Meinen Sie, Zürich zum Beispiel? Oder doch lieber Klagenfurt, Worms, Weinheim, Cadenabbia? Am Ende gar Rom, kulinarisch, Wiehl? Dichter auf Reisen.

Bergwelt

Nachmittags Jause.
Wir saßen mampfend
am Wegrand.
In der Ferne sahen wir
zwei Gemsen ficken.
(Oder war es ein Bergbauer
mit seiner Magd?)
Ein junger Mann
mit Wasserkopf
ging lallend vorüber.
Das ist Österreich,
sagte gerührt meine Nachbarin.
Sie meinte die Gegend,
die mit Gipfeln protzte –
Natur wie gemalt.
Kurz vor Sonnenuntergang
fiel ein Wanderer
aus dem Rahmen.
Genickbruch,
erfuhren wir abends
im Wirtshaus,
bevor einer zur Zither griff.

Axel Kutsch

Von Chrysostomos

Daß Dichter reisen, wie übrigens auch Gedichte (indem sie nämlich ungeachtet aller von Harold Bloom heraufbeschworenen anxiety of influence, und häufig über Jahrhunderte hinweg, aufeinander Bezug nehmen, indem sie miteinander ins Gespräch kommen), daß Dichterinnen und Dichter also reisen, und daß wir diesen Phantasie- und oft auch Realreisen feine Gedichte verdanken, ist so neu nicht. Ohne die Eisenbahn, beispielsweise, kein „Berliner Himmelfahrtstag“ (Arno Holz), kein Freiverspoem „To a Locomotive in Winter“ von Walt Whitman, keine „Whitsun Weddings“ (Philip Larkin; gemeint sind, ein beliebtes Datum, Pfingsthochzeiten), so manches von Eich nicht, von Robert Gernhardt oder Michael Krüger. Auch stünden wir da ohne „regio“ (bedichtet, zwischen „nächstem halt / next stop“, zwischen „haselstauden“ und „runkelrüben“, vom Wiener Gerhard Ruiss), ohne „ICE“ (nein, Michael Augustin, Bremen, ist nicht der Kerl da „im Speisewagen, / der Kerl, der grad den Blick / auf Würzburg wirft / und lächelnd seinen Kaffee schlürft,“ selbst wenn das Gedicht aus seiner Feder stammt), noch wüßten wir, wie es Anja Ross (zuhause, wie Arne Rautenberg, wie Christopher Ecker, und, ehemals, Heinrich Detering, in Kiel), die sich mit dem Schreiber dieser Zeilen neben der ungebrochenen Liebe zur Poesie – man kann von ihr nicht verlassen werden, höchstens verläßt man sie, dies aber nur ungern und immer nur auf ganz kurze Zeit – das Geburtsjahr teilt, zum Auftakt ihres „familienurlaubs“ ergangen ist:

das kind kann nicht trinken
mir bersten die brüste
pumpe meine muttermilch
ins zugklo
endlich angekommen
kinderwagen koffer
käscher und schaufeln
vom bahnsteig schleppen

Und Klaus (nicht Kerstin, noch gar Luise) Hensel macht sich auf mit dem Zug, den „Koffer meiner Mutter“ im Gepäck, von München über Bambergs Partnerstadt Villach „mit Wagen nach Belgrad. Es geht Richtung / Balkan“; und in der dritten Strophe, wenn der „Zug nach Zagreb gerade / am Chiemsee hält“, wenn der „Ober Topfenpalatschinken / bringt und eine Melange“, kommt plötzlich, via eines Briefes, „Für Klaus“, der aus dem Koffer fällt, Chopin ins Spiel und Beethoven, „Für Elise“ also und „Pour Adèle“.

Die Gedichte Hensels, Ross’, Ruiss’ und Augustins finden sich allesamt im 21. Band des Jahreslyrikmagazins DAS GEDICHT, welches uns, und dafür bin ich sehr dankbar, vor wenigen Tagen aus Weßling erreichte. Wie immer bringt das Heft, das mit seinen 145 Seiten eher wie ein Buch daherkommt, ausschließlich Originalbeiträge, auf drei umfangreiche Kapitel verteilt, wie immer stehen sie unter einem Motto. Heuer: „Pegasus & Rosinante. Wenn Poeten reisen“. Erstmals reist, ein schöner Zug, DAS GEDICHT auch in die englischsprachige Welt hinaus. Die Tochterausgabe, das Chapbook When Poets Travel, verantwortet Paul-Henri Campbell, der aus Boston neu zur Redaktion gestoßen ist (welcher auch, wie gewohnt, Anton G. Leitner und, für den 21. Jahrgang, Michael Augustin angehören). Diese Novität ist nur zu akklamieren, denn die „zeitgenössische lyrische Produktion“ deutscher Zunge wird, wie Campbell ganz richtig bemerkt, „außerhalb der deutschsprachigen Länder kaum wahrgenommen“.

