Wenn Molche solche Sachen machen

Nicht zum ersten Male legt Hans-Joachim Gelberg eine wegweisende Sammlung von Gedichten für Kinder vor, an denen auch Erwachsene ihre Freude finden. Eine begeisternde Anthologie.

Von Chrysostomos

Als Verleger wie als Herausgeber ist Hans-Joachim Gelberg unser Mann für Gedichte, die Kindern und Erwachsenen gleichermaßen etwas zu sagen haben. Das jüngste Opus aus der Weinheimer Lyrik-Werkstatt versammelt kurze, leicht zu memorierende Gedichte (wenn man sie nur oft genug liest) von weit über 150 Autoren. Mit ihnen korrespondieren zahlreiche Bilder von bekannten (Nikolaus Heidelbach, Verena Ballhaus, Christoph Meckel, der auch als Dichter vertreten ist) und weniger bekannten Illustratoren (der Coburger Lino Fastnacht, Elisa Gelberg, der Herausgeberenkelin, Jahrgang 2000, die auch für den Untertitel der Anthologie verantwortlich zeichnet, „Gedichte und Bilder aller Art“). Bilder nämlich vermögen Kinder unmittelbar anzusprechen, während die Lyrik doch noch den Erwachsenen als Vor- und Mitleser braucht. Zeitlich reicht diese wahrlich himmlische, wahrlich vergnügliche, aber ab und an auch zum kritischen selbst- oder gesellschaftsbezogenen Nachdenken anregende Auswahl von Ringelnatz und Morgenstern über Brecht bis in die unmittelbare Gegenwart, auf der der Schwerpunkt liegt. Paul Maar, ganz klar. Oder Franz Wittkamp aus Sachsen-Anhalt, von dem allein zwei Dutzend Gedichte stammen.

Etwa dieses: „Wie das „nie“ / aus dem Knie, / kommt das „auch“ / aus dem Bauch, / kommt das „als“ / aus dem Hals, / kommt das „und“ / aus dem Mund.“ Hinzu tritt ein Ausflug zu Johann Peter Hebel, also ins frühe 19. Jahrhundert, dessen „Vergänglichkeit“ hier ins Hochdeutsche übertragen worden ist, auch findet sich Luise Hensels „Nachtgebet“ von 1816, das wohl nicht nur der Herausgeber in der Kindheit Abend für Abend aufgesagt haben wird.

Über hundert Lyrikerinnen und Lyriker antworteten gezielt auf die Marie Luise Kaschnitz‘ poetologischem „Das Gedicht“ entnommene, titelgebende Verszeile „Wo kommen die Worte her?“ Kaschnitz selbst ist nicht in der Sammlung enthalten, wohl aber Klassiker wie Mascha Kaléko, deren Zeitgenossen Erich Kästner und Heinz Erhardt (mit der altbekannten „Made“) und, wo wir gerade bei unliebsamen Gästen sind, Reinhard Döhl mit dem von einem Wurm heimgesuchten „Apfel“. Bertold Brecht stimmt „Das Lied von der Moldau“ an, Walter Benjamin rät einem zwölfjährigen Kind: „Spiele mit beliebigen Wörtern“. Überhaupt fehlt es dem Band nicht an Bilderrätseln und Ratespielen, die im Anhang aufgelöst werden. Dort findet sich zudem ein Bogen mit „Kleinen großen Fragen“, auf welchem die jungen Leser die Antwort auf solche kreative Wortmeldungen eintragen können wie „Welchen Geruch kannst du nicht leiden?“, „Dein Lieblingsessen?“, „Was ist Glück für dich?“ oder „Hast du schon mal Ameisen beobachtet?“

Foto: Chrysostomos

Zu den Vorzügen der Sammlung zählt auch, dass Gelberg einige von Kindern verfasste Gedichte mit aufgenommen hat. Die Anthologie jedenfalls, der Nachfolgeband zu der inzwischen ein Dutzend Jahre zurückliegenden, ebenfalls von Gelberg betreuten Sammlung „Großer Ozean“, öffnet Tür und Tor zu einer Sprachzauberwelt sondergleichen. Möge sie viele Leser und Vorleserinnen finden, beispielsweise Lehrerinnen, ob sie nun im Niederbayerischen wirken, oder zwischen Saale und Altmühl unterrichten.

Hans-Joachim Gelberg (Hrsg.): Wo kommen die Worte her? Neue Gedichte für Kinder und Erwachsene. Weinheim: Beltz&Gelberg, 2011, 264 Seiten, 19,95 Euro


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