Bahntrasse durch Bamberg: Was zumutbar ist und was nicht

Kommentar der Redaktion

Die Diskussion um die geplante Schnelltrasse der Deutschen Bahn AG durch Bamberg zeigt die gefährliche Tendenz, sich in Details zu verlieren (Mauer 2 Meter höher oder tiefer? 200 oder dreihundert Güterzüge am Tag? Einsatz moderner Technik, um hier und da 3 oder 4 Dezibel Lärmbelastung zu reduzieren usw.), dabei aber das grundsätzliche Ziel aus den Augen zu verlieren, diese Trasse der Zerstörung von Lebensqualität durch eine attraktive, lebendige Stadt zu verhindern. Zur Erinnerung:

Der geplante Streckenausbau führt über die Vibration der zukünftig permanent durchrollenden Hochgeschwindigkeitszüge in einem nicht genau zu definierenden Anliegerbereich zu so etwas wie einem permanenten Erdbeben. Dagegen sind die von Bussen ausgelösten Bauschäden, die man hier vor einigen Wochen so nachdrücklich beklagt hat, wirklich nur Peanuts. Der zu erwartende infernalische Dauerlärm wird, selbst wenn man ihn ein wenig eindämmen wird, ein normales, gesundes Leben in einer gewaltigen Schneise schlicht unmöglich machen. (Schon das sachlich irreführende Wort „Schallschutzmauer“ ist ein guter Kandidat für das nächste Unwort des Jahres!) Als Folge beider Belastungen werden die Immobilien der Trassen-Anlieger in einem erheblichen, sicherlich mehrere 100 Meter breiten Streifen durch die Stadt immens an Wert verlieren.

Fazit: Was dieser Stadt und ihren Bewohnern von Verkehrspolitikern und Wirtschaftsführern angetan werden soll, ist einfach nicht hinnehmbar! Wie kann es sein, dass in einem Land, das gerade der Atomindustrie „ade“ gesagt hat, stillschweigend hingenommen wird, dass sich eine andere Industrie erdreistet, in großem Stil humane Werte zu vernichten, um in einer Logik asozialer Gewinnmaximierung hier und dort ein paar Minuten Zeit zu gewinnen. Die Bahn hat merkwürdigerweise immer noch bei Teilen der Öffentlichkeit den Bonus einer „guten Branche“; diesen Ruf tritt sie seit Jahren mit Füßen, wo immer es möglich ist. Welcher anderen Firma, welchem anderen Verkehrssystem würde es die Politik gestatten, privates Eigentum, kulturelle Werte, Gesundheit und Lebensqualität in ähnlich aggressiver Form anzugreifen?

