Lassen wir die Ränder nicht aus den Augen

Redaktion

Bereits mehrmals haben wir über den Straßenmusikanten Moritz Rabe berichtet und dabei die „unglückliche“ Behandlung durch die Stadt Bamberg thematisiert. Nun lesen wir, dass Moritz Rabe eine braune Vergangenheit hat. – Aber. Wie er selbst auf seiner Facebook Seite schreibt, handelt es sich um Verirrungen aus seiner Jugendzeit, mit denen er abgeschlossen hat:

-unbestreitbar alte Aspekte meiner Entwicklung
-politische Entgleisungen in der Spätjugendzeit
-der steinige Weg zum MenschWerden
-die geläuterte Gesinnung
-und Näheres …

Nun haben wir zwei Problemfelder bzw. hatten zwei Problemfelder. Das erste scheint mittlerweile gelöst zu sein, Rabe einigte sich mit dem Oberbürgermeister auf eine Ratenzahlung der ca. 2000 € ausstehenden Verwaltungsgebühren, über die restlichen ca. 1700 € hat sein Anwalt Beschwerde eingelegt. Damit hätte man den Fall Rabe zu den Akten legen können und ihn, Rabe, weiterhin in der Fußgängerzone singen lassen können. Wäre da nicht der braune Schatten der Vergangenheit am Horizont aufgetaucht. Rabe bestreitet diese Vergangenheit nicht, sieht sie als Verirrung seiner Jugendzeit und ist wohl auch zumindest in Bamberg nicht mit rechtsradikalem Gedankengut aufgetreten. Uns liegen keinerlei Hinweise vor, dass seine Lieder in diese Richtung zielen. Eher andere:

„Spiel nicht mit den Schmuddelkindern“

Erst kürzlich zeigten die Bamberger Bürger Farbe, indem sie sich der Kundgebung der NPD auf dem Maxplatz entgegenstellten und diese lauthals übertönten. Verabschiedet wurden sie mit einem „Haut endlich ab!“. Wohin? Unsere demokratische Gesellschaft ist sich dieses Problems durchaus bewusst. Viele öffentliche Stellen und private Vereinigungen haben sich dem Kampf gegen den aufkeimenden Nationalismus gestellt. Politische Stiftungen, die Friedrich Ebert-, die Konrad-Adenauer-, die Friedrich-Naumann-, die Hanns-Seidel- und Heinrich Böll-Stiftung haben sich zur Aufgabe gemacht, die politische Bildung zu fördern (hier gemeinsame Erklärung der Stiftungen). Initiativen  – EXIT-Deutschland dürfte die bekannteste sein – und online-Portale öffnen den Weg zur Deradikalisierung hin zu einer demokratischen Kultur (Journal). Sie bieten Menschen, die umkehren wollen, Programme und Perspektiven, ihre Vergangenheit hinter sich zu lassen und ein neues Leben zu beginnen, im Einklang mit demokratischen Werten. Diese Aussteigerprogramme bieten psychologischen Halt, aber auch handfeste Hilfen zur Bewältigung des täglichen Lebens: eine neue Wohnung zu finden und in Extremfällen sogar neue Identitäten aufzubauen. Solche Hilfestellungen sind der einzig richtige Weg mit Aussteigern umzugehen. Die demokratische Bürgergesellschaft muss froh sein, über jedes schwarze bzw. braune Schaf, das zurückfindet. Ernsthafte Reflexion vorausgesetzt, kann eine Gesellschaft und die sie tragenden Vereinigungen, Parteien, Ämter, Verwaltungen, Schulen etc. alles tun, diese Menschen zu unterstützen. Denn wohin sollen sie denn?

Im Unterschied zu radikalen Regimen, und wir haben ja in Deutschland in kurzer Zeit ausreichend Erfahrung damit machen müssen, sollten wir uns immer bewusst sein, dass wir uns nach 1945 auferlegt haben, eine humane Gesellschaft aufzubauen.

Ausstieg. Ausschnitt aus exit

Ein kleiner praktischer pädagogischer Hinweis sei noch gestattet. Wenn wir Um- und Aussteigern die Türe weisen und sie nicht zurücklassen in die demokratische Gesellschaft, dann spielen wir sie Radikalen ganz und gar in die Hände. Durch versperrte Wege wird jedem klar – es gibt kein Zurück mehr. Dies wird so zum starken Argument der Rechtsradikalen, um Abwanderungen von vornherein zu verhindern. Aussteigewillige haben so keine Alternative, keine Channce, was bleibt ihnen als bei den Radikalen zu verharren?

