Du sollst ja nicht weinen: Ingeborg Bachmann, rätselhaft. Mit einer Dedikation an Hans Werner Henze, nebst einer Anspielung auf Gustav Mahlers Dritte.

Enigma
für Hans Werner Henze aus der Zeit der ARIOSI

Nichts mehr wird kommen.

Frühling wird nicht mehr werden.
Tausendjährige Kalender sagen es voraus.

Aber auch Sommer und weiterhin, was so gute Namen
wie ,sommerlich‘ hat –

es wird nichts mehr kommen.

Du sollst ja nicht weinen,
sagt eine Musik.

Sonst
sagt
niemand
etwas.

Ingeborg Bachmann

Von Chrysostomos

Nach ihr ist einer der wichtigsten Literaturpreise in Deutschland, Österreich und der Schweiz benannt, der seit 1977 sommers bei den Tagen der deutschsprachigen Literatur in Klagenfurt vergeben wird. Dort ist Ingeborg Bachmann am 25. Juni 1926 geboren worden, gestorben ist sie siebenundvierzig Jahre hernach, in Rom, an Brandverletzungen. Sie war im Bett rauchend eingeschlafen. Die gestundete Zeit, 1953 bei der Frankfurter Verlagsanstalt herausgekommen, und Anrufung des Großen Bären (1956, bei Piper in München) heißen ihre beiden zu Lebzeiten erschienenen, schmalen Gedichtbände.

Für Hans Werner Henze war Bachmann „meine liebe kleine Allergrößte“. Kennengelernt hatten sich der homosexuelle Komponist und die gleichaltrige Schriftstellerin 1952 bei der Tagung der Gruppe 47. Zeitweilig lebten sie zusammen, in Henzes Haus in Neapel. 1955 wurde Bachmanns Hörspiel Die Zikaden, mit Musik von Henze, gesendet, für dessen Opern Der Prinz von Homburg (1960) und Der junge Lord, 1965 uraufgeführt an der Deutschen Oper Berlin, sie die Libretti schrieb. Im Jahr zuvor hatte Henze die Lieder von einer Insel vertont; diese Chorphantasien nach Texten Bachmanns wurden, das Zentenarium von Rosenthal machte es möglich, in Selb uraufgeführt. Vorausgegangen waren 1957 die Nachtstücke und Arien für Sopran und großes Orchester.

„Du sollst ja nicht weinen, / sagt eine Musik.“ Es ist die Musik Gustav Mahlers, die dies sagt, seine Dritte Symphonie, am ehesten vielleicht das hinreißende Adagio-Finale, auch aber das diesem unmittelbar vorausgehende Kinder- und Frauenchor-Bimbam („Lustig im Tempo und keck im Ausdruck“, verlangt die Partitur), in welchem Mahler ein Wunderhorn-Lied („Es sungen drei Engel“) zitiert, eben mit der vom Komponisten hinzugefügten Zeile: „Du sollst ja nicht weinen.“ Weiter (ver-)weisen auf Mahler Bachmanns Anspielungen auf den Sommer. Dem Eröffnungssatz seiner Dritten hatte er den programmatischen Titel „Der Sommer marschiert ein“ gegeben. Freilich läßt sich das Gedicht auch ohne Kenntnis der ma(h)lerischen Musik lesen und genießen. (In den ersten Versen zitiert Ingeborg Bachmann Alban Bergs Opus 4, die Orchesterlieder nach Ansichtskarten von Peter Altenberg.)

NB: Im Februar gehen die Bamberger Symphoniker mit Mahlers Vierter und Fünfter auf Spanientournee. Eine mehr als überzeugende Aufnahme der Dritten liegt beim Zürcher Label Tudor vor.

NBB: Briefe einer Freundschaft heißt der Briefwechsel zwischen Bachmann und Henze, der 2004 bei Piper erschienen ist.

NBBB: Die mit weitem Abstand noch immer beste deutschsprachige Mahler-Biographie hat Jens Malte Fischer vor einer Dekade vorgelegt, einen dokumentarischen Mahler-Roman 2011 der Luxemburger Guy Wagner, bei Rombach in Freiburg: Die Heimkehr. Vom Sterben und Leben des Gustav Mahler.

NBBBB: Weinen macht sie einen dann doch, die Musik Gustav Mahlers. Zumindest mich.

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