Gestalten statt verwalten

Gestalten statt verwalten. Foto: Erich Weiß

Starke und Seitz – Die Wahlgestaltung aus einer Hand oder Warum ist der Wahlkampf so wie er ist?

Gestalten statt verwalten – das war der Slogan des Bamberger Oberbürgermeisterkandidaten Andreas Starke 2006, den die Hirschaider Marketing-Agentur Zensys erfolgreich an den Wähler brachte: Starke ging 2006 nach der Stichwahl mit dem OB-Kandidaten Neller (CSU) mit über 70% der Stimmen aus dem Rennen. Diese Wählerentscheidung war damals auch eine klare Absage an die großformatigen Plakatierungsaktionen des CSU-Kandidaten. Zensys betreut darüber hinaus die Stadt Bamberg, das Stadtmarketing Bamberg, die Sparkasse Bamberg, Wieland Bamberg, GHP Bamberg, den Fränkischen Tag und Radio Bamberg – Vieles aus einer Hand.

Neben „Gestalten statt verwalten“ wollte Starke auch die „Stärken der Stadt Bamberg besser nutzen“. Seither steigen in Bamberg die Tourismus-Zahlen enorm, die Wohnungs- und Mietpreise sowie die Klagen der über 10.000 Innenstadtbewohner ob der zunehmenden Events der Weltkulturerbestadt Bamberg. Der derzeitige OB-Wahlkampf Starkes wird von der Bamberger Agentur medienreaktor geleitet. Nebenbei dürfen diese das Internetportal der Stadt Bamberg relaunchen, für die Mediengruppe Oberfranken und das Stadtmarketing Bamberg sind sie ebenfalls aktiv. medienreaktor gestaltet nicht nur Starkes Wahlkampf, sondern auch den Wahlkampf des CSU-Kandidaten Seitz. Ganz überparteiisch gestalten sie auch die Landes FDP: wieder Vieles aus einer Hand.

Marketing ist die eine – überschätzte, weil Bürger unterschätzende? – Seite der Medaille. Die andere Seite richtet ihren Blick tiefer und fragt: Was passierte in den letzten Jahren? Eine Serie von Bürgerprotesten und erheblichen Aufregern begleitete die vergangene Ära Starke. Einige Themen wollen wir schlaglichtartig Revue passieren lassen. Die aufgelisteten Bürger-Aufreger zeigen, dass der STARKE die Muskeln hat mächtig spielen lassen. Mangels starker Opposition und dank eigener juristischer Spitzfindigkeiten und STARKER PR ging er meist als Sieger aus diesen Schlachten – meist Schlachten gegen Bürger in immer anderen Zusammensetzungen.

Zunächst eine Auswahl der beendeten Diskussionen:

Die Landesgartenschau erregte mehrfach mit Planungen den Unmut der Bürger. Im Sommer 2008 erhitzten sich die Gemüter ob der Frage Weinberg oder Wiese? Ein Bürgerbegehren konnte gerade noch abgewendet werden, da die Bürger einen biologischen Weinanbau auf reduzierter Fläche durchsetzten. Zudem wurden die Kosten über 60.000 € für ein Bürgerbegehren in die Pflege von Streuobstwiesen gesteckt. Die Rodung der Obstbäume ist trotzdem nicht vergessen. Ebenfalls in 2008 liefen Proteste gegen den Ausbau der Universität am Markusplatz, die Reduzierung des Bauvolumens geht auf das Engagement der Anlieger zurück. In 2008/09 waren die Beschwerden der Anwohner wegen des geplanten Busparkplatzes am Weidendamm erfolgreich, nachdem der Bürgerverein Bamberg Mitte einen Rückbau nach der Landesgartenschau erreichte. Noch in 2009 machte erneut die Landesgartenschau von sich reden: Der Abriss des kleinen Schleusenwärterhauses setzte dem Stadtoberhaupt kein Denkmal.

