„Wow, Mahler!“ Gustavo Dudamel wagt sich an die Neunte, und kehrt mit Schubert und Tschaikowsky für zwei Konzerte an die Regnitz zurück.

Von Musicouskuß

Auf Gustav Mahler versteht er sich, keine Frage. Spätestens seit 2004. Damals machte ein gerade einmal dreiundzwanzig Lenze zählender Venezolaner im Joseph-Keilberth-Saal der Bamberger Konzerthalle Mahlers Fünfte (jene mit dem meist wesentlich zu langsam dirigierten – der Komponist selbst brauchte dazu, das ist überliefert, knappe neun Minuten – Adagietto; auch Nichtkonzertgänger kennen es, aus der Visconti-Verfilmung von Thomas Manns Künstlernovelle „Tod in Venedig“), und er machte sie so souverän, derart klar strukturiert und so mitreißend temperamentvoll, dass am Ende eines harten und anstrengenden Concours die Jury befand, der Gewinner des ersten Gustav-Mahler-Dirigentenwettbewerbs der Bamberger Symphoniker könne nur auf den Namen Gustavo Dudamel hören.

Seither, seit fast einer Dekade also, ist Dudamel, der der unvergleichlichen lateinamerikanischen Talentschmiede von José Antonio Abreus „El Sistema“ entsprungen ist, welche Kindern und Jugendlichen vom Rande der Gesellschaft über eine musikalische Ausbildung Aufstiegschancen offeriert, bei den großen internationalen Musikfestivals zu Gast – beispielsweise, mit den Wiener Philharmonikern, in Luzern –, steht bei den Berliner Philharmonikern am Pult, in deren Kontrabaßreihen sich mit Edicson Ruiz ein weiteres „El Sistema“-Talent findet, zu Beginn seiner Anstellung erst achtzehn Jahre alt, und ist seit 2009 in der Nachfolge Esa-Pekka Salonens Musikalischer Leiter des Los Angeles Philharmonic.

Den kalifornischen Hochglanzklangkörper hat Dudamel in die absolute Spitze der amerikanischen Orchester geführt, die längst nicht mehr von den traditionellen Big Five (Chicago, Cleveland, Boston, New York, Philadelphia) bestimmt wird. Das läßt sich auch daran ablesen, daß es dem L.A. Philharmonic immer wieder gelingt, Musiker anderer Toporchester abzuwerben wie der Berliner Philharmoniker oder des Philadelphia Orchestra, dessen Soloposaunist Nitzan Haroz jüngst nach L.A. wechselte, um die durch den viel zu frühen Tod von Steven Witser (ehemals Cleveland) freigewordene Stelle auszufüllen.

2012 machte Dudamel einen großangelegten Mahler-Zyklus in den USA und in Venezuela. Die Neunte ist nun bei der Deutschen Gramophon Gesellschaft auch als Konzertmitschnitt aus der Disney Hall auf CD herausgekommen. Über Mahlers Schwanengesang sagt Dudamel: „Die Musik ist perfekt. Man muss gar nichts tun. Alles ist da. Das Einzige, was man dem noch hinzufügen kann, ist Energie und Vision.“ Über beides verfügt Dudamel reichlich. Das dudamelsche Feuer überträgt sich auf die Philharmoniker, ist spürbar beispielsweise im wuchtigen Blech des „etwas täppischen und sehr derben“ Ländlers und in den synkopierten Rhythmen der Rondo-Burleske. Das Visionäre tut sich auf in der sehr hohen ersten Violine, immer im dreifachen Piano, gegen Ende des Adagio-Finales, das „äußerst langsam“ (Dudamel braucht dafür anderthalb Minuten länger als Jonathan Nott in seiner Aufnahme mit den Bamberger Symphonikern von 2009) in den gedämpften Violoncelli erstirbt. Der Venezolaner schwärmt: „Wow, Mahler!“ Und wir von dem Venezolaner: „Wow, Dudamel!“

Die beiden Sonderkonzerte mit Dudamel finden am Mittwoch, 20. November, und am Samstag, 23. November, von 20 Uhr an im Joseph-Keilberth-Saal statt. Der Reinerlös (Karten zwischen 30 und 75 Euro) kommt der Förderung des musikalischen Nachwuchses und der Jugendarbeit der Bamberger Symphoniker zugute. Am 21. November gastieren Dudamel und die Symphoniker in der wunderbaren Alten Oper Frankfurt. Auch dort wird Schuberts Vierte und Tschaikowskys Sechste auf dem Programm stehen, werden c-Moll und h-Moll aufeinander treffen, die „Tragische“ also und die „Pathetische“.

Auf die Bayerische Staatsphilharmonie angesprochen, sagt Dudamel, der wesentlich auch von seiner Zusammenarbeit mit Claudio Abbado geprägt wurde: „Ich werde den Bamberger Symphonikern ewig dankbar sein. Ihre Professionalität, ihre musikalische Integrität und diese besondere menschliche Wärme macht sie zu einem wahrhaft einzigartigen Ensemble.“ Ewig dankbar sein dürfte Dudamel zudem „El Sistema“. Und so paßt es sehr gut, daß – bei freiem Eintritt – am 22. November (Benjamin Brittens Hundertstem) die gleichnamige Dokumentation von Paul Smaczny und Maria Stodtmeier im Keilberth-Saal auf Großleinwand gezeigt werden wird. Hernach besteht Gelegenheit zu einem Podiumsgespräch mit dem Regisseur.

Es war der engagierte, visionäre venezolanische Musiker und Politiker José Antonio Abreu, der vor drei Dekaden das nationale Musikschulsystem „El Sistema“ als Vorbild für eine bessere Gesellschaft ins Leben rief. Inzwischen machen in Venezuela rund 300.000 Kinder in Chören und Orchestern Musik. Und es sind nicht nur junge Leute wie Dudamel und Ruiz, die international Karriere machen. In der bewegenden Dokumentation von Paul Smaczny leitet Dudamel das Simón-Bolivar-Jugendorchester in Caracas und spricht über seine eigenen Erfahrungen in „El Sistema“. Der Eintritt ist, wie gesagt, kostenfrei, der Beginn um 19 Uhr.

NB: Das „Wow“-Zitat und Dudamels Äußerungen zu Mahlers Neunter Symphonie sind zu finden in Wolfgang Schaufler (Hrsg.): Gustav Mahler. Dirigenten im Gespräch. Wien: Universal Edition, 2013. 265 Seiten, 34,95 Euro. Ein feiner Band, der, ganz aktuell, die persönliche Sicht von Koryphäen wie Abbado, Blomstedt, Boulez, Eschenbach, Gatti, Haitink, Mehta, Metzmacher, Nott, Rattle, Zinman auf Mahler versammelt.

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