Ach Anna, sei mir nicht gram: Ich liebe Dir. Weitere Wortspielereien, im Gedicht.

Ich weiss, wie man die Wollust macht

Die Wollust macht man, wie ich weiss,
im wachen Du. O wie Samt schwillt sie
an. Ich will sie stumm, wie todeswach.
Du schwammst, wie ich, ins All – O Weite – –

Unica Zürn

Von Chrysostomos

Unter seinem Pseudonym Andreas Thalmayr schreibt Hans Magnus Enzensberger 1989 in Das Wasserzeichen der Poesie oder Die Kunst und das Vergnügen, Gedichte zu lesen, zum Anagramm, einer von „hundertvierundsechzig Spielarten“, die Enzensberger-Thalmayr darin vorstellt: „Aus einem gegebenen Vorrat von Buchstaben läßt sich vieles machen, vielleicht sogar ein Gedicht.“ Viele Autoren haben sich das zu Herzen genommen, und tatsächlich aus dieser Beschränktheit Poesie geschaffen. Manche greifen auf das Anagramm schon in ihrem Künstlernamen zurück. Aus (Paul) Ancel wird so (Paul) Celan, (Marguerite de) Crayencour veröffentlichte unter dem Namen Yourcenar, und wegen seiner Geldgeilheit nannte André Breton Salvador Dalí kurzerhand Avida Dollars, Pablo Picasso figuriert schon mal als Pascal Obispo.

In dem wunderbaren Büchlein Moos (1984) des Oldenburgers Klaus Modick kommt ein Lukas Domcik vor, Vladimir Nabokov nutze bisweilen die anagrammatischen Pseudonyme Vivian Darkbloom und Vivian Bloodmark („Blutfleck“). Aus den Buchstaben des Namens des größten Dramatikers und Dichters englischer Zunge haben Schlaumeier diesen Satz geformt: „I am a weakish speller“. Ob sich William Shakespeare (1564 bis 1616) über das Nichtkompliment, er sei ein schlechter Buchstabierer, gefreut hätte?

In dem Lied „L.A. Woman“, auf dem gleichnamigen Album der Doors, nennt sich Jim Morrison „Mr. Mojo Risin’“, und in der Tat sollte Morrison bald nach der Aufnahme in den Himmel steigen. Auf Before and After Science hat Brian Eno den Song „King’s Lead Hat“ (Des Königs bleierner Hut) eingespielt, ein Anagramm aus Talking Heads, mit denen Eno zusammengearbeitet hat. Seine Hommage an Claude Debussy nennt der argentinische Komponist Juan Maria Solare „Seduce Us Badly“ (Verführe uns so richtig dreckig).

Gedichte aus „einem gegebenen Vorrat von Buchstaben“ schrieb Oskar Pastior zahlreiche. Das gilt auch für Unica Zürn. So wurde die 1916 als Nora Berta Ruth in Grunewald geborene Zürn tatsächlich zur Einzigartigen, zur Unica. Nach einer gescheiterten Ehe ging Zürn mit dem zur Gruppe der phantastischen Realisten zählenden Hans Bellmer, depressiv veranlagt wie sie, 1956 nach Paris, wo Zeichnungen, Prosastücke und Anagramme entstanden. 1959 nahm Zürn an der documenta II teil, Anfang der Sechziger erkrankte sie an Schizophrenie, mußte immer wieder Kliniken aufsuchen. Am 19. Oktober 1970 sprang sie in der Wohnung Hans Bellmers, der sich von ihr trennen wollte, aus dem Fenster.

*

Guten Abend, mein Herr, wie geht es Ihnen?

Heim ins Grab, denn heute weht ein Regen.

*

Aus dem Leben eines Taugenichts

Es liegt Schnee. Bei Tau und Samen
leuchtet es im Sand. Sieben Augen
saugen Seide, Nebel, Tinte, Schaum.
Es entlaubt sich eine muede Gans.

NB: In der Hamburger Edition Nautilus liegt, geschrieben von Ruth Henry, eine Zürn-Biographie vor: Die Einzige. Begegnung mit Unica Zürn (2007). Die von 1988 an bei Brinkmann & Bose in Berlin erschienene Gesamtausgabe eröffnete mit den Anagrammen der Zürn.

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