Martha Argerich and Friends: Live from the Lugano Festival 2011

Criticus

Alljährlich organisiert Lugano mit Stiftungsgeldern ein großes, vornehmlich der klassischen Musik gewidmetes Kulturfestival, um die kulturelle, ökonomische und touristische Attraktivität der Schweizer Stadt zu steigern. Seit 2002 bildet ein Projekt der argentinischen Starpianistin Martha Argerich, die Joachim Kaiser einmal zur ,feurigsten und virtuosesten Pianistin der Gegenwart’ erhoben hat, einen Fixpunkt innerhalb dieses Events, aber darüber hinaus auch im jährlichen Reigen internationaler Klassik-Festivals. Die Argerich, die seit einigen Jahren kaum noch Solokonzerte gibt und ihr altes Image einer ,Tastenlöwin’ abgelegt hat, erarbeitet dort zusammen mit jungen Ausnahmekönnern aus dem Freundes- oder sogar Familienkreis Raritäten oder ungewöhnlich arrangierte Werke der Kammermusik. Die Mitschnitte dieser von Teamgeist und Publikumszuspruch inspirierten Spontan-Konzerte präsentieren so immer wieder aufregende Entdeckungen – wie hier etwa das Klavierquintett von Juliusz Zarębski (1854-1885), einem polnischen Liszt-Schüler, interpretiert von Martha Argerich, Dora Schwarzberg, Lucia Hall, Lida Chen und Gautier Capuçon. Als eine weitere Überraschung wäre Schostakowitschs Suite op. 105 in einem kuriosen Arrangement für gleich drei Klaviere mit Giorgia Tomassi, Carlo Maria Griguoli und Alessandro Stella anzuführen.

Auf drei CDs findet der Argerich-Fan auf diese Weise Werke von Beethoven (Violin Sonata No.8 in G Op.30 No.3), Mozart (Sonata in F K497), Haydn (Piano Trio in C Hob. XV:27), Schumann (Fantasiestücke Op.73), Liszt (Concerto pathétique S258), Rachmaninow (Trio élégiaque No.2 in D minor Op.9), Schostakowitsch (Cheryomushki Op.105, Ravel (La Valse, Piano Concerto in G) und Zarębski (Piano Quintet in G minor Op.34), zumeist in kleinen Besetzungen von der Duo- bis zur Quintettformation, wobei der Hauptteil des Programms Klavierrepertoire ist. Wie dynamisch-frisch, frech und wenig altersabgeklärt die mittlerweile siebzigjährige Starpianistin immer noch Musik zu machen versteht, demonstriert sie vielleicht am eindrucksvollsten an der witzigen und gleichzeitig extrem sinnlichen vierhändigen Fassung von Ravels „La Valse“ zusammen mit dem jungen Venezuelaner Sergio Tiempo. Was hier passiert, ist – natürlich im akustischen Sinne – ganz großes Kino! Herzstück der Aufnahme ist aber wohl Ravels G-Dur-Konzert (hier zusammen mit dem Orchestra della Svizzera Italiana), das zum Standard-Repertoire Martha Argerichs zählt und für dessen Interpretation sie neue Maßstäbe gesetzt hat. Wie fasste doch ein britischer Rezensent das auf den vorliegenden Tonträgern vermittelte Klangerlebnis zusammen: „Indeed, a sense of the musicians’ infectious enjoyment, even when their musicality is of the most serious kind, emanates from this entire programme. Argerich’s presence and ever-youthful spirit conspire to inspire performances of untold pleasure.“ Ja, das kann man in der Tat ungefähr so ausdrücken. Das Booklet zur Box stellt die ausgewählten Stücke ausführlich vor.

Martha Argerich and Friends

M. Argerich & Friends – Live From Lugano 2011
EMI Classics

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