Jürgen Baumgärtner zum Beispiel hatte eine zweite Chance – und nutzte sie, am 15.9.2013 wurde er im Wahlkreis Kronach-Lichtenfels mit deutlicher Mehrheit als Direktkandidat für die CSU in den Bayerischen Landtag gewählt. Jürgen Baumgärtner hatte als Jugendlicher auch daneben gegriffen und sich rechtsradikalen Gruppen angeschlossen. Er wurde von der Gesellschaft wieder aufgenommen und repräsentiert diese Gesellschaft heute sogar als Abgeordneter an herausragender Stelle. Gönnen wir unseren Bamberger Straßenmusikanten auch eine zweite Chance.

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Fall Moritz Rabe „gelöst“ / Hörtipp BR: Sängerloge für Straßenmusiker Moritz RabeLesetipp SZ und viel mehr: Bamberger Straßenmusiker droht Haft Der “Fall” Moritz Rabe weitet sich über die Grenzen Bambergs hinaus aus. / Lesetipp BR: Straßenmusiker droht Haft / Erzwingungshaft für Straßenmusiker ? / Betteln trägt zum kommunikativen Gemeinwohl bei / Letzter Brief zur gütigen Einigung bezüglich der öffentlichen Darbietung meiner Kunst mit Ankündigung des durch Sie nun erzwungenen, zivilen Ungehorsams.

Ein Gedanke zu „Lassen wir die Ränder nicht aus den Augen

  1. Ich bin zwar auch überrascht über diese Enthüllungen aber erschüttert haben mich manche Reaktionen darauf. Auf nordbayern.de ist ein Artikel erschienen – anscheind von dem etablierten Bamberger Bürger Markus Raupach verfasst – , der die Situation so darstellt, als ob Rabe/Rocktäschel noch heute ein „Rechter Propagandist“ sei. Der „Lebenswandel“ sei „wenig glaubhaft“. Begründet wird das mit üblen Konstruktionen aus einigen wirklich „belastenden“ Stellen (u.a. Kontakt mit alten „Kameraden“ im Jahr 2011(!). Was ist mit Freundschaft? Ich erinnere an den Fall Drygalla während der vergangen Olympischen Spiele.) aus verschiedenen Blogbeiträgen von „Rabe“, die aber schon durch den Grundcharakter des Reiseberichtes und Blogs widerlegt werden. Auch das aktuelle – nicht rechtsextreme – Handeln von Herrn Rocktäschel widerspricht den dort aufgestellten Behauptungen. Der Raupach Artikel geht also in eine ganz andere Richtung als der der Redaktion oben: Er tritt mitleidlos nach, wo die Redaktion der Bamberger Online Zeitung die Hand reicht.

    https://www.nordbayern.de/region/moritz-rabe-entpuppt-sich-als-rechter-propagandist-1.3176382

    Ich möchte nur daran erinnern, dass wir in einem Staat leben, in dem ein vormaliger „Steine-auf-Polizisten-Werfer“ Bundesaußenminister werden konnte. In Raupachs Artikel wird u.a. als Beweis für Rotschänkels „rechte Gesinnung“ („rechts = rechtsextrem“ STFU!) der Fakt verwendet, dass er für das Internet konsequent „Weltnetz“ verwendet.
    Der Verein Deutsche Sprache (VDS – https://www.vds-ev.de/) deutscht im „Anglizismus-Index“ diverse Wörter ein. Also alles „Nazis“? Ich denke wohl kaum. Die Fanzosen haben für solche Übersetzungen eine staatliche Stelle.
    Das Rabe eine Jungenschaftsjacke trägt – eine schwarze Stoffjacke die bei vielen deutschen Pfadfinderverbänden gebraucht wird – wird zum „rechtsextremen“ Gesinnungsbeweis. In den 70ern wurde Menschen wegen langen Bärten in Deutschland für Terroristen gehalten…
    Dazu auch noch die Falschbehauptung er würde „rechte Runen“ im Blog-Titelbild verwenden. Wenn wir auf den Blog gehen, sehen wir Fraktur (!) und die wurde per „Führererlass von 1941“ [https://de.wikipedia.org/wiki/Antiqua-Fraktur-Streit] verboten – auch wenn sie heute tatsächlich gerne von Rechtsextremen verwendet wird. Oder von gutbürgerlichen, traditionsbewussten Gaststätten und Brauerein! Was zählt mehr: der Missbrauch durch einen Haufen Vollidioten oder unsere jahrhundertealte Tradition?

    Das schöne an einer freiheitlich-demokratisch Grundordnung ist, dass man nicht gleichgesinnt, sondern sich gegenseitig wohlgesinnt sein sollte. Folge ich aber der Raupachschen Losung, komme ich zu folgender Frage: Wenn also jemand mal ein Neu-Nazi war, wird er dann erst als geläutert angesehen, wenn er „Antifaschist“ wird, den Kapitalismus bekämpft, Deutschland hasst und die bürgerliche Gesellschaft abschaffen möchte oder darf er als freier Mensch mit uns leben?

    MfG

    Anm.: Ich konnte den FT-Artikel nicht lesen.

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