Villa Concordia: Lesung von Josef Bierbichler aus MITTELREICH

Christiane Hartleitner

Josef Bierbichler

Innig zugewandt die Hörer, erwartungsvoll die Stimmung, voller Spannung. Schließlich ist es Nora Gomringer, der Leiterin des Internationalen Künstlerhauses Villa Concordia, und ihrem Team gelungen, Josef Bierbichler nach Bamberg in ihr Haus zu locken: einer der renommiertesten Theater- und Filmschauspieler Deutschlands (Interview hier).

„Für mich war das Theaterspielen nie ein religiöser Akt“

Er spielt an großen deutschsprachigen Bühnen, in Zürich, am Wiener Burgtheater, der Volksbühne Berlin, der Schaubühne und wurde dreimal zum „Schauspieler des Jahres“ gewählt. Für die Hauptrolle im Kinofilm WINTERREISE erhielt er 2006 den deutschen Filmpreis. Mitte der siebziger Jahre lernt Bierbichler den Film- und Theatermann Herbert Achternbusch kennen – ein Freigeist und kritischer Querdenker wie er selbst, mit dem ihn – laut Regina Schillings Film von 2007 – in den folgenden Jahren neben der intensiven beruflichen Zusammenarbeit („Bierkampf“, „Heilt Hitler“) auch eine enge, von einer Art Hassliebe geprägte Freundschaft verbindet. Neben Achternbusch hat Bierbichler im Lauf seiner Filmkarriere mit Regisseuren wie Werner Herzog („Herz aus Glas“), Tom Tykwer („Die tödliche Maria“), Michael Haneke („Code unbekannt“), Hans Steinbichler („Hierankl“, „Winterreise“) und Jan Schütte gearbeitet, in dessen Film „Abschied“ er den alten Bert Brecht verkörpert. In den meisten Rollen fällt Bierbichler durch seine außerordentliche körperliche Präsenz auf – wobei er seinen Figuren häufig eine melancholische Nachdenklichkeit verleiht, die bisweilen in spannendem Kontrast zu seiner massigen physischen Erscheinung steht.

Selbst an der Regnitz kann er das Schauspielern nicht lassen, hält sich zwar zurück, „schließlich soll er nur lesen“, doch die Seufzer, selbst das Einschenken eines Glas Weißweins passen zur Szenerie im Buch. Seine physische Präsenz gilt dem Buch und der Geschichte der Seewirte. Sie sind die Protagonisten seines neuesten Buches MITTELREICH, über mehrere Generationen wird nicht nur Familiengeschichte, sondern deutsche Geschichte geschrieben.

Das ist ja ein Schmarrn, so war es nicht

Als Sohn einer Landwirtsfamilie in der Nähe des Starnberger Sees aufgewachsen, kennt Bierbichler die Denke, die Handlungen und Wandlungen des bäuerlichen Daseins. Und versteht es, dies in seinem Roman in der Familie der Seewirte vor Augen zu führen. Jede Generation mit der ihr eigenen Herausforderung: Die gespaltene Einstellung, wenn das Dorf zur Attraktion der Städter wird, wenn das Warten auf den Sommer und die Gäste das Landleben zu bestimmen beginnt. Wenn Krieg und Naturgewalten Menschen herausfordern. Wenn das Heranwachsen der nächsten Generation schmerzhaft wird. Wenn tiefgreifende Änderung beginnen, mit dem Verlust der Eigenständigkeit und der Selbstbestimmung. Verfehlungen und Verletzungen, auch Bodenständigkeit und Zuwendung, Entfremdung und Aneignung.

Gschaftlhuber und „dickmausige Flachbrunzer

Große Themen neben Alltäglichkeiten, die in dem ihm eigenen Ton und Gedankenabzweigungen Generationen bestimmen – gelesen, mit dem Bayerischen in der Grundschwingung, mit dem Vogelgezwitscher aus dem Garten der Villa Concordia an der Regnitz an einem lauen Juniabend, anschließend die Sonnenuntergang-Stimmung mit einem Glas gekühlten Weißwein, den neuen Kollegiaten und zahlreichen Interessierten: eindrucksvoll.

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