Der Gesamtkomplex „Oberhaider Wallfahrt“ und deren Rezeption – Immaterielles Weltkulturerbe der UNESCO

Der Bamberger GAL-Stadtrat Andreas Reuß will die Oberhaider Wallfahrt als Immaterielles Weltkulturerbe der UNESCO vorschlagen. Nachfolgend seine Begründung.

Andreas Reuß

Bei der Oberhaider Wallfahrt handelt es sich um einen Brauch im Rahmen der römisch-katholischen Kirche, einhergehend mit zahlreichen Begleitphänomenen.

Alleinstellungsmerkmal ist die einzigartige Darstellung in einem bekannten Mundartgedicht und dessen Rezeptionsgeschichte.

  • Daten: Alljährlich Anfang September am Feiertag Mariä Geburt, Beginn 6 Uhr früh, an der Heiliggrabkirche in Bamberg.
  • Anlass: Marienverehrung.
  • Art: Fußwallfahrt.
  • Strecke: über 10 Km.
  • Organisation: eigener Verein (Bruderschaft) mit diversen Ehrenämtern.
  • Seit über 200 Jahren.

Die auf eine alte Tradition zurückgehende Wallfahrt beginnt an der Bamberger gotischen Heiliggrabkirche, wo es noch heute ein Frauenkloster gibt. Sie erhebt sich mit ihren Gärten inmitten des Bamberger Gärtnerviertels, das integraler und wesentlicher Bestandteil des UNESCO-Weltkulturerbes Bamberg ist (seit 1993). Die Oberhaider Wallfahrt ist Teil des Brauchtums der Bamberger Gärtnerkultur, die vielfältige Traditionen pflegt.

Die Wallfahrt führt durch die Gärtnerflur in Bambergs Norden, geht weiter durch den alten Königshof Hallstadt, gelangt dann nach Dörfleins und endet schließlich in Oberhaid an der Pfarrkirche. Nach einer Messfeier und eigener Prozession begeben sich die Wallfahrer in Gaststätten mit teils traditionsreicher Wirtshaus- und Braukultur.

Am Weg liegen mehrere wertvolle Flurdenkmäler, insbesondere gotische Bildstöcke. In Dörfleins erhebt sich zum Beispiel ein sog. Heiligenhäuschen (syn. Helge oder Helche [fränkisch], syn. Bildnische), eines der bedeutendsten Frankens.

Bei der Fußwallfahrt werden wertvolle Gegenstände mitgeführt, u.a. ein Wallfahrtsbild, eine Fahne sowie Schärpen für die Träger. Es existiert auch ein Gesangbüchlein. Einzelne Stationen tragen besondere Namen, zum Beispiel an einer Stelle gibt es eine sog. „Bergpredigt“. Geistliche, Ministranten, Amtsträger und einfache Bürger nehmen teil. In der Kirche sitzt man ohne Unterschied zusammen und am Ende sitzt man gemeinsam im Wirtshaus am Tisch. Mehrere Elemente des Brauchtums werden auch von Lehrern beigetragen (gesangliche Vorbereitung, Instrumentalspiel usw.), sodass hier noch der klassische Volksschullehrer als der traditionelle Kulturträger erscheint.

Durch die Ausstattung mit sakralen Bildstöcken und Kapellen sowie deren Begehung bei der Fußwallfahrt findet eine Sakralisierung der ansonsten wirtschaftlich und verkehrsmäßig genutzten Kulturlandschaft statt. Von der sehr alten Kultur dieser Landschaft zeugen auch diverse archäologische Bodendenkmäler, die unweit der Fußwallfahrt ergraben wurden (z.B. eine Freilandstation des Mesolithikums und Siedlung der Urnenfelderzeit, der Hallstattzeit und der späten Latènezeit am Main bei Hallstadt).

Die Oberhaider Wallfahrt ist weithin ein Begriff im Bamberger Land auch deshalb, weil der Bamberger Heimatdichter Hans Morper, genannt Haanzlesgörch, ein langes, erzählendes Mundartgedicht darüber verfasst hat. Es wurde von dem Oberlehrer Josef Nüßlein vertont. Der Abdruck des Gedichts ist mit köstlichen, durchaus künstlerischen Karikaturen von Karl Stephan illustriert. Eigene Abende werden in Bamberg und der weiten Umgebung veranstaltet, an denen das Gedicht mit Begleitmusik zu Gehör gebracht wird. Manche Interpreten und Musiker haben sich allein durch diesen Vortrag einen Namen gemacht. Bekannt wurde dadurch der bedeutende Bamberger Fotograf Werner Kohn, der auch zahlreiche Fotos zum Bamberger Gärtnerviertel erarbeitet hat.

Das Gedicht dokumentiert eine einzigartige Sprachkultur. Echte, früher identifizierbare Charaktere aus dem Volk werden liebevoll-ironisch erfasst. Sie werden einerseits als Typen, andererseits als Individuen gezeichnet und damit über alle Zeiten hinweg festgehalten. Ihre Eigennamen – ganze Gärtnerdynastien vertretend – sind geradezu als „Kulturdenkmäler“ zu bezeichnen, so wie die Sprachgestaltung überhaupt; denn mit der Sprache gehen Denk- und Verhaltensweisen einher, die heute gerade noch vergegenwärtigt werden können, bevor sie ganz aus der Erinnerung verschwinden. Eine süddeutsch-fränkische, spätbarocke Frömmigkeit, gepaart mit Fröhlichkeit, kann heute noch manche Schicksale und Sorgen für ein paar Stunden vergessen machen.

Durch das Gedicht werden Menschen zur Teilnahme an der Wallfahrt, den Messfeiern, der Prozession und den gemeinsamen Wirthausbesuchen angeregt, wodurch sie wiederum eine geistig-geistliche Erbauung erfahren können. Diese Wechselbeziehung ist wiederum einzigartig.

Alte Familien, deren Traditionen, Lebens- und Denkart werden in dem kleinen literarischen Meisterwerk auf eine unnachahmliche Bühne gestellt. Das Gedicht Morpers wird immer wieder verkauft, genauso wie seine Vertonung auf Schallplatte oder Compact Disc. Außerdem war die Oberhaider Wallfahrt bereits Gegenstand einer Forschungsarbeit für die frühere Gesamthochschule Bamberg, jetzt Otto-Friedrich-Universität (Margareta Güßregen, Landes- und Volkskunde, 1977, für Prof. Dr. E. Roth).

Quellenangaben:

  • Die Oberhaider Wallfahrt. In: Hans Morper, Lachendes Bamberg, Heitere und besinnliche Gedichte, Lieder und Geschichten aus Bamberg und dem Bamberger Land, Bamberg, 3. erweiterte Aufl., 1968, S. 40–46, mit Karikaturen und Liedern mit Noten S. 79-82. Zugehörige CD im Handel.
  • Margareta Güßregen: Mariahilf-Verehrung als Ausdruck der Volksfrömmigkeit in Bamberg und Oberhaid, Zulassungsarbeit für Prof. Dr. E. Roth, Bamberg 1977.
  • Georg Habermehl/Rolf Sachsse: Benät, Keesköhl, Stazinäri. Bamberg – seine Gärtner und Häcker. Erich Weiß Verlag, Bamberg, 160 Seiten. (Buchbesprechung; in: Unser Bayern. Heimatbeilage der Bayerischen Staatszeitung, Dezember 1993).

Andreas Reuß
Autor zahlreicher Schriften über Franken, Stadtrat
Bamberg, im November 2013

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