Böse Schlangen, fromme Lämmer? Mit Matthäus und mit Bach. Vom Trost, den Verse, den auch und gerade in Musik gesetzte Worte ein ums andere Mal zu spenden imstande sind.

Blute nur, du liebes Herz!

Blute nur, du liebes Herz!
Ach! ein Kind, das du erzogen,
Das an deiner Brust gesogen,
Droht den Pfleger zu ermorden,
Denn es ist zur Schlange worden.

Picander

Von Chrysostomos

Christian Friedrich Henrici, um anderthalb Dekaden jünger als Johann Sebastian Bach und im östlich von Dresden gelegenen Stolpe geboren – wo, das sei, denn es ist ja Ostern, ganz am Rande noch vermerkt, Albert Sixtus die Volksschule besuchte (von ihm stammt, 1924 erstmals und sogleich mit durchschlagendem Erfolg aufgelegt, Die Häschenschule; für die Illustrationen hierzu zeichnete Fritz Koch-Gotha verantwortlich), Christian Friedrich Henrici also, der unter dem Pseudonym Picander firmierte, zählt zu den wichtigsten Textdichtern des Leipziger Thomaskantors.

Henrici alias Picander, der durchaus auch Ernst-Schertzhaffte und Satyrische Gedichte (Leipzig, 1727ff.) oder Teutsche Schau-Spiele, bestehend in dem Akadem. Schlendrian, dem Ertzt-Säuffer und der WeiberProbe (1726, Berlin, Frankfurt, Hamburg), die zur „Erbauung u. Ergötzung des Gemüths entworffen“ waren, zu schreiben vermochte, lieferte Bach die Texte beispielsweise zu einigen Kantaten – darunter „Singet dem Herrn ein neues Lied“, Bach-Werke-Verzeichnis 190 – und die Libretti zur Markus-Passion BWV 247 sowie, zumindest in Teilen, zur Werkverzeichnisnummer 244, der Matthäus-Passion. Beteiligt daran war auch Paul Gerhardt („O Haupt voll Blut und Wunden“; spätere Versionen des Chorals finden sich etwa bei Mendelssohn-Bartholdy, dem wir die Wiederentdeckung der Matthäus-Passion verdanken, bei Friedrich Silcher, bei dem Oberpfälzer Max Reger, bei Johann Nepomuk David und, nota bene, bei Paul Simon: „American Tune“, von 1973).

Es war der Karfreitag 1727, für den die Matthäus-Passion bestimmt war. Damit gehört sie zum dritten Kantaten-Jahrgang, der vom neunten Sonntag nach Trinitatis 1725 bis eben zur Karfreitagsvesper am 11. April zwei Jahre später reichte. Für den eminenten Bach-Forscher Christoph Wolff zeigt dieser dritte Jahrgang „in vieler Hinsicht die unverwechselbare Handschrift des Instrumentalisten und Orgelvirtuosen“, der Bach naturgemäß auch war (Wolff, 2000:306; hierzu unten mehr). Wolff gesteht der Dimensionen sprengenden, 1736 überarbeiteten Matthäus-Passion einen „optimalen Einsatz der Singstimmen und der instrumentalen Klangfarben“ (kein Blech) zu, bescheinigt ihr, und Bach, ein weites „Spektrum melodischer Erfindung, rhythmischer Abwechslung, harmonischer Strukturen und Tonartenwahl“ (Seite 324).

Nicht nur zu Ostern lohnt es, dem Evangelium sich auszusetzen, bringt es Gewinn, sich mit Picander zu beschäftigen, ist es ein Geschenk – womöglich doch des Himmels – Bachs Spährenmusik lauschen zu dürfen. Das geht auch, wenn man die deutsche Zunge nicht versteht. Ein langjähriger Freund von der englischen Ostküste, wo George Orwell (wiederum, wie bei Henrici, ein Beispiel für ein Pseudonym, denn geboren wurde Orwell als Eric Arthur Blair) zeitweilig wohnte, wo noch immer nahe Verwandte Sigmund Freuds leben und wo W. G. Sebald im der Adnams-Brauerei zugehörigen Pub Lord Nelson und im nahen Seemannsclub Passagen der Ringe des Saturn (1995) verfasste, schrieb mir kürzlich, nie noch sei ihm etwas so ergreifendes wie der Schlußchoral aus BWV 244 unter die Ohren gekommen, und er sei den Tränen nicht bloß nahe gewesen, als er diesen hörte. Dieser Choral, er steht in c-moll und ist im Dreivierteltakt gehalten, abermals nach einem Text von Picander, wie die eingangs angeführte h-moll-Sopran-Arie „Blute nur“, lautet übrigens so:

Wir setzen uns mit Tränen nieder

Wir setzen uns mit Tränen nieder
Und rufen dir im Grabe zu:
Ruhe sanfte, sanfte ruh!
Ruht, ihr ausgesognen Glieder!
Euer Grab und Leichenstein
Soll dem ängstlichen Gewissen
Ein bequemes Ruhekissen
Und der Seelen Ruhstatt sein.
Höchst vergnügt schlummern da die Augen ein.

NB: Eine Hörempfehlung oder zwei noch und ein Lektürehinweis –
Die Sopranarie „Blute nur“, hinreißend-bezaubernd schlicht-schön gesungen von der schön-schlicht bezaubernd-hinreißenden Hana Blažiková, gehört zweifelsfrei zu den Glanzpunkten der Matthäus-Passion, die Philippe Herreweghe vor fast genau drei Jahren in der Kölner Philharmonie mit dem Chor und dem Orchester des Collegium Vocale Gent zur Aufführung brachte. Der Konzertmitschnitt war auf 3sat zu sehen und kann nach wie vor auf der „Duröhre“ verfolgt werden. Darüber sollte nicht vergessen werden, daß Blažiková zudem ganz wunderbar keltische Harfe spielt und weiters eine aus ihrer böhmischen Heimat stammende Rockband gewaltig aufmischt.

NBB: Fast zeitgleich, anfangs April 2010, realisierte Simon Rattle mit seinem Orchester und dem Rundfunkchor Berlin in der dortigen Philharmonie das, was Sir Simon als „the single most important thing we ever did here“ bezeichnete, was er „die ganz klar wichtigste Sache, derer wir uns hier je angenommen haben“ nannte: eine halbszenische Aufführung von Bachs Passion, eine sogenannte Ritualisierung, die Peter Sellars besorgte. Solisten waren Rattles Angetraute Magdalena Kožená, dann der in Bamberg gutbekannte Barion Christian Gerhaher, der den Christus singt, außerdem Thomas Quasthoff (Bariton-Arien) sowie, als Evangelist, Mark Padmore. Ein Mitschnitt des Konzertes, das auch in der Digital Concert Hall immer wieder erlebt werden kann, ist soeben auf einer Doppel-DVD und auf Blu-ray beim hauseigenen Label der Berliner Philharmoniker herausgekommen.

NBBB: Die gewiß nach wie vor beste Lebensbeschreibung Johann Sebastian Bachs hat Christoph Wolff – er studierte unter anderem in Erlangen und lehrte lange Jahre an den Universitäten von Harvard, von Columbia und in Freiburg – anno 2000 vorgelegt. Eine deutsche Ausgabe ist bei S. Fischer erschienen, in der Übersetzung von Bettina Obrecht.

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