit und Jugend im Memelland, dessen Geschichte, dessen Landschaft, dessen Sprache(n). Geboren 1917 im ostpreußischen Tilsit, schrieb er sich nach dem Besuch des Gymnasiums in Königsberg in Berlin für Kunstgeschichte ein. Von 1950 an arbeitete Bobrowski als Lektor, zunächst im Altberliner Verlag, dann im Union-Verlag. Beispielsweise betreute er eine Neuausgabe der Sagen des klassischen Altertums, nach Gustav Schwab.

Lange schrieb Bobrowski für die Schublade: „Zu schreiben habe ich begonnen am Ilmensee 1941, über russische Landschaft, aber als Fremder, als Deutscher. Daraus ist ein Thema geworden, ungefähr: Die Deutschen und der europäische Osten. Weil ich um die Memel herum aufgewachsen bin, wo Polen, Litauer, Russen, Deutsche miteinander lebten, unter ihnen allen die Judenheit. Eine lange Geschichte aus Unglück und Verschuldung, seit den Tagen des deutschen Ordens, die meinem Volk zu Buch steht. Wohl nicht zu tilgen und zu sühnen, aber eine Hoffnung wert und einen redlichen Versuch in deutschen Gedichten. Zu Hilfe habe ich einen Zuchtmeister: Klopstock.“ Fünf seiner Gedichte brachte Peter Huchel 1955 in der Zeitschrift Sinn und Form.

Auf Einladung Hans Werner Richters konnte Johannes Bobrowski 1960 an der Herbsttagung der Gruppe 47 teilnehmen, die sich damals im Sitzungssaal des Rathauses in Aschaffenburg traf. Zwei Jahre später sollte Bobrowski deren Preis zuerkannt werden. Im Februar 1961 war in der Deutschen Verlags-Anstalt sein Debüt erschienen,Sarmatische Zeit, darin enthalten das oben zu lesende Erinnerungsgedicht an „Die Günderode“, das, ganz typisch für Bobrowski, mit einem einzigen beschwörenden Wort einsetzt.

Mit dem plötzlichen Ruhm innerhalb und außerhalb der Gruppe 47 (der elegische Grundton seiner Gedichte traf den Nerv der Zeit) vermochte Bobrowski nicht umzugehen. Er setzte ihm zu. Statt all die Einladungen zu Lesungen und Tagungen, die Bitten um Stellungnahmen und Interviews wahrzunehmen, wollte er sich am liebsten aus dem leidigen Literaturbetrieb ausklinken. Er verfiel dem tiefen Trübsinn, und auch, wie sein zeitweiliger Weggefährte, der Lyriker und Holzschneider Günter Bruno Fuchs, der Trunksucht. Und doch blieb Bobrowskis Produktivität ungebrochen. 1962 folgte der zweite Gedichtband, Schattenland Ströme, ein dritter postum 1966: Wetterzeichen.

1964 erschien Bobrowskis erster Roman, Levins Mühle, im Untertitel 34 Sätze über meinen Großvater betitelt. Litauische Claviere, der zweite Roman, kam ein Jahr nach dem Tod des Autors heraus, wie auch Mäusefest und andere Erzählungen, diese im Verlag Klaus Wagenbach, der gut mit Bobrowski befreundet war. So gut, daß er in seinem Wagen die Medikamente für den schwer erkrankten Freund sicher versteckt hatte. Die Grenzpolizei fand sie nicht. Und doch war alles vergeblich, denn auf alle Antibiotika reagierte Bobrowski allergisch.

Zu seinem Achtzigsten machte sich Klaus Wagenbach 2010 das Geschenk, in einem wunderbar aufgemachten Oktavheft unter dem Titel Nachbarschaft eine Auswahl an Gedichten des Freundes vorzulegen. Abschließend ein weiteres daraus entnommenes Exempel für Bobrowskis große bleibende Kunst:

Lettische Lieder

Mein Vater der Habicht.
Großvater der Wolf.
Und der Ältervater der räubrische Fisch im Meer.

Ich, unbärtig, ein Narr,
an den Zäunen taumelnd,
mit schwarzen Händen
würgend ein Lamm um das Frühlicht. Ich,

der die Tiere schlug
statt des weißen
Herrn, ich folg auf zerspülten
Wegen dem Rasselzug,

durch der Zigeunerweiber
blicke geh ich. Dann
am baltischen Ufer treff ich den Uexküll, den Herrn.
Er geht unterm Mond.

Ihm redet die Finsternis nach.

NB: Wie Klaus Wagenbach anmerkt, stand im 17. Jahrhundert ein Herr von Uexküll wegen der Ermordung eines seiner Knechte vor dem Rat in Riga.

NBB: Eine so kluge wie liebevolle Erinnerung an Johannes Bobrowski hat Christoph Meckel 1989 bei Hanser in München vorgelegt.

NBBB: Bobrowski war auch ein guter Sänger, spielte Klavier, Orgel, Clavichord. Dietrich Buxtehude und Johann Sebastian Bach zählten zu den ihm liebsten Komponisten. Sein Schaffen hat wiederum den Dresdner Udo Zimmermann zu der Oper Levins Mühle verführt, die 1973 unter der Regie von Harry Kupfer uraufgeführt wurde; zuletzt komponierte der in diesem Februar verstorbene Friedrich Schenker 2008 die „Stettiner Sinfonie“ für sechstimmigen Chor und Orchester nach vier Gedichten von Johannes Bobrowski, darunter die bekannte „Dorfmusik“.

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