Handarbeit à la Astel. Und der Nachbar schippt Schnee.

Neuschnee

Gegen morgen höre ich ein Geräusch
wie beschleunigtes Atmen.
Ich denke, meine Frau masturbiert wieder.
Aber es ist der Nachbar beim Schneeschippen.

Arnfrid Astel

Von Chrysostomos

Kurz und knapp, freilich mit einer überraschenden Volte, kommt dieses Gedicht daher. Ein Epigramm. Dem 1970 bei Carl Hanser in München erschienenen Band Kläranlage sind diese Zeilen entnommen, welcher 100 Epigramme versammelt, so der Untertitel. Von dieser Hundertschaft sind einige Gedichte bereits zuvor in den Akzenten erschienen, Seite an Seite übrigens, wenn uns das Gedächtnis nicht trügt (was noch immer selten genug der Fall ist) mit Kostproben des Bamberger Lokalhelden Gerhard C. Krischker.

Hier wird, gleich mehrfach, Hand angelegt. Der Dichter macht es mit dem Stift, dessen Frau sich selbst, oder eben nicht, der Nachbar hält es mit der Schippe. Man könnte da, mit T. S. Eliot (und Ezra Pound und Dante und Arnaut Daniel) fragen, wer da denn nun geschickter sei von den Dreien, wer der bessere Handwerker, wer il miglior fabbro.

Astel, geboren im unseligen Jahr 1933 in der bayerischen Kapitale, ist in Windsbach aufs Internat gegangen, hat Cranach, und Kronach, ein Gedicht gewidmet, in Freiburg und Heidelberg studiert, in Köln lektoriert, in Saarbrücken, beim Funk, auch moderiert. In Rom, wo er 1994 Ehrengast der Villa Massimo gewesen ist, ist er flanieren gegangen.

Debütiert hatte Hans Arnfrid Astel, wie er sich seit 1985, als der Sohn sich in Kreuzberg das Leben nahm, nennt, 1968 im Wuppertaler Peter Hammer Verlag, zwei Jahre später wechselte er zu Hanser. Luchterhand folgte, Zweitausendeins, dann Wunderhorn (also Heidelberg), zuletzt, vor nun drei Jahren, der Gutleut Verlag, zuhause in Frankfurt am Main und in Weimar, wo Astel, der 2011 den Gustav-Regler-Preis der Kreisstadt Merzig entgegennehmen durfte, die Kindheit verbrachte. Geschrieben hat er vieles, vieles ist noch ungedruckt, etliches, so gegen dreitausend Gedichte, darunter auch frühe Übertragungen von Sonetten der Liebe des Dante Gabriel Rossetti, die Astel 1961 sich vornahm. Oder, spät, entstanden im letzten Juni, dies:

An einen Fotzenlecker
nach Ausonius, 87. Epigramm

Buchstäblich
fingert sich Eunus,
der Lutscher,
mit seiner Zunge
durch das Alphabet.

Alle Figuren
kostet er aus, das Lambda,
Ypsilon, Phi, Psi.
So buchstabiert er sich durch.
Ein Hund, der die Frau erforscht.

Ein Hoch also auf die Cunnilinguistik, ein Hoch aber vor allem auf Hans Arnfrid Astel. Es gibt im Saarland neben Ludwig Harig und Johannes Kühn eben noch andere Lyriker, die zu lesen sich sehr lohnt. Auch, das zum Schluß, der frühe, der frühbarocke Theobald Hock.

NB: Weil uns Astel so sehr gefällt, noch ein kleines Encore, zu finden in Neues (& Altes) vom Rechtsstaat & von mir (Frankfurt am Main: Zweitausendeins, 1978) –

Kurzes Liebesgedicht

Weißt du noch,
wie wir auf dem Teppich geblieben sind?

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