Waits meets Büchner

WOYZECK 1. Foto: Ingrid Rose

Misery’s the river of the world

Beeindruckend tauchen Farben die Bühne in Stimmungsbilder, beeindruckend hängen die Käfige wie das Schicksal über dem Protagonisten Franz Woyzeck.

Er läuft wie ein offenes Rasiermesser durch die Welt, man schneid sich an ihm 

Geschunden, missbraucht, geohrfeigt – später gehetzt und verfolgt von inneren Stimmen, die ihm zum Mord verführen. Thomas Jutzler steht der zunehmende Wahn, der Terror ins Gesicht geschrieben, hohlwangig wie Klaus Kinski in der Verfilmung von Werner Herzog von 1978. Der einfache Soldat Franz Woyzeck, der seine Freundin Marie und das gemeinsame uneheliche Kind finanziell zu unterstützen versucht, arbeitet als Laufbursche für seinen Hauptmann. Rasiert ihn, parfumiert dessen Äußeres. Doch dieser hat nur hohle Phrasen, Hohn und Prügel für ihn übrig. Woyzecks Armut – unmoralisch.

WOYZECK 2. Foto: Ingrid Rose

Er ist ein interessanter casus

Um sich einen zusätzlichen Verdienst zu seinem mageren Sold, den er restlos an Marie abgibt, zu sichern, lässt Woyzeck sich von einem skrupellosen Arzt zu Versuchszwecken auf Erbsendiät setzen. Ein Experiment – weiter nichts. Eckhart Neuberg, als Doctor selbst dem Wahn nahe, bringt es auf den Punkt – irre mit God’s away on business.

WOYZECK 4. Foto: Ingrid Rose

Always keep a diamond in your heart

Lieder voller Liebe und Sehnsucht. Hier blitzt durch, wie es sein könnte. Marie – Aline Joers als schöne Freundin – und Woyzeck: Sie geben sich Halt, ein Versprechen innerer Werte. Die Erinnerung daran, ein Blick zurück an eine bessere Welt:  I fell into an ocean

WOYZECK 3. Foto: Ingrid Rose

It’s just the way we are

Marie trifft den Tambourmajor. In ihr blitzt die Ahnung von einem anderen, sorgloseren Leben auf. Die Freiheit der Körper, die Lust der anderen, Erniedrigung, Einsamkeit und Wahn: Nun ist es zuviel. Woyzeck ersticht Marie. An einer Lichtung am See. Der See ist für Woyzeck die letzte Zuflucht.

WOYZECK 5. Foto: Ingrid Rose

Woyzeck handelt von Wahnsinn und von Obsessionen, von Kindern und von Mord – alles Dinge, die uns berühren. Das Stück ist spannend und Fantasie anregend. Es bringt einen dazu, Angst um die Figuren zu bekommen und über das eigene Leben nachzudenken. Ich schätze mal, mehr kann man von einem Stück nicht verlangen. (Tom Waits)

Das Fragment des jung gestorbenen Büchners von 1837 gehört zu den meistgespielten und einflussreichsten Dramen der deutschen Literatur. Deren zerrüttete Protagonisten passen kongenial zu den Amerikanern Waits und Wilson. Die gewohnt spröden, sperrigen Klänge und die ausgefallenen Instrumente boten sich dem Avantgarde-Regisseur an, uraufgeführt 2000 im Kopenhagener Betty-Nansen-Theater. In den 13 in Zusammenarbeit mit seiner Frau geschriebenen Titeln beschreibt Waits den kranken Zustand der Welt, den Abgrund in uns selbst – God’s Away On Business, Misery’s the river of the world – lassen Raum für Hoffnung. Coney Island Baby ist so ein Hoffnungsschimmer, eine Ballade, wie sie nur Waits singen kann. Ich mag meine Musik mit Beulen, mit Rinde, Stumpf und Stiel, sagt er. Und das hört man auch.

Die Bamberger Aufführung Woyzeck hat sich einem vielfach aufgeführten Stück angenommen. Einflussreiche Häuser haben das ebenso, hochgelobt das Hamburger Thalia Theater und das Deutsche Theater/Berlin. Deren gesangliche und interpretatorische Leistungen sind außergewöhnlich. Es ist immer ein großes Risiko, es einem Weltstar wie Waits nachzutun, da könnte das Scheitern vorprogrammiert sein. Die Bamberger Schauspieler schaffen den Spagat zur Überraschung ganz gut. Zudem dürfen sie in einer wirklich gelungenen Beleuchtung agieren. Waits kehlig-röchelnde Stimme bleibt seiner eigenen Einspielung auf „Blood Money“ vorbehalten.

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