Schon das Originalheft setzt, nicht nur über all die besuchten, beschriebenen, besungenen Länder, Städte und Ortschaften, dezidiert auf Internationalität: fünfundachtzig Dichter aus einem Dutzend Nationen melden sich zu Wort. Darunter Tuvia Rübner, der 1941 aus Unselig-Deutschland nach Palästina fliehen mußte, dessen Eltern und Schwestern in Auschwitz den gewaltsamen Tod fanden, der in Haifa Komparatistik lehrte, der als Übersetzer und Lyriker hervorgetreten ist, und der seit der Emeritierung 1992 auch wieder in seiner Muttersprache schreibt; darunter die aus Deutschland gebürtige Eva Bourke, Jahrgang 1946, die einen Teil des Jahres in Galway an der irischen Westküste verbringt und ihr Poem „Reisen mit Gandolpho“ aus dem englischen Original selbst in die Zielsprache geschmuggelt hat; darunter Uta Regoli, die in Québec und in Ferrara zuhause ist; darunter Jürg Halter und Franz Hohler, beide aus der Schweiz; darunter Sujata Bhatt, die, in Bremen lebend, auf Englisch schreibt (ihren „Chinesischen Koch“, dem großen W. H. Auden gewidmet, hat Paul-Henri Campbell ins Deutsche gebracht); darunter – apropos Sprachvielfalt – Fitzgerald Kusz, den, auf Fränkisch, „fernweh“ plagt:

die weld werd immä klennä
lang dauäds nimmä
& si bassd affs display
vo deim handy

Kusz wie auch Halter zählen außerdem zu den Beiträgern der „25 Navigationshilfen zur lyrischen Erkundung der Welt“. Der Franke feiert die Mund-„Art“, sprich die Kunst des Übersetzens (am Beispiel eines seiner Dialektgedichte), der Berner schreibt über seine „Poetischen Reisen hier und dort“, auf denen er mit Brecht in Berlin geflucht und verziehen, mit Léo Ferré in Marseille und Paris Kaffee getrunken, mit Emily Dickinson („Ample make this bed“; man kennt es, auch, aus der Verfilmung von William Styrons Sophie’s Choice mit der zart-hinreißenden Meryl Streep) sein Elternhaus, und vielleicht auch sein Bett, nicht verlassen hat.

DAS GEDICHT schließt mit einem noch frischen Poesie-Proviant, der, in kurzen Kritiken empfohlen und ausgewählt von Augustin und Leitner, für mindestens weitere fünfzehn Etappen und Stationen reichen sollte. Hingewiesen wird beispielsweise auf die Kleine Rolle rückwärts, Markus Bundis Gedichte von 2012 bis 2001, die Klaus Isele, der dem ein oder anderen Bamberger noch bekannt sein mag, in seiner so unermüdlichen wie feinen Edition Isele in Eggingen herausgebracht hat, hingewiesen wird auf Bas Böttchers Vorübergehende Schönheit (dem Band liegt, wie das bei Voland & Quist Usus ist, eine CD bei), hingewiesen wird auf die im Verlag Ralf Liebe, Weilerswist, erschienenen und von Axel Kutsch – dem Autor der eingangs vorgestellten „Bergwelt“ – edierten Versnetze_sechs. Diese laden, nach Postleitzahlen geordnet, ein zu einer vielstimmigen lyrischen Deutschlandreise.

Nach Conil de la Frontera gereist ist, das sei abschließend noch erwähnt, Michael Augustin, und hat von dort ein Dutzend auf den Bloomsday 2013 datierte „Schnipsel aus dem Handgepäck“ mitgebracht. Er erinnert damit unter anderen an Hart Crane, den Verfasser von The Bridge und von White Buildings (1926), von Gedichten wie „Liebesbriefe meiner Großmutter“, wie „Morgendämmerung im Hafen“ und „Chaplinesque“. Crane wurde 1899 in Ohio geboren als Sohn von Eltern, die sich immerzu gestritten haben sollen. Als diese sich 1916 trennten, ging er nach New York und erkundete in ziemlich vollen Zügen (hahaha, das scheint ein Leitmotiv dieser Besprechung zu sein: der Zug, die Züge) die Künstlerwunderwelt von Greenwich Village. Später zog es ihn nach Ohio zurück, wo er schrieb, las und sich in der Schokoladenmanufaktur seines Vaters verdingte. Dieser Vater, erzählt Augustin, habe „jene merkwürdigen Pfefferminzbonbons mit dem Loch in der Mitte erfunden“, die in den USA life savers genannt werden, Rettungsringe also. In den späten, und wilden, Zwanzigern verbrachte Hart Crane einige Zeit in Paris (das, nebenbei, im GEDICHT 21 Barbara Maria Kloos adressiert, inklusive „Edel-Restaurant“, „schnellen Küssen“, „scharfen Sommerkleidchen“ und „nackten Schenkeln“, die – und so schließt sich der Kreis zu Axel Kutschs „Bergwelt“ – „nach dem Ficken“ noch den „Abdruck vom Hotelklo, Brille“, zeigen). Den Pariser Exilanten, den expatriates der von Gertrude Stein („Eine Rose ist eine Rose ist eine Rose ist eine Rose.“) so bezeichneten verlorenen Generation um Hemingway, F. Scott Fitzgerald und eben auch Crane hat Malcolm Cowley das maßgebliche (Erinnerungs-)Buch gewidmet, Exile’s Return (1951). Das Alphabet macht es möglich, daß Cowley, der bedeutende Herausgeber, Literaturkritiker, Lyriker, in Ian Hamiltons Oxford Companion to Twentieth-Century Poetry in English unmittelbar Crane vorausgeht. Und es ist das bisweilen verrückte Leben, das es ermöglichte, daß Crane, der eigentlich einem homosexuellen Lebensstil zugeneigt war, gegen Ende seines kurzen Lebens eine Affäre hatte mit Peggy Baird, der Frau von Malcolm Cowley.

