Szenenapplaus fürs Quintett

Richard Wagners „Meistersinger von Nürnberg“ in Meiningen: szenisch fragwürdig, dafür musikalisch vom Feinsten – und preiswert dazu

Monika Beer

Bebilderung der Ouvertüre mit dem großen Feldgottesdienstkreuz und dem „Nie wieder Krieg“-Plakat von Käthe Kollwitz, das schnell wieder heruntergerissen wird. Foto: foto-ed Meiningen

Wie sagt Beckmesser so schön: „Ein saures Amt, und heut zumal!“ Denn einerseits kann man die Meistersinger-Produktion in Meiningen musikalisch über den grünen Klee loben, anderseits ist nicht zu übersehen, dass die Inszenierung mehr will, als sie sich traut, also faule Kompromisse macht. Wie sonst sollte man es nennen, wenn ein Regisseur im Programmheft ein politisch gefärbtes Konzept beschreibt, das in der Umsetzung ausgerechnet dort Lücken aufweist, wo es in Bezug auf die reale Historie und die Rezeptionsgeschichte besonders auffällt? Anders gesagt: Wer Richard Wagners Oper Die Meistersinger von Nürnberg dezidiert in „den Verwerfungen des 20. Jahrhunderts spiegeln“ möchte, spektakulär mit dem Ende des Ersten Weltkriegs beginnt, später einen Pickelhauben-Bismarckkopf auf die Bühne wuchtet und mit einer Art Pegida-Aufmarsch auf der Festwiese endet, aber zuvor das Dritte Reich homöopathisch dosiert unter den Tisch fallen lässt, der ist sträflich inkonsequent. Und zwar unabhängig von der Frage, ob die kompromisslose Umsetzung überzeugend(er) wäre.

Inszenator und Intendant Ansgar Haag ist zugutezuhalten, dass es zur Überlebensstrategie des Meininger Theaters mit seinen über 700 Sitzplätzen gehört, besser nicht bei der zahlenden Kundschaft anzuecken. An einem Standort mit 20.000 Einwohnern ist das nur zu verständlich. Wer bei fast jeder Aufführung auf Busse voller Opern-, Theater und Konzertfreunde aus der näheren und weiteren Umgebung angewiesen ist, lässt sich lieber von Kritikern abwatschen als vom Publikum. Und das störte sich bei der Premiere weder groß daran, dass während des ersten Akts ein klapperndes Geräusch nicht ausgeschaltet werden konnte, noch dass der Inszenator aus seiner sonst vorherrschenden Bieder- und Harmlosigkeit zumindest am Anfang und im Schlussbild sichtlich ausbricht. Zweimal ein paar Minuten Regietheater-Schrecknisse sitzt der erfahrene Wagnerianer gelassen ab, wenn das Gros eines Meistersinger-Abends dem heiteren Grundcharakter des Werks gerecht und die Handlung ohne viel Verbiegen und Verfremden erzählt wird.

Festwiesenszene mit Stephanos Tsirakoglou als Beckmesser, den weiteren Solisten, Choristen und Statisten, bei der man noch an Friede, Freude & Eierkuchen denken kann. Foto: foto-ed Meiningen

Natürlich bleibt es pure Spekulation, ob die szenischen Brüche zusammenhängen mit der kürzlichen Entlassung von Patrick Seibert, dem Meininger Chefdramaturgen und nach wie vor im Bayreuther Ring darstellerisch aktiven Castorf-Mitarbeiter. Und verwundert registriert man, dass das Theater als Stückdramaturgen mal Ansgar Haag/Aldona Farrugia, mal Ansgar Haag/Sarah Schramm nennt. Sei’s drum: Das keineswegs schlüssige, sondern eher behauptete Konzept ist ja nur ein Teil der von Bernd-Dieter Müller und Annette Zepperitz (Bühne und Kostüme) bebilderten Aufführung, die sich in vielen Details als ein Sammelsurium aus Wagner-Inszenierungen der letzten Zeit erweist – angefangen beim ersten historischen Rundumschlag, wie ihn Stefan Herheim in seinem Festspiel-„Parsifal“ 2008 überwältigend durchexerzierte, den 2010 Jochen Biganzoli in Leipzig sogar DDR-spezifisch fortführte und erstmals einen Frühstückstisch in der Schusterstube etablierte, an dem Stolzings Meisterlied mit spielerischer Leichtigkeit erfunden werden konnte, endend bei Beckmessers Kampf mit dem Notenpult, wie ihn Vera Nemirova 2016 für Erfurt und Weimar akzentuierte, bei David Böschs abstrakten Häusern vor schwarzem Hintergrund in München und dem derzeit wieder grassierenden Unsinn vom alt- oder neufaschistoiden Festwiesenvolk. Ansgar Haag setzt ein paar eigene, mal gute, mal platte Ideen hinzu, ist aber handwerklich versiert genug, um seine Protagonisten mit Spielfreude und Präzision aufzuladen. Weil die Figuren stets lebendig aufeinander bezogen agieren, vergisst man gern die dramaturgischen Fehler und Schwächen – zumal die musikalische Qualität vom Feinsten ist.