4 Gedanken zu „Bahntrasse durch Bamberg: Was zumutbar ist und was nicht

  1. Kommentar zum Kommentar von Gerhard Henzler (nach Rückkehr aus dem Urlaub):
    Der ursprüngliche Anlass zu dieser Kontroverse stammt vom 14. Juli, war mit „Redaktion“ überschrieben (und selbstverständlich auch mit der Redaktion abgestimmt), wurde aber federführend von mir verfasst. Deshalb dürfte es hier vermutlich auch mein Job sein zu betonen, dass ich allenfalls beim Zähneputzen Schaum vor dem Mund habe, in dieser Verfassung aber nur äußerst selten Zeitungsartikel schreibe. Ihre Vermutung, Herr Henzler, geht insofern an der Realität vorbei, und nicht nur in diesem Punkt.
    So sei hier auch die Unterstellung korrigiert, dass „die Trasse“ (Steht die denn überhaupt schon fest? Ich dachte immer, darüber werde noch verhandelt …) in meinem Beitrag keineswegs „völlig“ abgelehnt wird, sondern lediglich deren momentan diskutierte Ausführung. Es scheint mir – gerade auch angesichts Ihres Kommentars – nach wie vor höchst sinnvoll, darüber zu reden, ob man diese Trasse nicht tief im Boden versenken oder (evtl. auch nur teilweise, Stichwort: Güterverkehr) um Bamberg herumführen sollte. Für mich wären in diesem Zusammenhang gegebenenfalls auch Geschwindigkeitsbegrenzungen zur Lärm- und Vibrationsprävention nur das Normalste von der Welt, wenn der Bauherr denn partout vermeint, mit geringstem Kostenaufwand mitten durch Bamberg hindurch fahren zu müssen. (Wieso sollten einerseits Autos nur mit Tempo 80 durchs Erlanger Stadtgebiet fahren dürfen, Züge aber mit der technisch machbaren Höchstgeschwindigkeit durch das Bambergs?)
    Nicht ganz klar wurde mir bei Ihrer Diagnose „Demokratiedefizit“, gegen wen sich dieser Vorwurf eigentlich richtet? Gegen die Bevölkerung, die nicht permanent im Alarm-Zustand verweilt, um ihre Politiker in Bamberg, München, Berlin und Brüssel sowie die Chefs der Firmen zu beobachten, was diese gerade wieder an tausend Fronten Fieses aushecken, so dass umgehend Gegenmaßnahmen einzuleiten sind? Oder den schlechten Brauch (nicht nur in dieser Stadt, nicht nur in diesem Lande!) der gesellschaftlichen Eliten, Lasten und Profite höchst ungerecht zu verteilen?
    Genau dieses Prinzip erkenne ich nämlich einmal mehr bei den derzeitigen Planungen der Bahn. Und obwohl ich durch glücklichen Zufall kein Betroffener bin, empört es mich doch zutiefst, mit ansehen zu müssen, wie für tatsächliche oder nur vermeintliche Vorteile weniger Mitbürger (die am Bau und an der Finanzierung der Trasse verdienen, die vielleicht für diese oder jene Unterstützungsleistung Boni einstreichen, die – womöglich – auf der neuen Trasse ein paar Minuten schneller nach Berlin kommen) gesundheitlicher und materieller Ruin vieler anderer mit leichter Hand in Kauf genommen wird.
    Sie deuten übrigens kryptisch an, über konstruktive Konzepte zu verfügen, wie man die Kuh vom Eise bringen könnte. Vor vielen Jahren, schreiben Sie, wären Sie damit auch an die Öffentlichkeit gegangen. Man scheint Sie nicht gehört oder nicht verstanden zu haben. Vielleicht war damals die Zeit für Ihre Ideen nicht reif? Sie sollten mit Ihren Vorschlägen auch in diesen Tagen nicht hinter dem Berg halten.

  2. Die „technischen Details“ können in Summe einen entscheidenden Effekt haben. Entgegen der Annahmen des Autos sind es nämlich gerade nicht die Hochgeschwindigkeitszüge (ICEs), die das Lärmproblem verursachen, sondern die Güterzüge, die heute schon in großer Zahl durch unsere schöne Stadt rattern. Nur dass ohne Baumaßnahmen die Lärmneschutzwerte aus Zeit des letzten Streckenumbaus (schätzungsweise der frühen 1950er Jahre) gelten, nach erfolgten Baumaßnahmen hingegen die aktuellen Werte der TA Lärm von heute. Der ICE hat nur indirekt mit den Lärmschutzmaßnahmen zu tun, weil er den Ausbau verursacht, ohne die Güterzüge bräuchten wir kaum Lärmschutz, weil der ICE – bis auf 4 Sprinterpaare am Tag – in Bamberg hält und damit im gesamten Stadtgebiet zu langsam für hohe Lärmemissionen ist.
    Und die deutschen Güterzüge sind technisch so veraltet, dass sie ab 2014 in der Schweiz nicht mehr fahren dürfen – aus Lärmschutzgründen (soviel zu „technischen Details“)!

  3. Mir erscheint der einseitige Kommentar mit Schaum vor dem Mund verfasst worden zu sein. Die Protestbewegung hat erfreulicherweise bereits zum Nachdenken über die Ausführung des Projektes geführt. Es ganz abzulehnen, ist doch unrealistisch, nachdem viele Teilstrecken bereits gebaut sind. Da hätte der Protest schon früher einsetzen müssen. Aber der Protest in der Bevölkerung kommt erst dann in Gang, wenn der Bagger bereits vor der Türe steht. Das ist ein Demokratiedefizit!
    Was ist denn eigentlich die Alternative der Kommentatoren zur völligen Ablehnung der Trasse? Ich hätte dazu schon einige Gedanken. Einen davon habe ich bei der ersten Anhörung vor vielen Jahren vorgetragen.

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