Zwölfeinhalb Runden, oder warum Silber bisweilen goldrichtig kommt

Speedy Gonzales

Wo laufen sie denn, wo laufen sie denn hin? Nicht nur in Donezk, nicht nur in Warschau, dem Ball hinterher. Seit Mittwoch finden im Olympiastadion der finnischen Kapitale die 21. Leichtathletik-Europameisterschaften statt. Arne Gabius von der LAV Tübingen schnappte sich mit einunddreißig Jahren – gutes Marathonalter, aber für einen 5000-Meter-Läufer sind das doch ein paar Lenze zu viel fast – Silber. Das kam goldrichtig. Was für ein Beginn für den Deutschen Leitathletikverband!

Das Stadionrund von Helsinki war für die Deutschen immer schon ein gutes Pflaster. Bei den Sommerspielen 1952 – das teilautonome Saarland stellte damals, nebenbei sei‘s festgehalten, eine eigene Mannschaft, die Frauen kamen über 4×100 Meter auf den siebten Platz – holte sich über 5000 Meter hinter dem großen Franzosen Alain Mimoun und dem noch größeren Emil Zátopek der Solinger Herbert Schade in 14:08,6 Minuten die Bronzemedaille. Bei den Europameisterschaften 1994 gewann Dieter Baumann über die zwölfeinhalb Stadionrunden in 13:36,96 Gold vor dem Engländer Robert Denmark und dem Spanier Abel Antón.

In der ersten Entscheidung der EM 2012 war nur Titelverteidiger und Weltmeister Mohammed Farah in 13:29,91 schneller als Arne Gabius. Dritter wurde der gebürtige Kenianer Polat Kemboi Arikan, der seit Sommer letzten Jahres für die Türkei startet und nun eifrig Landesrekorde für die neue Heimat aufstellt. Achtzig Hundertstel nach Gabius kam er ins Ziel.

Bis Juli 2011 trainierte der Tübinger unter den Fittichen von Dieter Baumann. Nachdem er das Studium der Humanmedizin an der Eberhard-Karls-Universität abgeschlossen hat, konzentriert sich Gabius einzig auf das Laufen, ist Trainer und Athlet in Personalunion. Sein Training hat er umgestellt, sein Pensum reduziert, die Einheiten aber intensiviert. Mitte Juni wurde Gabius in Bochum zum sechsten Mal in Folge Deutscher Meister über seine Paradestrecke. Dass mit ihm auch in Helsinki zu rechnen war, deutete sich spätestens auf dem Golden League Meeting in Oslo an, als Gabius für die zwölfeinhalb Runden nur 13:13,43 brauchte – persönliche Bestzeit, außerdem die Qualifikation für Helsinki und London geschafft (erstmals finden heuer Europameisterschaften und Olympische Spiele im selben Jahr statt). Mit Arne Gabius hat der DLV nach einer langen Durststrecke endlich wieder einen 5000-Meter-Läufer von Format. Chapeau!

Am gestrigen Donnerstag schaffte es der Frankfurter Pascal Behrenbruch sogar auf die Mitte des Treppchens. Die palindromischen 8558 Punkte bedeuten zugleich eine neue persönliche Bestmarke. Wie sich die 46 Frauen und die 48 Männer, die der Verband nach Finnland schickte, weiterhin schlagen werden, wird man sehen. Den 800-Meter-Lauf der Frauen einmal außen vor gelassen, hat man alle Disziplinen besetzt. Wir bleiben dran!

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