Die Bewohner der nördlichen Inselstadt schienen in diesen Jahren besonders gefordert. Der von der Landesgartenschau geplante Uferweg am Schiffbauplatz bescherte Starke das engste Abstimmungsergebnis seiner Ära. Nur eine hauchdünne Mehrheit im Stadtrat stimmte dem Bau zu, dessen Auswirkungen allerdings immer noch zu deutlichen Belastungen der Anwohner führt. 2009 geht wohl als „Sommer der Revolte“ in die Geschichte Bambergs ein, denn der Kampf ums Hainbad, das traditionsreiche Flussschwimmbad, erregte die Gemüter wie selten und lockte selbst den gemütlichsten Franken vom Sofa. Gleichzeitig war es keine Sternstunde des Oberbürgermeisters, der lange, sehr lange dem Vorschlag seitens der Hainbadfreunde nach Wasserproben nicht nachzugeben vermochte. Alles hängt irgendwie mit allem zusammen, auch die Diskussion um das Gaustadter Bad in 2006. Offensichtlich haben sich die in 2005 prognostizierten Folgen bewahrheitet, die der Bau eines Spaß- und Freizeitbades nach sich ziehen würde.

Tatsächlich war die Ära Starke auch für die Bamberger Stadtwerke und deren Kunden eine überaus anstrengende Zeit. Neben den Diskussionen um den Bäderbestand erregte die Eröffnung des 32 Mio. teuren Bads bambados Ende 2011 für Aufsehen. Ein Zusammenhang der Unterschriftenaktionen wegen der Erhöhung der Bustarife, des mangelhaften Engagements des Energieversorgers hinsichtlich der Erzeugung Erneuerbarer Energie und dem teuren Bad kann und darf nicht ausgeschlossen werden.

Der Übergang von den ausgewählten abgeschlossenen Projekten in der Ära Starke zu solchen Vorhaben, deren Auswirkungen, gar Ausgang noch unklar sind, scheint fließend:
Während die Stadt Bamberg im Herbst 2011 die Fertigstellung des Wilhelmsplatzes feierte, vergaß sie offensichtlich gänzlich die dortigen Anwohnerproteste, die noch immer schwelen, da deren Beiträge zum Straßenbau noch ausstehen. Ähnlich übereilt erscheint uns die Jubelmeldung von der Verlegung der Musikschule auf den Michelsberg. Zwar ist sie beschlossene Sache, doch am Erfolg der flankierenden Maßnahmen, die ein vermehrtes Verkehrsaufkommen dort verhindern sollen, wird diese grundlegende Entscheidung zu messen sein.

Ein weiteres Projekt der Landesgartenschau sorgt bis heute für Unmut: Die Proteste der Bamberger Gärtner wegen der Aussichtstürme in ihrem Gärtnerland, dem „schiefen Turm“ von Bamberg, die für 235 000 € derzeit erbaut werden. Die meisten umliegenden Gartenbetriebe liegen brach, die wenigen, die vor Ort noch anbauen, wollen sich dabei nicht auf den „Hintern“ sehen lassen. Die weitere Entwicklung darf beobachtet werden. Eine nachhaltige „Reaktivierung“ des eigentlichen Gartenbaubetriebes konnte jedenfalls nicht erreicht werden.

Weiterhin beobachtet werden dürfen wichtige Bauprojekte: Zu keiner Lösung während der letzten Jahre konnte man sich bei den Unteren Mühlen durchringen, entweder liegen die Planungen auf Eis oder in der untersten Schublade. Beim Quartier an der Stadtmauer trickst man, befürchtet Kahlschlag, reißt das jüdische Viertel gleich ganz ab, entzweit sich oder baut eine Phantasiemauer. Ein schlüssiges Gesamtkonzept wäre hier gefragt, wird jedoch vermisst, vergleichbar dem Konversionsgelände des Armeegeländes. Auf ein solches wartet ebenfalls der Maxplatz, das Herz Bambergs, schon lange. Dafür haben andere ihn für sich entdeckt, die eine Umgestaltung gar nicht für nötig befinden.

