Verlorener Einsatz? Über das Schreiben und Rezitieren von Lyrik in der Lyrik selbst. Mit einer Empfehlung, Klaus Martens zu lesen.

Neues Gedicht

Wer liest es schon?
Am besten, du schickst es niemandem,
fragst keinen,
vermeidest spontanes Vorlesen
oder Rezitieren.
Dein Beruf sei ehrbar –
Bänker, Autohändler, Zahnarzt.
Aber Dichter, gar Lyriker?
Ach nein, geh mir doch!
Schon gehört?
Er schreibt Gedichte!
Und sie haben ja Recht –
Selbst die schmalen Papierstreifen
in chinesischen Glückskeksen
werden bezahlt,
sind inbegriffen
beim süß-sauren Huhn.
Jeder bekommt ein, zwei Zeilen
und darf lachen, prusten.
Doch wenn du vorliest,
aufsagst
(wisst ihr noch?),
hört der Spaß auf. Niemand
lacht, alle sind betreten –
zögernd: Haben Sie das selbst …
Wenn’s wenigstens von Schiller
gewesen wäre, eine Ballade,
na gut, oder diesen Knaller
über die Birne im Havelland,
aber irgendwie ist das alles peinlich.
Verkauft sich denn sowas?
Eigentlich nicht, aber darauf kommt es
nicht an, sagst du.
Dann ist Schluss.
Sie wenden sich anderem zu.

Klaus Martens

Von Chrysostomos

A Mug’s Game hat, nach einer Aussage T. S. Eliots, derzufolge (das Schreiben von) Poesie etwas für Schwachsinnige sei, Michael Hamburger seine autobiographischen Erinnerungen genannt, hierzulande erschienen unter dem Titel Verlorener Einsatz. Daß man mit dem Schreiben von Lyrik keine oder bestenfalls nur ganz wenige Brötchen verdienen kann, daran hat sich nichts geändert. Da ist es schon beruhigend, einen ehrbaren Beruf zu haben, „Banker“ zu sein oder „Autohändler“, wie Klaus Martens vorschlägt, oder Arzt, wie William Carlos Williams, oder Rechtsanwalt und, später, Vizepräsident einer Versicherungsanstalt, wie es Wallace Stevens war, den Martens ins Deutsche übertragen hat, genauso wie Derekt Walcott, Nobelpreisträger immerhin (aber der Weg dorthin ist weit, und vielleicht etwas für Verrückte).

Klaus Martens, 1944 in Kirchdorf bei Bremen geboren, verdiente bis zu seiner Emeritierung im Oktober 2009 seine Brötchen als Lehrstuhlinhaber für Nordamerikanische Literatur und Kultur an der Universität des Saarlandes. Nach Saarbrücken kam Martens über Stationen in Göttingen, wo er studierte, Portland, Oregon, wo er unterrichtete, Harvard und Yale, wo er forschte, über Münster und Kassel, wo er Lehraufträgen nachging. Als Lyriker debütierte Martens als Vierzigjähriger bei der Deutschen Verlagsanstalt mit Heimliche Zeiten. Daß vor dem Schreiben von Gedichten die Lektüre derselben steht, weiß Martens nur zu gut. Seine Bibliothek, seine Lyriksammlung, war schon zu Chrysostomos’ Freiburger Studientagen legendär. Ein Teil dieser Sammlung befindet sich heute in Dudweiler im Literaturarchiv Saar-Lor-Lux-Elsaß.

Auf Martens’ Debüt folgte bis 2012 ein halbes Dutzend weiterer Gedichtbände; hinzu kommen etliche Übersetzungen (Dylan Thomas vor allem, aber auch Edgar Allan Poe, Elizabeth Bishop, Charles Simic, Thomas Lux) und, ganz selbstverständlich, literaturwissenschaftliche Arbeiten, wobei sich ein Kanada-Schwerpunkt ausmachen läßt.

Abwehrzauber, im vergangenen Frühjahr im Saarbrücker CONTE Verlag, der sich den Luxus einer eigenen Lyrikreihe gestattet, erschienen, vereint seit Herbst 2009 entstandene Gedichte, die Privates und Öffentliches, die Emotionen und Gedanken reflektieren, Erlebnisse und Anstöße ausführen, welche teils Jahrzehnte zurückliegen. Auch Martens hat zu der gestern hier via Marion Poschmann, Cy Twombly und Nicolas Poussin vorgestellten Gattung Bildgedicht einiges geleistet, „Landschaft mit Max Ernst“ beispielsweise, „Jadehund aus Honkong“ und „Giacometti“. „Denken an Donne“ und „Variante auf Pater“ verdanken sich intensiver Lektüre, wie auch „Vom Schneemann“ (eine Variation auf ein Thema von Wallace Stevens) und „Erinnerung an Dylan Thomas“, der „vor dem Nadir seiner Kraft starb“, dem Alkohol verfallen.

Bei all der immer wieder aufblitzenden Gelehrsamkeit, bei all den Anspielungen sei gesagt, daß die Gedichte von Klaus Martens sich lesen lassen, und zwar sehr gut. Also „Auf den Markt damit: / Fischers Fritze liest frische Gedichte.“ Mögen es ihm viele Franziskas und Friedhelme gleichtun.

*

Heimat ist

Wo man dich nicht erwartet,
wo niemand dich erkennt.

Wo andere in deiner Straße wohnen,
wo andere dein Haus bewohnen.

Wo du lange nicht gewesen bist,
wo nur deine Kindheit war.

Wo längst Heimat nicht mehr ist,
wo kein Platz mehr für dich ist.

Heimat ist Denken an die Heimat.
Heimat ist, wo dein Gedanke ist.

NB: Klaus Martens, Abwehrzauber. Gedichte. Saarbrücken: CONTE Verlag, 2012. 164 Seiten, Hardcover mit Schutzumschlag. 16,90 Euro.

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