Gedichte gehen eigentlich immer. Ein Hinweis auf einen hierzulande kaum bekannten, aus Mähren stammenden Autor. Und auf einen großartigen Verlag. Den es nicht mehr gibt. Sowie auf eine Sopranistin. Die es, noch lange, gibt, geben wird.

Alltagsgedichte

Ein Grammophon spielt unter den Fenstern
dies sind Gedichte für Ansichtskarten
dich wärmend wie eine Tasse Tee
wenn dir traurig ist ums Herz

Vítĕzslav Nezval

Von Chrysostomos

Es müssen ja nun wirklich keine Briefe (hierzu lese man den Kommentar zu Christoph Wilhelm Aigner, von gestern) sein, die da eintreffen; Postkarten, Ansichtskarten tun es auch. Und es ist ja durchaus so, daß es Gedichte nicht nur, Anton G. Leitner hat dies vorgemacht, auf Brötchentüten beim Bäcker gibt, sondern selbstverständlich auch auf Postkarten (beispielsweise auf jenen, die der Bamberger Gerhard C. Krischker verlegt und vertreibt).

Gedichte sind denen, die sie schreiben (oder lesen), ständig gegenwärtig, stellen sich fortlaufend, jedenfalls oft überraschend, ein, und dann werden sie eben notiert, oder gelesen, worauf auch immer. Auf gefalteten Papierservietten, auf Bierdeckeln, auf Schultafeln, auf Verkehrsschildern sogar, auf Zetteln, die man der Liebsten auf dem Schulweg zusteckt, in Kladden auch und im Stammbuch, auf Kartei- wie eben auf Ansichtskarten. Entgegen eines verbreiteten, und vor allem in Schultagen gepflegten, Vorurteils, sind Gedichte durchaus alltagstauglich.

Denn man kann sie, einmal gelesen und auswendig gelernt, immer mit sich herumtragen. Niemand kann sie einem mehr nehmen. Was schön so ist, und gut. Sie wärmen dich nämlich – hörst du – wie eine Tasse Tee, wenn dir, (hörst du mir noch zu?) traurig ist. Ums Herz. Reiner Kunze, über den wir eigentlich nicht schreiben wollten, hat das einmal so gesagt: „Einladung zu einer tasse jasmintee // treten sie ein, legen sie ihre / traurigkeit ab, hier / dürfen sie schweigen“. Das letzte Mal, als Chrysostomos dieses Gedicht von Kunze (vor-)las, lag er gerade, es ist schon eine Weile her, an einem Stausee zwischen Brünn und Mikulov, also im Süden Mährens.

Von dort, genauer: aus Biskoupky, stammt auch Vítĕzslav Nezval, 1900 geboren und achtundfünfzig Jahre später, in Prag, gestorben. Jura hat dieser Nezval studiert, und Philosophie, beides ohne Abschluß (sehr sympathisch!), den Surrealisten stand er nah, war mit André Breton bekannt und hat Essays vorgelegt, Schauspiele, Prosa, Erinnerungen und eben Gedichte. In Nezvals „Poetik“ heißt es, die „Athleten Huren Dichter“ zusammenbringend: „In der Proletenbar die Bräute sammeln / ihnen zum Jazz der Schüsse Verse stammeln / mit Tod bedrohn die Abtreibungen hatten / und kotzen auf die Literaten“. Die Telephonzentrale ist Nezval, oder seinem lyrischen Gegenüber, ein „Sammelplatz von Küssen“ (aber nur „beinahe“), und Liebschaften, heißt es, „vergißt man / wie die Namen von Blumen weiße Melancholie“.

Melancholisch wollen wir jetzt nicht werden, obgleich dazu aller Grund bestünde. Denn den vortrefflichen Ammann Verlag gibt es ja nicht mehr. Dort ist, herausgegeben von Manfred Peter Hein, 1991 die Anthologie erschienen, der wir die „Alltagsgedichte“ entnommen haben. Auf der Karte Europas ein Fleck heißt sie, und versammelt, zweisprachig, Gedichte der osteuropäischen Avantgarde aus den beiden Dekaden zwischen 1910 und 1930.

Hier noch das Original:

Každodenní básně

Gramofon pod okny hraje
toto jsou básně na pohlednice
zahřrejì tě jak šálek čaje
kdyžje ti smutno u srdce

NB: Antonin Brousek hat, gemeinsam mit dem Herausgeber – und Lyriker – Manfred Peter Hein die Verse ins Deutsche gebracht. Merci!

NBB: Ob das zum Auftakt erwähnte „Gramofon“ vielleicht gerade, „unter den Fenstern“, Bach spielt? Vielleicht die Matthäus-Passion, Werkverzeichnis 244? Vielleicht die Sopranarie „Blute nur, du liebes Herz“? Vielleicht mit der ebenso bezaubernden wie überragend begabten Hana Blažìková? Gut, zugegeben, letzteres nicht. Denn HB ist ja noch jung, das Gedicht hingegen un poco in die Jahre gekommen.

NBBB: Geboren ist Hana, die auch (keltische) Harfe spielt und in einer Punkband singt, am 2. Dezember 1980.

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