Zu den ungelösten Konflikten gehören die Proteste der Anwohner an der Promenade, die die Busse für den Transfer der Kreuzfahrtschiffe so gar nicht willkommen heißen. Überhaupt scheint der Fluch der Schönheit das Weltkulturerbe zu belegen. Hier hat Jemand die Stärken Bambergs besonders gut betont und eine anhaltende Tourismusschwemme erzeugt.

Wir sind uns bewusst, dass diese Zusammenstellung der Aufreger der Ära Starke unvollständig ist. Es gäbe noch viel zu berichten … über das Sorgenkind der Stadt, die Sozialstiftung, über die Übernahme der Jako/Stechert Arena durch die Stadt, über das mangelhafte Engagement der Stadttochter, der StadtBau, beim Wohnungsbau, über das Brückendesaster, über den versprochenen denkmalgerechten Umgang mit dem Hallenbad, über den Verkehr, über die Baustellen, über den Ausverkauf unserer Stadt …

Liebe Leser und Betroffene, die Kommentarfunktion steht für Sie und Ihre Erfahrungen bereit … bitteschön

7 Gedanken zu „Gestalten statt verwalten

  1. Hallo zusammen,

    ich habe 2006 die Kampagne für „Starkes Bamberg“ von der Agentur „Zensys“ verfolgt und war davon ziemlich angetan.
    Es war alles stimmig und hervorragend gemacht, was ja auch der Erfolg der Kampagne gezeigt hat.
    Umso enttäuschender war die aktuelle Kampagne der neuen Agentur die sämtliche Claims, die Farbigkeit, sowie die Fotos von Zensys kopiert hat.
    Hier zu sehen: http://www.starkes-bamberg.de
    Aber wieso auch mehr Arbeit machen, wenn die alte Kampagne gut war?! ;-)

    Liebe Grüße,
    A. Sauer

    • Guten Tag Herr/Frau Sauer,

      Ihre Kritik kann ich leider nicht nachvollziehen. Die Kampagne wurde „von Null an“ komplett neu konzipiert und weist bis auf die Farbigkeit (weshalb sollte dieses Branding auch geändert werden?) keinerlei Berührungspunkte zur damaligen Kampagne auf. Das Echo aus der Bevölkerung zur neuen Kampagne ist überwältigend.

      Beste Grüße
      Jonas Lindner

  2. vielen Dank für diese ausführliche Geschichtsstunde. Da ist vieles schon wieder in Vergessenheit geraten. Sorge bereitet mir, wie mit den BürgerInnen unserer Stadt umgegangen werden wird. Eine Stadt ist nicht nur zum Kaffee Trinken und Einkaufen da… Für mich ist Bamberg deshalb so liebens- und wohnenswert, weil schon immer ein großer Zusammenhalt da war und alle stolz auf ihre „alten Steine“ waren. So ein Lebensgefühl zieht auch die Besucher an. Falls wir zukünftig alles in erster Linie für Investoren, Wirtschaft und Touristen herrichten, die Einwohner stetig steigende Gebühren, Straßenausbaubeiträge und hohe Mieten zu schultern haben, wird dieser Schatz verloren gehen. Dann hätten wir zwar jede Menge Hotels, Ferienwohnungen und schicke Hallen, aber nix für die Daseinsvorsorge zugunsten aller Einwohner investiert, Schulen, Soziales, dezentrale Senioren- und Freizeiteinrichtungen, Jugendarbeit etc. wären kaputtgespart. Kein Normalverdiener könnte es sich mehr leisten im Zentrum zu wohnen… Ich spende eine Kerze für die gute Zukunft unserer StadtGemeinschaft :)

  3. Sie sprechen viele Dinge kurz an, über die bereits (meist mit großer Mehrheit) entschieden wurde. So funktioniert Demokratie und dass nicht immer alle Hurra schreien, liegt in der Natur der Sache. Eigentlich ist damit alles gesagt.

