Mit Novalis im Weinberg. Lyrisches und Vinologisches aus Edenkoben.

Jeder geliebte Gegenstand ist
der Mittelpunkt eines Paradieses
Novalis

Siebzehnmal

einen Winzerspruch
aufgelesen am Wegrand
„Du sollst nicht nur nach Weinbergslagen
auch nach dem Winzer mußt du fragen
denn SIEBZEHNMAL geht er
bald grad bald krumm
im Jahr um jeden Rebstock rum“

Du sollst nicht immer nur die ewigen Fragen
du mußt das allerletzte Handwerk wagen
denn SIEBZEHNMAL geh ich
bald grad bald krumm
im Jahr um jedes Gedicht herum

Ralph Dutli

 Von Chrysostomos

Siebzehn. Mit siebzehn hat man noch Träume, und wenn Dichter siebzehnmal träumen, dann vermutlich von siebzehn Silben, verteilt auf drei Verse, fünf, sieben, fünf, das macht: ein Haiku. Aber nein, Ralph Dutli, 1954 in Schaffhausen geboren und nach einem Dutzend Jahren in Paris, wo er an der Sorbonne Romanistik und Russistik studierte, seit 1994 in Heidelberg zuhause, schenkt uns mehr als siebzehn Silben. Und das ist gut so.

Hervorgetreten ist Dutli mit Essays, mit Gedichten, mit einer ganz wunderbaren Kulturgeschichte der Olive, der sich im vergangenen Jahr, bei Wallstein in Göttingen erschienen, eine solche der Biene anschloß, Das Lied vom Honig geheißen. Und mit einer Reihe großartiger Übersetzungen: Brodsky, Zwetajewa, Mandelstam. In den Notizen, welche Novalis im Weinberg schließen, dem „Siebzehnmal“ entstammt, schreibt Dutli, Lyrik zu übertragen, sei für ihn „eine hochgradig erotische Angelegenheit“; genauer: „ein Wunsch und ein Weg, sich dem Fremden auszusetzen und es anzunehmen, durch das Fremde hindurch ins Eigene zu gelangen, das einem dann getrost fremd werden kann“. Und da die meaphysical poets – T. S. Eliot hat sie wiederbelebt – zu einer der ihm „liebsten poetischen Drogen“ geworden sind, darf „To his coy mistress“, dürfen Andrew Marvell, William Davenant und Thomas Campion nicht fehlen.

Wo Feigen und Orangen blühen (und der Weinbau ohnehin), also in Edenkoben, an der südlichen Weinstraße, sind, im Februar, im März und im April, bis in den Mai hinein, jene Texte entstanden, die Dutli in den 2005 bei Ammann erschienenen Band Novalis im Weinberg aufgenommen hat. Das dortige Künstlerhaus ist so etwas wie ein Paradies. „Der Aufenthalt in der Stille“ dort, sagt Dutli, sei „ein fruchtbares Geschenk“ gewesen, die Weinberg-Gedichte sollen „auch Dank dafür“ sein.

Gerade so wie der Weinbau ist, jedenfalls für Dutli, das Schreiben (von Gedichten) vor allem eines: ein Handwerk. Dazu bedarf es, neben Talent, vor allem Hingabe, Zuwendung, Pflege, Arbeit. Und zwar nicht wenig davon. Siebzehnmal – wenig ist das nicht – geht der Winzer per anno um den Rebstock herum, siebzehnmal nimmt – und so soll es, so muß es wohl sein, sollen Gedichte derartig gelingen wie die Dutlis – der Dichter sein Gedicht in den genauen Blick. Ohne Liebe ist dergleichen nicht möglich: „Jeder geliebte Gegenstand ist der Mittelpunkt eines Paradieses“, heißt es bei Novalis, und mit ihm bei Dutli, der dieses Motto seinem Gedicht voranstellt. Ach ja, wer ein gutes, zu Unrecht vergessenes Buch über Novalis lesen mag, der greife zu Werner Schwarzangers Merlos Trauer oder die Wiederkehr des Novalis, 1998 bei Matthes & Seitz veröffentlicht. Schwarzanger ist Bamberger längst, aber ein bißchen immer noch Pfälzer, aus Ramstein gebürtig. Und daß ein guter Merlot mit Merlo gleichklingt und inzwischen auch um Edenkoben herum angebaut wird, das paßt. Oder etwa nicht?

NB: Zur Leipziger Buchmesse im März erscheint Ralph Dutlis erster Roman, Soutines letzte Fahrt. Bei Wallstein, in Göttingen, eine feine Adresse. Es geht, wie ab und an auch in Dutlis Gedichten, um Malerei, um einen Maler, einen Zeitgenossen von Max Jacob und Picasso, um Chaim Soutine, dessen letzte Gefährtin Marie-Berthe Aurenche gewesen ist, die einst mit Max Ernst verheiratet war, und den Weg Ophelias ging.

NBB: Dort, also in Göttingen, bei Wallstein mithin, herausgekommen ist auch ein Band Dutlis mit absurd-karnevalesker Poesie des Mittelalters aus dem nordfranzösischen, bei Lille gelegenen Arras. Fatrasien nennt sich das Buch. Wir raten zu.

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