Güh güh güh dadahidowitz

Der längst vergessene Johann Friedrich Naumann galt hierzulande als bedeutendster Vogelkundler seiner Zeit. Sein glanzvolles Schaffen ist in einem großformatigen Prachtband der „Anderen Bibliothek“ wieder zu entdecken.

Von Chrysostomos

Kennen Sie den Ziemer? Dann stammen Sie vermutlich aus Sachsen-Anhalt. Denn dort wird die andernorts auch Krammetsvogel, Schomerling oder Schacker genannte Wacholderdrossel (also wissenschaftlich: turdus pilaris) so bezeichnet.

Sie, die Wacholderdrossel, ist eine der Sängerinnen, der Sänger und Greifvögel, deren Kennzeichen, Verbreitung, Gesang, Gewohnheiten, Nahrung und Fortpflanzung in des Kötheners Johann Friedrich Naumann „Vögel Mitteleuropas“ eingehend beschrieben werden. Zu Lebzeiten (1780 bis 1857) war Naumann ein gefeierter Naturforscher. Auf den damals ohne Frage größten Ornithologen Deutschlands – anders als der Engländer John Gould und der Amerikaner John James Audubon ist Naumann inzwischen nur der Fachwelt noch bekannt – gehen zahlreiche Vogelnamen zurück, der Waldkauz etwa oder die Dorngrasmücke.

Seine zwölfbändige „Naturgeschichte der Vögel Deutschlands“, im Sommer 1844 abgeschlossen, fand die Bewunderung Goethes. Der (ehemalige) Lektor und Verleger Arnulf Conradi, von Kindesbeinen an begeisterter Vogelbeobachter, hat eine Auswahl aus Naumanns Schaffen als Sonderband der Anderen Bibliothek herausgebracht.

Wie Audubon lehnte es auch Naumann ab, ausgestopfte Tiere zu zeichnen. „Ich habe ohne Ausnahme mit frischen Exemplaren nach der Natur gearbeitet“, beschrieb er seine Herangehensweise. Die Vogelbilder sind von einer atemberaubenden Schönheit und Vitalität. Ein Großteil der Aquarelle, auf deren Grundlage Naumann seine Kupferstiche fertigte, hat sich im Köthener Schloss erhalten. Achtzig dieser erstaunlich farbfrischen Arbeiten werden in diesem Folioband erstmals vorgestellt.

Der Mäusebussard hat einen Maulwurf erlegt, die Nachtschwalbe schnappt nach einem Birkenspinner, drei Dohlen lassen sich von einem Bauern bei der Feldarbeit nicht stören, Sumpf-, Blau- und Kohlmeise turnen munter durchs Geäst. Naumanns Bilder fangen die Vögel in ihrem Lebensraum ein.

Groß ist neben der künstlerischen auch die sprachliche Eleganz seines Werkes. Und an den Wortschöpfungen, mit denen Naumann den Gesang der Nachtigall zu beschreiben versucht, hätten auch ein Richard Huelsenbeck oder ein Kurt Schwitters ihre Freude gehabt: „Ji jih güh güh güh güh güh dadahidowitz.“

Conradi nennt Naumann, den bedeutenden Vogelmaler und Ornithologen, ein „vergessenes deutsches Genie“. Dieses Buch ist ein einziges Faszinosum. Möge es seinem Verfasser wieder zu der Bekanntheit verhelfen, die er verdient, und die er zu Lebzeiten bereits genoss.

Johann Friedrich Naumann: Die Vögel Mitteleuropas. Eine Auswahl. Herausgegeben und mit einem Essay von Arnulf Conradi. Eichborn Verlag, Frankfurt/Main 2009. 517 Seiten, 99 EUR.

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