Zum nächtlichen Gefunkel über Bamberg im Frühjahr

Von Capricornus

Bamberger Sternenhimmel am 27. April, 23:00 Uhr

Ich bin immer dafür, mit offenen Augen durch die Welt zu laufen, auch nachts. Man stolpert dann weniger und kann sich außerdem über viele Dinge freuen. Heute werden wir vermutlich einen schönen Sternenhimmel zu sehen bekommen. Es ist gar nicht so schwer, sich in diesem Gefunkel und Geglitzer zurecht zu finden. Für den Anfang könnte man vielleicht den Großen Bären (lat. Ursa major, eigentlich: ,größere Bärin’) im Himmelszentrum suchen, der auch als Großer Wagen bekannt ist. Mit Hilfe dieses weithin bekannten und auffälligen Sternbilds kann man ganz leicht den Polarstern und damit den nördlichen Himmelspol finden: Verlängert man die gedachte Verbindungslinie zwischen den beiden hellen hinteren Sternen des Großen Wagen (Merak und Dubhe) über dessen ,Hinterachse’ um etwa das Fünffache, gelangt man direkt zum Polarstern; unterwegs liegen auf dieser Linie keine weiteren hellen Sterne.

Die Menschen haben in den hellen vier Wagen- und drei Deichselsternen des Großen Wagens übrigens nicht immer ein solches Gefährt gesehen. Die Römer nahmen beispielsweise zwar die Zusammengehörigkeit dieser Sternenkonstellation wahr, interpretierten sie aber als sieben Ochsen (lat. septem(n)triones, nach trio gleich Dreschochse), die ständig um den nördlichen Himmelspol zogen. Septentrio wurde so zum Synonym für den Norden schlechthin, zugleich für die aus nördlicher Richtung wehenden Winde. In den romanischen Sprachen hat der Begriff übrigens bis heute überlebt, so heißt Nordrhein-Westfalen im Italienischen Renania settentrionale-Vestfalia.

Nun aber zurück zum Großen Bären. Von diesem Sternbild aus kommen wir ganz leicht zu einem auffälligen Stern namens Arcturus/Arktur. Nun war Arcturus natürlich eine norwegische Metal-Band, die 1987 unter dem Namen Mortem gegründet wurde und ihren Namen dann 1990 entsprechend änderte. Ob der Stern gleichen Namens im Bild ,Bärenhüter’ noch ein wenig älter ist, ist in der Szene umstritten. Wir finden ihn jedenfalls auf der Verlängerung der ,Deichsel‘ des Großen Wagens. (In gleicher Richtung weiter geht’s zur Spica, Sternbild Jungfrau – die brauchen wir später auch noch!)

Arktur ist ein Roter Riese, der hellste Stern im Sternbild Bärenhüter (Bootes), gleichzeitig der hellste Stern des Nordhimmels und der vierthellste Stern am Nachthimmel überhaupt (Mond, Planeten und Discostars zählen astronomisch nicht als Sterne). Der Bärenhüter ist ein auffälliges Sternbild des Frühjahrshimmels. Seine Figur erinnert an einen Kinderdrachen oder eine große Eistüte. Er gehört zu den 48 Sternbildern der antiken griechischen Astronomie, die bereits von Ptolemäus beschrieben wurden. Sein Name Bootes, lat. Boötes, bedeutet eigentlich Ochsen- oder Stiertreiber, weil er dem Großen Bären – wir erinnern uns: die Römer sahen darin eine Rindergruppe – zu folgen bzw. diesen anzutreiben scheint.

Zum mythologischen Ursprung dieser Sternenkonstellation des Ochsentreibers bzw. Bärenhüters gibt es unterschiedliche Versionen. Nach einer Überlieferung war es der Bärenhüter Arkas, ein Sohn des Zeus und der Kallisto, nach einer anderen Philomelos, der Sohn des Iasion und der Demeter, der Wagen und Ackerpflug erfand. Dann sah man im Bärenhüter aber auch jenen Ikarios, den der Weingott Dionysos in die Kunst des Weinanbaus eingeweiht hatte. Ikarios traf eines Tages auf eine Gruppe von Hirten, denen er das bisher unbekannte Getränk einschenkte. Die Hirten glaubten allerdings, Ikarios wolle sie vergiften und erschlugen ihn, worauf sich auch noch seine Tochter Erigone aus Kummer erhängte. Dionysus verewigte daraufhin nach gutem olympischen Brauch die Tragödie am Himmel, das Mädchen als Sternbild Jungfrau in der Nähe ihres Vaters.

Zuletzt vielleicht noch ein paar Worte zum sogenannten Frühlingsdreieck, einer astronomisch auffälligen Konstellation, mit der man sich im Frühling am Nachthimmel gut orientieren kann. Es wird aus den sehr hellen Sternen Regulus (im Sternbild Löwe), Arktur (im Sternbild Bärenhüter) und Spika (Sternbild Jungfrau) gebildet und ist als großräumige Figur am Frühjahrshimmel in südlicher Richtung, am besten kurz nach Sonnenuntergang sichtbar.

Nun sind wir astronomisch hinreichend gerüstet, um uns dem Gedicht Anrufung des großen Bären von Ingeborg Bachmann zuzuwenden: http://www.youtube.com/watch?v=1xcp2uKfHEI

Zur weiteren Beschäftigung mit Sternbildern empfehle ich folgendes Video: http://www.youtube.com/watch?v=BCCOpWjgfj8&feature=related

Ein Gedanke zu „Zum nächtlichen Gefunkel über Bamberg im Frühjahr

  1. Eine schöne Ergänzung zu diesem Beitrag bietet der DPA-Artikel von Hans-Ulrich Keller in der heutigen Ausgabe des „Fränkischen Tags“ (1./2. Mai, S. 40) zum Thema „Die größte Vollmondscheibe des Jahres am Nachthimmel“. Gute Zeiten für Sternengucker, natürlich auch dank des tollen Wetters!

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht.