Die Luft riecht schon nach Schnee. Eine Bergwinternacht in den Schweizer Alpen mit Erika Burkart.

Bergwinternacht

Hier, wo mir warm ist
am offenen Fenster um Mitternacht
im Hochwinterglück
Schneekristalle flüstern zu hören
in eisblauen Tannen,
hier nehme ich teil
am Gespräch der Schweiger,
werden vernehmbar
tagscheue Stimmen,
Schweben und Schwelen äußerster Stille,
deren einziger Partner
der Schuß des Wilderers ist.

Erika Burkart

Von Chrysostomos

Selten ist es eine ans genialische grenzende plötzliche Eingebung, aus der heraus ein Gedicht entsteht. Normalerweise ist es ein mühseliger Schaffensprozess, bis der Dichter seinem, wenn man so will, Produkt das Placet erteilt und, zufrieden nun, endlich Bleistift oder Füllfederhalter beiseite legen kann. „Notiert, korrigiert, verworfen“ wird so ein Poem, heißt es bei Erika Burkart („Das Gedicht“), es wird „vergessen, erinnert / neu konzipiert“. In so einem „Geheimbrief“, unwillig verschickt, spricht eine „Stimme, die ein Gespräch sucht“, mit den Lesern, mit dem Gegenüber, „in dieser und ferner Zeit“, ein Gespräch, „das im Tod nicht erstickt“.

1922 – in jenem Annus mirabilis der modernen Literatur (es erscheint The Waste Land, es erscheint Ulysses) – wird Erika Burkart in Aarau im Kanton Aargau geboren. Der Vater, ehemals Großwildjäger, in Südamerika, übernimmt als Gastwirt das zum Kloster Muri gehörende Landhaus Kapf, wo Tochter Erika bis zu ihrem Tode 2010 lebt, schreibt, arbeitet, gärtnert. Ihr Witwer, der Schriftsteller Ernst Halter, nennt das Landhaus noch immer sein Zuhause.

Erika Burkart, die „Muse aus dem Aargau“, war mit Hilde Domin befreundet, setzte sich für Hermann Burger ein, für Klaus Merz. Erst recht spät wurde man auf sie auch außerhalb ihrer Heimat wirklich aufmerksam, deren angesehenste literarische Auszeichnung sie 2005 erhielt, den Grossen Schillerpreis. Ihr Werk liegt im vor bald drei Jahren aufgelösten Zürcher Ammann Verlag vor.

Die lyrische Zaubersprache der Burkart steht derjenigen der (Jenaer) Romantik nahe. „Schneekristalle flüstern“ im „Hochwinterglück“ um Mitternacht, „tagscheue Stimmen“ werden „vernehmbar“, das lyrische Ich – und mit ihm die Leserin, der Leser – nimmt teil „am Gespräch der Schweiger“. Eine Poesie ist das von nahezu äußerster Stille. Aber im Schweigen soll ja, jedenfalls bisweilen, das Gold liegen.

NB: Beide Gedichte Erika Burkarts – „Das Gedicht“ und „Bergwinternacht“ – sind zu finden in dem Band Geheimbrief (Zürich: Ammann, 2009).

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