Fenchel ist gesund. Ein lyrisches Hoch auf ein Wintergemüse.

fenchel

knollen vor einem gemüseladen im winter –
wie bleiche herzen, sagtest du, gedrängt
in einer kiste, wärme suchend – so daß wir

sie mit uns nahmen und nach hause trugen,
wo feuer im kamin entzündet war,
wo kerzen auf dem tisch entzündet waren,

und ihnen halfen aus ihrer dünnen haut,
die strünke kappten, die zitternden blätter entfernten
und sie zu feinen weißen flocken hackten,

wartend, bis das wasser kochte,
die fensterscheibe blind war vom dampf.

Jan Wagner

Von Chrysostomos

Zur Familie der Doldenblütler gehört der Fenchel, diese alte, geschätzte, hocharomatische Gewürz-, Gemüse- und Heilpflanze. Daß sich die Knollen aufgrund ihres Aussehens – „wie bleiche herzen“ – auch wunderbar als Symbol der Liebe eignen, als zumindest poetisches Aphrodisiakum, führt der grandiose Lyriker und Übersetzer Jan Wagner in der seinem Debütband (Probebohrung im Himmel. Berlin: Berlin Verlag, 2001) entnommenen Kostprobe vor.

Es sind hier nicht nur die Knollen, welche Wärme suchen, aus deren dünner Haut ihnen geholfen wird. Und nicht nur das Wasser kocht (über), sondern längst auch die Leidenschaft. Kulinarik und Erotik liegen dicht beieinander. Jan Wagner, der auch über Melonen und über Dom Pérignon geschrieben hat, weiß das ganz genau. Nach dem Studium der Anglistik in seiner Geburtsstadt (1971) Hamburg, am Trinity College in Dublin und an der Humboldt-Universität ist Wagner als ein oft der Tradition verpflichteter Lyriker hervorgetreten. Seit 1999 erhält er Jahr um Jahr Stipendien und Preise, beispielsweise 2011 das Villa-Massimo-Stipendium.

Übersetzt hat Wagner vor allem aus dem Englischen, etwa den Iren Matthew Sweeney, den Engländer Simon Armitage, den US-Amerikaner James Tate, zuletzt aber auch aus dem Dänischen (Morten Søndergaard). Zusammen mit seinem Dichterkollegen Björn Kuhligk hat Wagner zwei umfassende Anthologien zur Lyrik von Jetzt vorgelegt.

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