A rose is a rose is a rose? Die von Charles Tomlinson blüht ewig.

Eine Rose für Janet

Ich weiß
diese Rose besteht bloß
aus Tusche und Papier
aber schau nur wie sie wächst und immer
weiter wächst
unter deinen Augen:
einer Rose in Blüte
hat (beinah) ihre letzte Stunde geschlagen
meine hingegen
eine Rose aus Leeranschlägen und typographischen Zeichen
kann aufs Neue blühen nach Belieben
(so es dir lieb)
wann immer du
dieses Augenspiel
beginnst (aufs Neue eben)
und so
lernst wie man
eine Rose wiederbelebt
die spontan ist
auf ewig blühend
und jetzt vollkommen

Charles Tomlinson

Von Chrysostomos

Ja, ja, wir gestehen es ja schon ein: dies ist eine Übersetzung, ein Versuch, den Zauber der Lyrik in eine andere als die Ursprungssprache hinüberzuretten, noch dazu aus eigener, einigermaßen unbedarfter Hand. Über das Kunsthandwerk des Übersetzens sagt John Millington Synge, der irische Dramatiker, den Erich Fried ins Deutsche gebracht hat: „Eine Übertragung ist keine solche, wenn sie nicht die Musik des Gedichtes gemeinsam mit den Worten wiedergibt.“

Die Musik also, hier, in der ersten Versen, die Assonanz, das Spiel mit dem dunklen „o“ nicht nur der Rose. Bei Tomlinson geht das so:

A Rose for Janet

I know
this rose is only
an ink-and-paper rose
but see how it grows and goes
on growing
beneath your eyes:
a rose in flower
has had (almost) its vegetable hour
whilst my
rose of spaces and typography
can reappear at will
(your will)
whenever you repeat
this ceremony of the eye
from the beginning
and thus
learn how
to resurrect a rose
that‘s instantaneous
perennial
and perfect now

Charles Tomlinson, den wir am heutigen Dienstag von Herzen zu seinem Sechsundachtzigsten beglückwünschen, stammt aus Stoke-on-Trent, Staffordshire, aus der Gegend im Norden Englands also, die „The Potteries“ genannt wird, nach der Vielzahl der dort ansässigen Töpfereien (Wedgewood etwa, auch Spode). Stoke ist außerdem, unter Freunden des Dartssports, bekannt für seine Weltklassespieler wie Adrian Lewis und den legendären Phil Taylor, der just an Neujahr seinen sechzehnten Weltmeistertitel einheimsen konnte.

Von „pottery‘“ zu „poetry“ ist es im Englischen nicht weit. Seit er 1951 mit Relations and Contraries debütierte, zählt Charles Tomlinson zu den fruchtbarsten Lyrikern Großbritanniens. Ähnlich wie sein Generationsgenosse Michael Hamburger findet er nicht in der Heimat die größte Beachtung, sondern international, vor allem in den Vereinigten Staaten (Hamburger hingegen in Deutschland). Zu den frühen Einflüssen auf Tomlinson sind William Carlos Williams und Wallace Stevens zu rechnen, auch Marianne Moore. Hervorgetreten ist Tomlinson, wiederum Hamburger gleich, als herausragender Übersetzer etwa von Antonio Machado, von Giuseppe Ungaretti und Octavio Paz.

Dieses Interesse an fremdsprachiger Poesie spiegelt sich auch in der Herausgabe des Oxford Book of Verse in English Translation (1980). Tomlinson ist eine der vielen künstlerischen Doppelbegabungen. Seine Tuschzeichnungen und Graphiken werden immer einmal wieder, durchaus gemeinsam mit seiner Lyrik, in Gallerien präsentiert. Sein Schreiben ist geprägt von einer visuellen Wahrnehmung der ländlichen – er lebt in einem kleinen Dorf in Gloucestershire; wenn er aus dem Fenster seines Cottages in Ozleworth blickte, konnte er einst den Schimmel von Bruce Chatwin sehen – wie der urbanen – New York, Rome, Palermo – Welt. Manche der Gedichte sind inspiriert von van Gogh, von John Constable, von Cézanne und Mondrian, andere von Arnold Schönberg, Bach und Gustav Mahlers Zweiter Symphonie („Urlicht“).

Zu der Entstehungsgeschichte von „A Rose for Janet“ weiß Tomlinson zu sagen: „Eines Tages erzählte mir die Sekretärin unseres Englischen Seminars an der Universität von Bristol [wo Tomlinson von 1956 an lehrte], sie werde bald ein Kind gebären. ‚Wenn dein Baby da ist‘, sagte ich zu ihr, ‚werde ich dir eine Rose schenken.‘ Ich habe keine Ahnung, woher dieser einfallsreiche Gedanke rührte. Als die Sekretärin wieder zur Arbeit kam, war das erste, was sie zu mir sagte: ‚Wo ist meine Rose?‘ ‚Nur einen Augenblick bitte‘, antwortete ich, „ich werde mich kurz zurückziehen und dir eine Rose erschaffen.‘ Und hier ist das Ergebnis.“

NB: „A Rose for Janet“ entnehmen wir The Return, Tomlinsons 1987 bei der Oxford University Press erschienenem schmalen Lyrikband, der der Poetry Book Society eine eindringliche Empfehlung wert war. Die Übersetzung stammt von Chrysostomos himself.

NBB: Im Mattes Verlag, Heidelberg, ist 1994 eine zweisprachige Ausgabe der Gedichte von Charles Tomlinson herausgekommen. Einführung, Übersetzung und Anmerkungen stammen von Joachim Utz. In der von Utz und dem Heildeberger Anglisten Horst Meller verantworteten Reihe „Dichtung der Englischsprachigen Welt in zweisprachigen Ausgaben“ liegen außerdem Bände mit Lyrik von Wilfred Owen, Ted Hughes, D.J. Enright, A.E. Housman, von dem beatlesnahen Liverpool Poet Roger McGough und aus Australien vor.

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