Cranes Ende? Er starb – wie Tschechow – in Badenweiler. Ach nein, das war ja Stephen Crane. Hart hingegen sprang, als er sich im April 1932 eingeschifft hatte, auf der Rückreise von Mexiko in die Vereinigten Staaten vom Heck. Und zwar, so Augustin: „Ohne Rettungsring!“

NB: „Rom, kulinarisch“, im Titel genannt, bezieht sich auf das gleichnamige Gedicht des Münchners Ludwig Steinherr. Nachlesen kann man es auf Seite 85. In einer Trattoria, versteckt gelegen in einer Seitengasse in Trastevere, gereicht wird eine Delikatesse: „jahrhundertelang abgelagert / das Gehirn eines Renaissance-Fürsten / in Butter und mit Salbei gebraten –“. „Kenner“, heißt es bei Steinherr weiter, „trinken dazu keinen Wein“. Der wird ja schon auf Seite 60 genossen, nämlich ein „brunello montalcino sangiovese 2000“. Es ist Gott persönlich, der sich den Brunello schmecken läßt, und der „wie ein dünner nebelstreifen / mitten im tal“ liegt, just als Josef Brustmann dort vorbeikommt, um unter diesem Eindruck das Gedicht „toskana göttliche“ zu schreiben. Einen „scharfen weißen Schnaps“, womöglich vorzüglich geeignet zum Verdauen von Steinherrs Renaissance-Fürsten-Hirn, reicht die bereits erwähnte Eva Bourke (Seite 51). Unterdessen hat, auf Seite 47, Ror Wolfs (Alter ego?) Hans Waldmann längst zu einer weiter nicht bestimmten „neuen Flasche“ gegriffen. In Artur Beckers „Centro Tedesco di Studi Veneziani“ (Seite 76) heißt es schlicht: „Der Wein hier ist blond“ und – wie schön und darin ein wenig an Barbara Maria Kloos’ Pariser „scharfe Sommerkleidchen“ erinnernd – die „Frauen-Röcke sind kurz und katholisch“. Tuvia Rübner endlich geht mit seinem „Freund“ (vergleiche Seite 89) „bei Rutenberg essen, weil sein Lob in aller Mund“, wo eigentlich sonst, „ist“. Rübner wünscht sich zu dem Mahl einen St. Emilion premier cru aus seinem Geburtsjahr. Also einen 1924er. Salute!

NBB: Zu beziehen ist DAS GEDICHT für 12,50 Euro über den Buchhandel, über die Barsortimente oder direkt beim Anton G. Leitner Verlag (www.AGLV.com).

NBBB: Die – mir jedenfalls – sehr liebe Gedicht-und-Kommentar-Reihe der Bamberger Onlinezeitung sei hiermit, auch wenn es noch immer nicht leicht ist, wieder aufgenommen. Bereits seit über einem Monat hat sich mein Notebook in ein veritables Notbuch verwandelt und ist beyond hope and repair, kann also, so hat es den Anschein, nicht mehr zum Laufen gebracht werden. Inzwischen bin ich über eine liebe Bekannte, der ich von Herzen danke, an einen Laptop auf Zeit gekommen. Doch funktioniert auch an diesem nicht alles, was nicht allein die Schuld meiner Technikblödigkeit, die Schuld meiner zumindest in dieser Hinsicht zwei linken Hände, ist. Kein Netzzugang, „es sind keine Verbindungen verfügbar“! Wer einen Ausweg weiß, dem steht es frei, sich zu melden. Ich danke schon vorab und entschuldige mich für diese doch persönlichen Worte.

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