Durs Grünbeins Schlüsselbeinmulden, post-coital, oder: Wie die Tiere. Eine Vögelkunde mit dem Büchner-Preisträger von 1995.

Après l‘amour

Gleich nach dem Vögeln ist Liebe der bessere Stil.
Die Tierhaut entspannt sich, das Herz fängt sich ein.
Flacher Atem bläst Schweiß aus den Schlüsselbeinmulden.
Auf der Zunge zergangen, löschen Spermien den Durst
Auf den Nachwuchs. Die Achselhöhlen, den müden Bauch,
Alles holt sich der Schlaf. Wie nach zuviel Theologie
Kehren die Laken sich um. Altes Dunkel am Rand,
Neue Ränder im Dunkel. Die Kniekehlen zwitschern
Zweistimmig stimmlos ihr Post-Coital, ein Rondeau.
Eben noch naß, richten die Härchen wie Fühler sich auf.
Betäubt, summa summarum gestillt, hört dieser Schmerz
Des Lebendigsein bis zur Erschöpfung auf weh zu tun.
Zurück in der Zeit, sind die Körper an keinem Ziel.
Gleich nach der Liebe ist Vögeln der bessere Stil.

Durs Grünbein

Von Chrysostomos

Geboren im Oktober 1962 in Dresden, ist Durs Grünbein seit 1986 in Berlin zuhause. Das Studium der Theaterwissenschaften an der Humboldt-Universität hing er alsbald an den Nagel (wozu studieren, wir wollen dichten, und können das sogar), um als freier Dichter, als Steller der Schrift und Übersetzer, Essayist und Reisender zu leben. Er kennt, seit die Mauer fiel, Europa, er kennt Südostasien, er hat die Vereinigten Staaten von New Hampshire über New York bis Los Angeles bereist. Diese unterwegs gewonnenen Impressionen finden, ein um das andere Mal, ihren Widerhall in Grünbeins Gedichten, wenn auch nicht in „Après l‘amour“, denn vögeln läßt sich schließlich (nahezu) überall, den Lesesaal des Britischen Museums, wenn Hochbetrieb herrscht, vielleicht einmal ausgenommen (man vergleiche hierzu das Gedicht „The British Museum Reading Room“ von Louis McNeice).

Gute Zeiten für Lyrik waren das, die neunziger Jahre. In drei aufeinanderfolgenden Jahren wurden Dichter mit dem bedeutenden Georg-Büchner-Preis bedacht: 1997 der in vielen Zungen firme H. C. Artmann, 1996 die stille Silbensängerin Sarah Kirsch, 1995, also bereits in arg jungen Jahren, angesichts solch hoher Ehren, Durs Grünbein. Die Deutsche Akademie für Sprache und Dichtung begründete ihre Entscheidung mit den Worten, Grünbein wisse, ganz wie Paul Celan, daß sich „das Gedicht am Rande seiner selbst behauptet“. In seinen, Grünbeins, Gedichten verbinde sich Kalkül mit einer seismographischen Sensibilität: „Mit behutsamer Genauigkeit hebt er das Wort aus den Schatten überladener Bedeutung in die Helle des Gedichts, das sich so unserer Wirklichkeit öffnet.“

Grünbein debütierte 1988 mit dem Band Grauzone morgens. Inzwischen liegen nahezu zweieinhalb Dutzend Gedichtbände, bei Suhrkamp, vor. Aus seinem zweiten, Schädelbasislektion, von 1991, stammt eines von Grünbeins besten und bekanntesten Gedichten, „Après l‘amour“.

Eben noch fickte man, und warum denn auch nicht, wie die Tiere („the beast with two backs“, das kennt man), doch alsbald setzt, wenn die Haut sich entspannt, der Bauch müde wird, die Erkenntnis ein: „Gleich nach dem Vögeln ist Liebe der bessere Stil.“ Nach dem Beischlaf bringt die „unerhörte Nähe“ (Ulla Hahn, 1988) der beieinander Liegenden/Liebenden („liegen, bei dir“: Ernst Jandl) diese an den Rand des Einnickens. Nur schwach noch atmend, wird – alliterierend – „Schweiß aus den Schlüsselbeinmulden“ geblasen. Apropos blasen: Sperma zergeht, abermals alliterierend, auf der Zunge, Kniekehlen „zwitschern / Zweistimmig“ – erneut alliterierend und stimmlos – post festum „ein Rondeau“, geben mithin die poetische Form (mit der Grünbein freilich arg freizügig umgeht) des Gedichts preis, die François Villon, der erste „poète maudit“, schon früh, nämlich im späten Mittelalter, auf der lyrischen Landkarte verankert. Doch „Zurück in der Zeit“ („Hic Rhodos, hic salta“, Äsop war so weise das, so kurz nach 600, vor Christi Geburt, zu sehen), ja ja, das kennen wir bereits, diese Stabreime, überkommt die Körper, sich reimend, die Lust auf ein Mehr, auf ein da capo, ein weiteres Ma(h)l (das würden wir, und zwar sehr gern, mal wieder erleben). Sie sind, die Körper der sich Liebenden, der ganz eng beieinander Liegenden, Haut also auf Haut, der schöne ihre, der seine, am Ziel, wenn der Schlußvers die Eingangszeile leicht variierend vermerkt: „Gleich nach der Liebe ist Vögeln der bessere Stil.“ Auf zur zweiten Runde! Mindestens.

NB: Der aktuelle Gedichtband von Durs Grünbein heißt Koloß im Nebel (Berlin: Suhrkamp, 2012). Der Autor stellt ihn am kommenden Dienstag in Stuttgart vor. Neben „Exkursionen ins unbekannte Alltägliche“, zusätzlich zu „Selbstporträts“, finden sich darin, wie der Verlag meldet, „Studien von Liebe und Sexualleben“.

2 Gedanken zu „Durs Grünbeins Schlüsselbeinmulden, post-coital, oder: Wie die Tiere. Eine Vögelkunde mit dem Büchner-Preisträger von 1995.

  1. Ein sehr schönes sinnliches Gedicht, was trotz des Sujets leider keine poetische Selbstverständlichkeit ist – ja, unter gewissen asymmetrischen Vorbedingungen auch gar nicht sein kann, wie folgendes Beispiel zeigt:

    albtraum

    am ende bin doch noch eingeschlafen,
    dein lautes schnarchen stört mich jetzt nicht mehr.
    das leben ist nicht nur geschlechtsverkehr! –
    ich träum’ von deutschlands größtem binnenhafen,

    von muskeltraining und von weichen schafen,
    von süßen säften und der bundeswehr.
    doch dann will mich, im traum, ein ingenieur
    durch ohrabsägen elend hart bestrafen.

    er brabbelt was von feigheit und verdrängen.
    in panik schreck’ ich hoch und glaub es kaum:
    d u bist die ohrensäge aus dem traum!

    wie kannst du dich so in mein innres zwängen!
    jetzt wieder einzuschlafen, fällt mir schwer.
    was tun? ich denke an… das weite meer.

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