Deutschland spielt sich eindrucksvoll ins Halbfinale, woraus aber keine voreiligen Schlüsse zu ziehen sind

Winnie Wenzel

Mit elegantem Kombinationsfußball Marke ,Barcelona’ erspielte sich gestern Abend die junge deutsche Elf einen verdienten Sieg gegen eine in allen Belangen unterlegene griechische Mannschaft. Bereits vor dem Spiel verblüffte Bundestrainer Löw die Öffentlichkeit und vermutlich auch den gegnerischen Kollegen mit einer veränderten Mannschaftsaufstellung. Er brachte Klose, Reus und Schürrle für Gomez, Müller und Podolski. Boateng spielte nach überstandener Gelbsucht wieder für Bender. Die Neulinge wurden ihrer Aufgabe, frischen Wind, Tempo und Überraschungen ins deutsche Spiel zu bringen, von Anfang an gerecht. Dass Löw damit auch dem Frust unterbeschäftigter Spitzenkräfte im eigenen Team entgegen arbeitete, war ein sicher gerne in Kauf genommener Nebeneffekt der taktischen Neueinstellung.

Außerdem liefen in dieser Partie endlich unsere beiden Madrilenen zu großer Form auf. Sie dirigierten einen verwirrenden deutschen Angriffswirbel, der die Griechen permanent überforderte. Nun würde ich aber sehr davor warnen, diese Begegnung als Anknüpfung an Superleistungen vergangener Zeiten zu betrachten; denn die griechische Deckung produzierte mitnichten einen „Superbeton“, sondern war löchrig wie der bekannte Schweizer Käse. Wenn die deutschen Stürmer ihre unzähligen Chancen der Anfangsphase nur ein wenig besser als Ronaldo verwertet hätten, hätte es bereits nach 20 Minuten 5:0 stehen können. So brauchte es zur deutschen Führung dann ewige 39 Minuten, bis Lahm mit einem schönen Distanzschuss erstmals Zählbares erntete.

Nach der Pause schlichen sich einige schwer erklärliche Lässigkeiten ins deutsche Spiel ein, die fast konsequent zum Ausgleichstor durch einen präzise vorgetragenen griechischen Konter führten, der von Georgios Samaras erfolgreich abgeschlossen wurde. Samaras, sicher während des gesamten Turniers einer der Besten seines Teams, hatte sich in der ersten Phase des Spiels durch eine Serie brutaler Fouls an den deutschen Spielmachern negativ hervorgetan, besann sich nach einer späten gelben Karte (des eher schwachen slowenischen Schiedsrichters) dann aber auf seine spielerischen Qualitäten. Das griechische Gegentor löste im blau-weißen Lager großen Jubel aus und jagte Fangela Merkel, die sich ansonsten prächtig zu amüsieren schien, kurzzeitig einen ordentlichen Schrecken ein. Relativ unbeeindruckt schienen allein die deutschen Spieler, die sich schnell wieder auf ihr flottes Kombinationsspiel besannen und in der Folge fast nach Belieben trafen: Sami Khedira (61.), Miroslav Klose (68.) und Marco Reus (74.) sorgten mit Bilderbuchtoren für die vorzeitige Entscheidung. Danach schien ihr Torhunger gestillt, man schob sich den Ball friedlich im Mittelfeld zu, wechselte noch ein paar Mal aus und genoss die Atmosphäre im Danziger Bernsteinpalast. Für den unglücklich-zufällig entstandenen Handelfmeter in der 89. Minute, den Dimitrios Salpingidis sicher verwandelte, interessierte sich nicht einmal mehr Klarakni, der Gott der Neugier, der aber auch kein Grieche ist.

Fazit: Ein richtig schön anzusehendes Fußballspiel der deutschen Mannschaft, über das man sich freuen, aus dem man aber (leider) keine Schlüsse auf den weiteren Verlauf der EM ziehen darf. Mit England oder gar Italien werden schon im nächsten Spiel völlig andere fußballerischen Kaliber auf uns zukommen. Griechenland hat sich bei dieser EM insgesamt achtbar geschlagen und das Optimum aus seinen Möglichkeiten herausgeholt.

Statistik:

Deutschland: Neuer (Bayern München/26 Jahre/30 Länderspiele) – Boateng (Bayern München/23/24), Hummels (Borussia Dortmund/23/18), Badstuber (Bayern München/23/24), Lahm (Bayern München/28/90) – Schweinsteiger (Bayern München/27/94), Khedira (Real Madrid/25/31) – Reus (Bor. Mönchengladbach/23/7 – 80. Götze/Borussia Dortmund/20/15), Özil (Real Madrid/23/37), Schürrle (Bayer Leverkusen/21/16 – 67. Müller/Bayern München/22/31) – Klose (Lazio Rom/34/120 – 80. Gomez/Bayern München/26/56)

Griechenland: Sifakis (Aris Saloniki/27/15) – Torosidis (Olympiakos Piräus/27/48), Kyriakos Papadopoulos (FC Schalke 04/20/12), Sokratis (Werder Bremen/24/31), Tzavellas (AS Monaco/24/8 – 46. Fotakis/PAOK Saloniki/30/12) – Makos (AEK Athen/25/13 – 72. Lymperopoulos/AEK Athen/36/76), Maniatis (Olympiakos Piräus/25/13) – Ninis (Panathinaikos Athen/22/22 – 46. Gekas/Samsunspor/32/62), Katsouranis (Panathinaikos Athen/33/95), Samaras (Celtic Glasgow/27/58) – Salpingidis (PAOK Saloniki/30/60)

Schiedsrichter: Skomina (Slowenien)

Zuschauer: 38.751

Tore: 1:0 Lahm (39.), 1:1 Samaras (55.), 2:1 Khedira (61.), 3:1 Klose (68.), 4:1 Reus (74.), 4:2 Salpingidis (89./Handelfmeter)

Gelbe Karten: – / Samaras, Sokratis

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