Was auf Generalmusikdirektor Philippe Bachs überaus transparentes, gänzlich unpathetisches Dirigat zurückzuführen ist, und auf den glückhaften Umstand, dass eine so aufwändige Produktion solistisch fast komplett aus dem eigenen Ensemble überzeugend besetzt werden kann. Dae-Hee Shin, seit der Saison 2003/04 in Meiningen, ist ein stimmlich kultivierter und souveräner Sachs, der gerade indem er auch darstellerisch nicht auftrumpft, der Figur eine Glaubwürdigkeit gibt, die den ganzen Abend trägt. Das frühere Ensemblemitglied Stephanos Tsirakoglou ist ein sängerisch prägnanter Beckmesser, wird jedoch mit szenischem Klamauk leider abgewertet, Ernst Garstenauer gibt einen Pogner wie aus dem Wagner-Bilderbuch. Eine Eva wie Camila Ribero-Souza, eine Magdalene wie Carolina Krogius hört und sieht man selbst an ersten Häusern nicht besser, erst recht nicht einen David wie den in jeder Hinsicht beweglichen Siyabonga Maqungo, dem man den Lorbeer eher zusprechen wollte als dem wackeren Stolzing von Ondrej Šaling. Was soll man noch groß über fünf Hauptrollendebütanten sagen, die es beim allerdings ohnehin traumhaft schönen Quintett im dritten Akt schaffen, die unter Wagnerianern eingefleischte Szenenapplaushemmung mir nichts, dir nichts – und zu Recht – über den Haufen zu werfen?

Alle weiteren Solisten, die von Martin Wettges einstudierten Chöre – Chor und Extrachor des Meiningers Theaters, die Meininger Kantorei und der Chor des Evangelischen Gymnasiums Meiningen – sowie die Meininger Hofkapelle leisten Großes, auch wenn bei der Premiere die Koordination von Orchester- und Chorstimmen noch nicht durchgehend perfekt war. Dass die Meistersinger zuletzt vor über zwanzig Jahren in Meiningen gespielt wurden und erst aus Anlass des 70-jährigen Chorjubiläums wieder inszeniert wurden, verwundert fast, denn sie scheinen in der hervorragenden Akustik des Hauses besser zu klingen als in Wagners Festspielhaus. Das liegt sicher auch an der reduzierten Streicherbesetzung. Dank der großen Sicherheit der Instrumentalisten merkt und hört das kaum ein Besucher, den Sängern aber ermöglicht es größere Wortverständlichkeit und delikate Ausdrucksnuancen. Dass die Meininger Hofkapelle also ein Star der Aufführung ist, kommt nicht von ungefähr. Denn ihr GMD sorgt mit attraktiven und die Vielseitigkeit fördernden Konzertprogrammen und Sonderprojekten immer wieder dafür, dass die Musiker es gewöhnt sind, auf der Stuhlkante zu sitzen.

Zum Schluss noch ein Bayreuth-Vergleich, der es in sich hat: Die teuersten Karten für die Meistersinger-Neuinszenierung bei den Festspielen 2017 kosten 400 Euro, in Meiningen hingegen gerade mal ein Zehntel. Also nichts wie hin.

Besuchte Premiere am 7. April, weitere Vorstellungen am 6. Mai (ausnahmsweise mit Frank van Hove als Hans Sachs) und am 11. Juni. Karten unter Telefon 03693/451-222 und 451-137, Infos auf der Homepage des Meininger Theaters unter http://www.meininger-staatstheater.de/produktionen/die-meistersinger-von-nuernberg.html/m=106

 

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