    Zwei Dinge sind mir jedoch aufgefallen, zu denen ich kurz einige Anmerkungen loswerden möchte:

    Um die „Gärtnerstadt“ zu vermitteln, braucht es entsprechende Anlaufpunkte, die Besucher – Einheimische und Auswärtige – informieren (siehe auch https://www.uni-bamberg.de/fileadmin/uni/fakultaeten/wiai_lehrstuehle/kulturinformatik/Publikationen/KremerLehmeier_WahrnehmungWelterbe_Welterbetag.pdf). Ob die Kosten angemessen sind, ist eine andere Frage. Zu den Projekten in der Gärtnerstadt (u.a. zum – damals noch temporär angedachten – „schiefen Turm“) gab es ein umfassendes Beteiligungsverfahren, bei dem es große Zustimmung gab. Es ist ärgerlich, dass sich jetzt die selben Menschen hinstellen und schimpfen, die kurz davor noch selbst gerne den Wunsch nach einer entsprechenden Plattform auf ihrem Grundstück äußerten.

    Richtig geärgert hat mich der Satz „Hier hat Jemand die Stärken Bambergs besonders gut betont und eine anhaltende Tourismusschwemme erzeugt.“ Bamberg ist eine schöne Stadt und seit 1993 UNESCO-Welterbe. Das reicht in der Regel aus, dass Besucher kommen. Ich bezweifle, dass dies „erzeugbar“ ist. Bei der Verwendung des Begriffs „Schwemme“ in Zusammenhang mit Menschen habe ich ein äußerst ungutes Gefühl, da auch die Boulevardblätter gerne mit ähnlichen Begriffen („Asylantenflut“) ihre Leser beinflussen. Hier wünsche ich mir etwas mehr Sensibilität.

    Eine kleine Anregung am Schluss: Es wäre schön, wenn auch die Autoren der Beiträge im Artikel genannt werden.

  4. Liebe Redaktion der Bamberger Onlinezeitung,

    zunächst vielen Dank für diesen interessanten, wenn auch kritische Bericht zum OB-Wahlkampf in Bamberg. Da unsere Werbeagentur medienreaktor in den ersten Absätzen namentlich genannt wird, möchte ich hierzu kurz Stellung nehmen.

    Wie Sie sicher in unserem Blog-Beitrag gelesen haben, ist es natürlich richtig, dass wir die aktuelle Wahlkampagne von Andreas Starke betreuen. Falsch ist jedoch, dass wir gleichzeitig die Kampagne des Gegenkandidaten Prof. Seitz gestalten. Lediglich die Website, die natürlich von der CSU auch für den Wahlkampf genutzt wird, stammt aus unserem Hause. Die komplette Kampagne zweier Gegenkandidaten zu gestalten, wäre ein starker Interessenkonflikt und mit zielorientierter Kundenbetreuung nicht vereinbar.

    Richtig ist natürlich auch, dass wir für die von Ihnen erwähnten Organisationen und Unternehmen tätig sind. medienreaktor ist jedoch nicht das neue Zensys und steht auch geschäftlich in keinerlei Beziehung dazu. Dass bei der Größe unserer schönen Stadt und dem Angebot an Werbeagenturen „vieles aus einer Hand“ kommt, ist nur selbstverständlich. Vieles – aber nicht alles: Wer den Wahlkampf von Prof. Seitz betreut ist uns zumindest nicht bekannt …

    Beste Grüße

    Jonas Lindner
    Geschäftsführer medienreaktor GmbH

    • Sehr geehrter Herr Jonas Lindner,

      Danke für Ihren Kommentar und die Richtigstellung, dass Ihre Firma nicht den gesamten Wahlkampf des CSU-Kandidaten Seitz betreuen, sondern nur die Website. Eine Richtigstellung liegt natürlich in Ihrem Interesse und auch in unserem, da wir unsere Leser gerne umfassend und exakt informieren. Wir freuen uns, dass Sie zu unseren Lesern gehören.

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